13.08.2011 · Die Unesco hat Zeugnisse zu Bau und Fall der Berliner Mauer ins Weltdokumentenerbe aufgenommen. Der „Spiegel TV“-Film von Georg Mascolo zählt dazu. Er befindet sich in bester Gesellschaft.
Von Michael HanfeldDie Mauer ist weg, seit zweiundzwanzig Jahren. Und besteht doch weiter. Nicht nur in Köpfen wie dem der Linkenparteichefin Gesine Lötzsch, die den Bau der Mauer nicht für Made in East Germany hält, sondern für ein Ergebnis des Zweiten Weltkriegs. Die Mauer besteht auch weiter in Dokumenten, die ihren Bau, ihre menschenverachtende Geschichte und ihren Fall dokumentieren. Die Unesco sorgt dafür, die Kulturorganisation der Vereinten Nationen. Sie hat in diesem Sommer - weithin unbemerkt - unter dem Titel „Bau und Fall der Berliner Mauer und der Zwei-plus-vier-Vertrag“ vierzehn Dokumente in Text, Bild und Ton in den Bestand des Weltdokumentenerbes aufgenommen, darunter Fernsehbilder, die Geschichte ins Gedächtnis bannen - vom 13. August 1961, als die Grenze befestigt wurde, vom qualvollen Tod des von Grenzern erschossenen Flüchtlings Peter Fechter am 17. August 1962 bis hin zu den Aufnahmen eines Teams von „Spiegel TV“ am Grenzübergang Bornholmer Straße, an dem in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 Tausende vom Osten in den Westen strömten.
Diese Bilder gehören nun zum Weltdokumentenerbe, das sich der Frage verschrieben hat, an was sich die Menschheit erinnern soll. Seit 1992 gibt es das Unesco-Register „Memory of the World“, es umfasst inzwischen 238 Dokumentensammlungen und macht sie zugänglich (www.unesco.org/webworld/mow). Zwei Vorschläge zur Aufnahme in diese Register hatte das deutsche Nominierungskomitee gemacht - das Motorwagenpatent Nummer 1 von Carl Friedrich Benz und das Konvolut „Bau und Fall der Berliner Mauer“. Beide Vorschläge wurden angenommen.
In Beethovens Gesellschaft
So zählen zum Weltdokumentenerbe nun auch Fotos und Filme aus den sechziger Jahren, die das Deutsche Rundfunkarchiv, das Landesarchiv Berlin, das Staatsarchiv Hamburg und der Rundfunk Berlin-Brandenburg betreuen. Das berühmte Foto „Sprung in die Freiheit“ zählt dazu, das zeigt, wie der Grenzsoldat Conrad Schumann am 15. August 1961 über den Stacheldraht springt, eine knapp einminütige Filmaufnahme, die bezeugt, wie der verblutete Peter Fechter weggetragen wird, John F. Kennedys Berliner Rede vom 26. Juni 1963, Ronald Reagans Rede vor dem Brandenburger Tor am 12. Juni 1987, Schabowskis Versprecher-Pressekonferenz vom 9. November 1989, in der er den freien Reiseverkehr verkündet (“Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich ...“), der Zwei-plus-vier-Vertrag und eben die Bilder von der Bornholmer Straße aus der Nacht, in der die Mauer die Deutschen in Ost und West nicht mehr trennte. Aufgenommen von einem Team von „Spiegel TV“, gesendet bei RTL, während im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ein Fußballspiel lief.
„Ich freue mich. Beethovens Neunte, die Gutenberg-Bibel und Goethes literarischer Nachlass sind keine schlechte Gesellschaft“, sagt der „Spiegel“-Chefredakteur Georg Mascolo, der damals als Reporter von „Spiegel TV“ die Aufnahmen drehte. Von einer guten Gesellschaft wird man sprechen dürfen, zählen zum Weltdokumentenerbe doch die Magna Charta, die Gutenberg-Bibel, das älteste noch erhaltene Manuskript des Korans „Mushaf von Othman“ aus Usbekistan, der Azteken-Codex in Mexiko, die Schlussakte des Wiener Kongresses, die Kolonialarchive Benins, Senegals und Tansanias, die Archive des Warschauer Gettos, die einundzwanzig Thesen der Solidarnosc, Beethovens Neunte, Goethes Gesamtwerk, das Ingmar-Bergman-Archiv, das Nibelungenlied, die Märchensammlung der Brüder Grimm, um nur einige zu nennen.
Das größte Reporterglück
Die Bilder von der Bornholmer Straße, sagt Mascolo, „haben eine historische Bedeutung, weil es die einzigen sind, die zeigen, was in dieser Nacht geschah. Die Menschen haben die Mauer gestürmt, sie ist nicht gefallen. Die Aufnahmen erzählen die Geschichte dieser Nacht, in der sich nach achtundzwanzig Jahren zum ersten Mal die Mauer geöffnet hat.“ Viele Menschen, sagte Joachim Felix Leonhard, ehemals Staatssekretär in Hessen und Vorsitzender des deutschen Nominierungskomitees, hätten „die Ereignisse, an die die Dokumente erinnern, seinerzeit direkt am Radio, im Fernsehen oder in der Zeitung verfolgt - ohne in diesem Augenblick ahnen zu können, welche Bedeutung dieses Ereignis später haben würde“. Er denke dabei „an die ,stillen' Bilder der Berliner Abendschau, die verzweifelte Menschen im August 1961 beim Sprung aus Fenstern auf der Bernauer Straße zeigen“, Schabowskis Pressekonferenz und eben die Bilder „von Menschen, die noch am gleichen Abend den Übergang an der Bornholmer Straße passieren“. Diese Bilder sprächen alle an. Die Dokumente, schreibt das deutsche Nominierungskomitee, das der Historiker Hans-Hermann Hertle von Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam beraten hat, „sind fundamentale und einzigartige Bestandteile des politischen Erbes und des kollektiven Gedächtnisses Deutschlands, Europas und der Welt aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg“. Die Berliner Mauer sei „das zentrale Monument“ des Kalten Krieges gewesen. Also seien deren Bau und Fall und schließlich der Zwei-plus-vier-Vertrag, der den Grundstein für die deutsche Einheit, das Ende des Kalten Krieges und die europäische Integration legte, ins Weltdokumentenerbe aufzunehmen. Da gab es bei den Beratungen des Internationalen Komitees der Unesco, das empfiehlt, was in das Register „Memory of the World“ aufgenommen wird, keinen Widerspruch. Der Vorschlag wurde, wie es auf Nachfrage heißt, als „modellhafte Nominierung“ angesehen.
„Mein Aufenthalt damals in der DDR war das größte Reporterglück, das ich mir wünschen konnte“, sagt Georg Mascolo, von dem das filmische Schlussdokument zu „Bau und Fall der Mauer“ stammt. Der damalige „Spiegel TV“- Chefredakteur Stefan Aust hatte ihn instinktsicher nach Berlin geschickt, ohne exakte Order. „Aber wir wussten, dass jederzeit etwas Ungewöhnliches passieren konnte. Die Menschen hatten seit dem 7. Oktober ausprobiert, was möglich sein würde, sie hatten getestet, wie das Regime reagieren würde, hatten festgestellt, dass das Regime nicht mehr in der Lage oder gewillt war, mit Waffengewalt den Status quo zu verteidigen. Man konnte das Undenkbare denken.“
Bestandteil der Erzählung des Kalten Krieges
Das Undenkbare hatte der DDR-Staats- und SED-Parteichef Walter Ulbricht im August 1961 unter der Ägide der sowjetischen Waffenbrüder mit dem Segen des sowjetischen Staatschefs Nikita Chruschtschow aufbauen lassen, jetzt wurde es auf genauso scheinbar undenkbare Weise vom Volk abgerissen. Wobei, nach dem Dafürhalten des „Spiegel“- Chefredakteurs Mascolo, die historische Rolle einer Gruppe im Jahr 1989 ausgeblendet blieb und bleibt - die der Grenzoffiziere, die an der Bornholmer Straße die Schlagbäume hoben. Er habe „erst im Nachhinein verstanden, unter welchem ungeheuren Druck diese Grenzsoldaten standen, wie alleingelassen sie waren“, sagt Mascolo. Er finde es „schade, dass vor allem den Kommandeuren dieses Grenzübergangs nie Anerkennung zuteilgeworden ist für ihre historische Entscheidung in dieser Nacht. Sie haben gegen Befehl gehandelt und die Mauer geöffnet. Sie hätten sich auch ganz anders entscheiden können.“
Auch der Linkenchefin Gesine Lötzsch sei das Register des Weltdokumentenerbes an dieser Stelle zum Studium ausdrücklich empfohlen. „Die deutsche Teilung ist das Ergebnis des Zweiten Weltkriegs gewesen“, sagt der „Spiegel“-Chefredakteur Mascolo. „Die Mauer war ein Schandmal, ein Zaun, den ein reformunfähiges Regime um das eigene Land zog.“ Damit sei „alles gesagt“. Die Dokumente seien historische Zeugnisse und Bestandteil der Erzählung des Kalten Krieges, schreibt das deutsche Nomierungskomitee der Unesco. Als solche stellten sie einen Zusammenhang her für historische Recherche, Analyse und Reflektion. Der Festakt, mit dem die Aufnahme des Konvoluts ins Weltdokumentenerbe mit allen Beteiligten gefeiert werden soll, ist noch in Planung.