15.06.2009 · Es muss höchsten Respekt abnötigen. Dem Leimener ist es mit dem Aufruf des Topos „Traumhochzeit“ wieder einmal gelungen, alle zu leimen. Der nicht mehr sportelnde Boris Becker ist eine Ikone der Bedeutungslosigkeit, nur RTL bemerkt das nicht.
Von Oliver JungenNiemand kann verlangen, dass eine Hochzeit privat sein soll. Ihr ganzer Zweck - zumindest als zivile Veranstaltung - war immer schon auf die Öffentlichkeit gerichtet: Legitimierung der Beziehung und aller Nachfahren durch einen Pakt vor Zeugen. Die weitreichendsten Ansprüche leiteten sich schließlich daraus ab. So vermählten sich die Großen der Welt stets vor den Augen derselben und betrieben damit nicht zuletzt feinsinnige Ritualpolitik, lag doch ein Zeremoniell zugrunde, das kleinste Rangunterschiede sichtbar machte. Auch gehörte es fraglos dazu, die besten Chronisten zu verpflichten.
Dass Boris Becker seine Vermählung mit Sharlely „Lilly“ Kerssenberg nicht - wie seine erste Hochzeit - im privaten Kreis beging, sondern durch kluges Rechtemanagement und Exklusivitätshuberei zum dreitägigen Medienspektakel hochskalierte, dass er durch die eigens geschaltete Videoplattform „Boris-Becker.tv“ die öffentliche Meinung energisch vorzustimulieren versuchte („Großes Aufsehen für ein großes Paar“), war aber weit mehr als eine Anleihe bei den Traditionen symbolischer Kommunikation: Es war eine Meisterleistung der Relevanzanmaßung. Verbinden sich bei hochadeligen Heiraten mächtige Geschlechter miteinander, sind bei den wöchentlichen Hollywood-Traumhochzeiten mächtige Karrieren involviert, so ist an Boris Becker schließlich alles auf eine transzendentale Art egal. Es scheint unvorstellbar, wie dieser nicht mehr sportelnde Sportler der vollständigen gesellschaftlichen Egalheit entkommen könnte. Als Ja-Sager? Nein, auch das nicht.
Ikone der Bedeutungslosigkeit
Es ist die Ballade vom armen reichen B.B. Aller Ruhm an Boris Becker ist Nachruhm, sein einziges Talent abgesunken zu einem vergilbten Lexikoneintrag. Jeder Auftritt, jedes Interview des Ex-Idols ist eine Enttäuschung, weil er einfach der Mann bleibt, der vor vierundzwanzig Jahren ein Turnier in Wimbledon gewann. Es ist ein einziges Missverständnis, ihn immer wieder ins Scheinwerferlicht zu zerren. Sogar die anspruchsloseste Nachnutzung als Talkmaster scheiterte schneller, als man „Äh“ sagen kann. Becker mischt mit in der Spektakelwelt, indem er - fast schon subversiv - das Unspektakuläre selbst verkörpert. Sein glanz- und skandalloses Privatleben, Steuerprozesse, Unterhaltsstreitereien, all das ist bekannt, aber niemand weiß, warum eigentlich. Der Grund von Beckers Prominenz ist allein seine Prominenz. Voilà, Bum Bum Ohnehand, eine Ikone der Bedeutungslosigkeit.
Da muss es höchsten Respekt abnötigen, dass es dem Leimener mit dem Aufruf des Topos „Traumhochzeit“ wieder einmal gelang, alle zu leimen. Die „Bild“-Zeitung stand parat, das Klatschmagazin „OK!“ ebenfalls und RTL bestückte sein gesamtes Wochenendprogramm mit Ausschnitten von der Sause in St. Moritz. Vorläufiger Höhepunkt war die „Exclusiv“-Sendung „Vorteil Becker“ am Sonntag Abend. Wofür der Sender viel Geld bezahlt haben dürfte, war aber nun exakt das, was seit den Zeiten von Super 8 auf Hunderttausenden von Speichermedien auf wehrlose Opfer wartet: Der Hochzeitsfilm in seiner schlimmsten, ödesten, dämlichsten Form.
Ausschließlich stumpfsinnige Statements
Wenn etwas an Beckers RTL-Hochzeit noch mehr nervte als die sagenhafte Langeweile - Steht jemand bei den Proben falsch? Kommen die Frauen wirklich alle in Rot? Hakt da etwa der Ring beim Anstecken? Ist das nicht der Ex von Claudia Schiffer? Wer fängt den Brautstrauß? -, dann war das die eklatante Abwesenheit jeder Form von Größe. Nicht einmal eine Rede gab es zu hören, ausschließlich stumpfsinnige Statements von Gästen wie Gastgebern. Franz Beckenbauer informierte staatstragend, dass er „selbstverständlich im Smoking“ erscheinen werde. Franziska van Almsick wollte alles „schön ausklingen lassen“. Becker selbst kam in seinen Zwischeninterviews mitunter kaum über „Sa-gen-haft“ hinaus, machte aber dennoch meist ein ertapptes Gesicht. Seine Angetraute beherrscht die Spielregeln des Mediums schon besser, wirkte aber dann doch zu überdreht, was besonders auffiel, wenn sie einmal wieder die beiden peinlich berührten Becker-Kinder abknutschte. Nur für einen Augenblick blitzte etwas vom Feinsinn des altehrwürdigen Zeremoniells auf, als nämlich einige der Gäste - darunter Franz Beckenbauer - in Limousinen verfrachtet wurden, während die übrigen sich leicht irritiert in einen schmucklosen Reisebus zu begeben hatten.
Die Höhepunkte der Anverwandtschaftung: Im „legendären Grand-Hotel Badrutt's Palace“ plumpste während des Anschnitts das kleine Plastikbrautpaar von der begehbaren Hochzeitstorte und in der Kirche tanzte Lillys Oma vor dem Altar. Selbst den Profis von RTL fiel es sichtlich schwer, daraus etwas Sendefähiges zu basteln. Man hat - natürlich - das Format Reality-Show gewählt: eine allwissende Stimme aus dem Off kommentiert unablässig das Geschehen, während die Kamera in der gewohnt aufdringlichen Weise Nähe herzustellen versucht. „Wir haben das Brautpaar wirklich keine Sekunde aus den Augen gelassen“, verkündete Moderatorin Frauke Ludowig stolz.
So rückte man, nur zum Beispiel, ganz „weltexklusiv“ viel zu nah an einen verquälten Lambada-Tanz heran, den Frau Sexbombe und Herr Exbombe beschwipst andeuteten. Immer wieder musste der Zuschauer über die Klippe des Einschlafens gehoben werden: „Es gab manch Stolperfalle, doch sie haben ihre Chance ergriffen“. Weil es Stolperfallen aber nie genug geben kann, hielt der Kommentator konstant den Zweifler-Tonfall bei, das Markenzeichen des Senders: Würde auch niemand den Text vergessen, vielleicht doch noch ein weltexklusiver Skandal hereinbrechen? Das verlieh dem Geschehen endgültig das Flair einer Casting-Show: Verheiratet auf Probe.
Das mag ein perfektes Bild für die Tragik des B.B. sein: ein ewiger Kandidat im Reality-Fernsehen, der einen Kandidaten im Reality-Fernsehen spielt, wobei längst vergessen ist, worauf das alles zuläuft. Weil es ja auch auf nichts zuläuft. Es geht wohl einzig noch darum, dass die Sendung niemals endet. Vielleicht hat Boris Becker all das nicht gewollt, vielleicht hat die Gesellschaft ihn dazu gezwungen. Seine Rache, sein Return ist fürchterlich: Er haut uns die relevanzfreie Normalität um die Ohren. Vorteil Becker: Er hat nun eine wirklich schöne Ehefrau.