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„Vom Atmen unter Wasser“ auf Arte Tauchgang im Elternhaus

17.04.2009 ·  Wenn auch die Angehörigen aus dem Leben fallen: Eine Familie droht nach dem Mord an der jüngsten Tochter an sich selbst zu ersticken. Ein Trauerdrama auf Arte legt ein grundlegendes Unbehagen offen, das schon lange vor dem plötzlichen Verlust da war.

Von Marguerite Seidel
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Kinder können grausam sein - Erwachsene aber auch. Als kleiner Junge lockt Simon seine noch kleinere Schwester Sarah auf eine Reise in Janoschs Traumland Panama, in Wahrheit versucht er sie in einem Überlandbus für immer loszuwerden. Dafür verpasst ihm seine Mutter eine satte Ohrfeige. Dann erfolgt ein Schnitt. Mit dieser Rückblende auf kindlich-brutale Eifersucht und den elterlichen Ausfall stimmt Winfried Oelsners Fernsehfilm „Vom Atmen unter Wasser“ auf einen Trauerprozess ein, dem die Kindheitserinnerung als zusätzlicher Übelmacher anhaftet.

Seit ein paar Monaten ist Sarah tatsächlich für immer weg, die Sechzehnjährige wurde auf einem Spielplatz ermordet. Während Mutter Anna seither völlig aus der Welt gefallen scheint, bleibt Vater Jo erschreckend pragmatisch. Für Simon, mittlerweile Medizinstudent, hat sich indes eine Sache nicht geändert: Er wetteifert weiter um die Aufmerksamkeit insbesondere seiner Mutter, die ihre Tage in Sarahs Zimmer fristet. Simon zieht sogar zurück nach Hause, um über die Verstörte zu wachen.

Zonen des Unbehagens

Es ist weniger die Geschichte eines tragischen Todesfalls, die Oelsner, basierend auf dem Drehbuch von Lisa-Marie Dickreiter, rekonstruiert - auch wenn die als „Tatort“-Kommissarin bekannte Andrea Sawatzki hier als leidende Mutter kriminalistische Nachforschungen zum Tathergang anstellt. Vielmehr erzählt Oelsner, der zuvor mit „Tsunami“ einen Action-Thriller drehte, in bedächtig inszenierten Szenen vom Abrutschen in eine Beziehungsschräglage, die offenbar bereits lange vor dem Mord das Familiengefüge bedrohte. Es ist ein grundlegendes Unbehagen, das den Reiz dieses Films ausmacht: Jos autoritäre Rücksichtslosigkeit, etwa als er Simon ein blutverschmiertes Badezimmer putzen lässt, Annas alles andere ausblendende Liebe zur Tochter, nicht zuletzt die Einsamkeit Simons.

Daher ist es nicht wichtig, dass die genauen Mordumstände ungeklärt bleiben. Störend wirken indes manch formelhaft-steifer Vortrag von Thorsten Merten, der den Vater spielt, oder manch zu dick ausgeführte Geste von Andrea Sawatzki. Changierend zwischen schneidender Nüchternheit, überbreitem Lächeln und schmerzhaftem Gebrüll, meistert sie die extremen Gefälle jedoch ansonsten überzeugend. Simon, die komplexeste Figur, souverän gespielt von Adrian Topol, bleibt neben der markanten Mutter oft im Schatten. Letztlich ist es aber genau diese Blässe, die sein Dilemma sehenswert offenlegt: Der Tauchgang ins Elternhaus schnürt ihm die Luft ab. Draußen, an der Hand einer Rikschafahrerin in den niedlichen Gassen Freiburgs, bekommt er Farbe. Hier versucht sich der Film plötzlich in Romantik. Einzig die romantikfreien Zonen aber berühren.

„Vom Atmen unter Wasser“ läuft an diesem Freitag um 21 Uhr auf Arte.

Quelle: F.A.Z.
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