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Unterhaltungsfernsehen Die unheimlichen Erzieher

Auch das ist Wertevermittlung: Das „Dschungelcamp“ bei RTL zeigt, wozu Fernsehunterhaltung fähig ist. Sprechen wir doch einmal darüber, was sie bewirkt - und wozu sie befähigt sein sollte.

© dpa Vergrößern Madenschaden: Lisa Fitz bei der RTL-Show „Ich bin ein Star - holt mich hier raus“ in Australien

Den politischen Medien traut man es zu: die Stimmung im Land oder gar Wahlen zu beeinflussen, Einsichten zu vermitteln und an der Entstehung eines gesellschaftlichen Wertekonsenses maßgeblich beteiligt zu sein. Die Unterhaltungsformate dagegen, also Fernsehfilme, Serien, Daily Soaps und Show-Programme, gelten hierzulande als gesellschaftlich wenig wirkungsmächtig. Es spricht vieles dafür, dass es sich um eine folgenschwere Fehleinschätzung handelt. Anderenorts lassen sich Hinweise dafür finden. Ein Beispiel: „24“ - die erste Echtzeitserie, die weltweit und insbesondere in Amerika Millionen Zuschauer fesselte, führte eine Figur namens David Palmer ein. In der ersten Staffel noch Senator und Präsidentschaftskandidat, wurde Palmer im Verlauf der Serie der erste schwarze Präsident. Sein Amt übte er so aus, wie man es vom Präsidenten erwartet: umsichtig, tatkräftig, führungsstark.

Haben die Macher von „24“ etwas vorstellbar gemacht, was als ausgeschlossen galt: ein Afroamerikaner als Präsident der Vereinigten Staaten? Hat eine Actionserie möglicherweise gesellschaftliche Wirkung entfaltet und Barack Hussein Obama ins Amt geholfen? Sind die Massenmedien nicht nur das Archiv für unsere kollektive Vergangenheit, ermöglichen sie auch einen Blick in die Zukunft? Nicht wenige politische Analysten sind vom sogenannten „Palmer-Effekt“ überzeugt.

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Unterhaltende Programme werden in ihrer Wirkung unterschätzt

„24“ ist nur ein Beispiel für die Kraft des Unterhaltungsfernsehens. Und diese wirkt auch bei uns. Sie bekommt sogar eine neue Qualität angesichts der Veränderungen in der Gesellschaft. Die Träger des traditionellen Wertekonsenses in Deutschland verlieren an Einfluss: die bürgerliche Mehrkindfamilie, die Kirchen, die Volksparteien, die Gewerkschaften und die politischen Medien.

DSDS-Jury © dpa Vergrößern Gesellschaftliche Entwicklungen vorausahnend: Die neue DSDS-Jury - Sänger Patrick Nuo, Sängerin Fernanda Brandao und Musikproduzent Dieter Bohlen (von links)

Jugendliche orientieren sich inzwischen grundlegend anders als frühere Generationen. Und die Unterhaltungsmedien spielen in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle. Neuneinhalb Stunden verbringt der durchschnittliche Jugendliche heute jeden Tag mit Fernsehen, Radio und Internet, weniger mit dem Buch und der Tageszeitung. Und sie schauen nicht „Monitor“ oder „Tagesschau“, sondern „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“, „Deutschland sucht den Superstar“ und Serien wie „24“. Um es zuzuspitzen: Je mehr klassische Institutionen an Prägekraft verlieren, desto mehr gewinnt das Unterhaltungsfernsehen an Einfluss.

Dennoch fürchte ich, dass nur eine Minderheit derer, die derzeit die Bildungs- und Integrationsdebatte führen, den Jugendlichen regelmäßig folgt, wenn diese in das Leben ihrer Vorbilder eintauchen. Es gibt noch immer das typische Verständnis von E - wie ernst- und wertvoll - und U - wie leicht und belanglos. Die Informationsmedien sind anerkannt als eine legitime Kraft der Aufklärung, die Unterhaltungsformate gelten als unpolitisch und gesellschaftlich unbedeutend. Entsprechend haben die beiden großen Parteien bei der Vergabe der Führungspositionen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens immer mehr um die Besetzung des Chefredakteurs gerungen. Die Programmdirektion blieb der Trostpreis. Ein Irrtum? Unterhaltende Programme werden in ihrer gesellschaftlichen und politischen Wirkung unterschätzt. Und es geht gar nicht darum, ob wir uns diesen Einfluss wünschen sollten. Er ist Realität.

Unterhaltung erreicht andere gesellschaftliche Zielgruppen

Andere Gesellschaften sind auf diesem Erkenntnisweg weiter. In Südamerika spielen die Telenovelas seit Jahrzehnten eine große gesellschaftliche Rolle. In Brasilien haben sie dazu beigetragen, das Rollenverständnis der Frau grundlegend zu verändern. Was Unterhaltungsfernsehen bewirken kann, bewies schon die amerikanische Serie „Holocaust“ Ende der 1970er Jahre. Wie viele Reportagen, Interviews und Dokumentationen hatte es zuvor über die Schoa gegeben? Tatsächlich aber hat erst das Schicksal der fiktiven Familie Weiß die Wahrnehmung in breiten Schichten grundlegend verändert, weil erstmals die Chance bestand, sich mit Menschen emotional zu identifizieren, die auf einer fiktiven Ebene Betroffene der Vernichtungspolitik geworden waren.

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