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Umstrittener Sterbehilfe-Film Tod vor laufender Kamera

11.12.2008 ·  Das britische Fernsehen hat den hochumstrittenen Film ausgestrahlt, in dem sich der todkranke Craig Ewert vor laufender Kamera das Leben nimmt. Zu sehen ist alles: Leidensgeschichte, Abschiedsworte, der Gifttrunk. Eine unparteiische Dokumentation ist der Film nicht.

Von Gina Thomas, London
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Auch Premierminister Gordon Brown konnte nicht umhin, seine Meinung zu dem Dokumentarfilm über den assistierten Selbstmord eines Motorneuronkranken zu äußern, der am Mittwochabend vom britischen Fernsehkanal Sky Real Lives ausgestrahlt wurde. Der Film, der im Schweizer Fernsehen schon im Oktober ohne großes Aufsehen gesendet wurde, hat die Debatte über die Sterbehilfe angeheizt, die durch verschiedene britische Gerichtsverfahren immer wieder in die Schlagzeilen geraten ist. Das war denn auch die Absicht des 59 Jahre alten Craig Ewert, als er zuließ, dass der oscarprämierte kanadische Filmemacher John Zaritsky seinen Tod in der Zürcher Wohnung der Sterbehilfeorgansiation Dignitas festhielt.

Die Sendung hat freilich auch Fragen über die Grenzen dessen aufgeworfen, was das Fernsehen zeigen darf. Gordon Brown schien sich um eine klare Aussage zu winden, als ein Abgeordneter in der Fragestunde des Parlaments von ihm wissen wollte, ob der umstrittene Film im öffentlichen Interesse sei oder bloß „geschmacklosen Voyeurismus“ darstelle. Der Premierminister sprach von einer Gewissensfrage, über die verschiedene Meinungen auf beiden Seiten des Unterhauses herrschten. Es sei notwendig, sicherzustellen, dass es in Britannien niemals einen Fall gebe, wo „ein kranker oder ältlicher Mensch sich unter Druck gesetzt fühlt, einem assistierten Selbstmord zuzustimmen, oder irgendwie glaubt, man erwarte es von ihm“. Aus diesem Grund sei Brown stets gegen die Verabschiedung von Gesetzen, welche den assistierten Selbstmord zuließen.

„Mr. Ewert, wenn Sie das trinken, werden Sie sterben“

Während eine Anti-Euthanasie-Organsiation über den zynischen Versuch, die Zuschauerzahlen zu steigern, schimpfte, verteidigte die Leiterin des zu Murdochs BSkyB gehörenden Kanals die Sendung als „aufrichtige und unparteiische Dokumentation, die das Thema respektvoll darstelle. Der Film, der in England unter dem Titel „Recht zu sterben“ angekündigt wurde, tatsächlich aber den Titel „Selbstmord-Touristen“ trägt, dokumentiert die letzten Wochen des unheilbar kranken Amerikaners Craig Ewert und begleitet ihn und seine Frau Mary aus dem Norden Englands, wo sich das Paar niedergelassen hatte, in die Schweiz.

Er zeigt, wie Ewart auf den Knopf beißt, der mit Zeitverzögerung sein Beatmungsgerät ausschaltet, das er mit der gelähmten Hand nicht mehr bedienen kann. Man sieht in Nahaufnahme, wie dem Patienten die tödliche Medizin gereicht wird mit den Worten, „Mr. Ewert, wenn Sie das trinken, werden Sie sterben“, wie er die Mixtur durch einen rosaroten Strohhalm trinkt und immer wieder einen Schluck Apfelsaft nimmt, um den bitteren Geschmack der Medizin zu beseitigen, wie er darum bittet, den ersten Satz von Beethovens neunter Symphonie zu hören, und wie er sanft einschläft mit der bewundernswert gefassten Ehefrau an seiner Seite.

Ein Plädoyer, keine Dokumentation

Als ehemaliger Universitätslehrer wusste Ewert seinen Beschluss, den Augenblick seines Todes selbst wählen zu wollen, äußerst wortgewandt und würdig zu begründen. Parallel zu seiner Geschichte zeigte der Film ein kanadisches Ehepaar, das gemeinsam sterben wollte. Der Mann, der klagte, dass er wegen eines Herzleidens auf Golf, Tennis und Sex verzichten müsse, wollte nicht mehr leben, obwohl er fidel wirkte und keine sichtlichen Krankheitszeichen aufwies. Seine langjährige Frau war trotz bester Gesundheit fest entschlossen, mit ihm in den Tod zu gehen. Der Dignitas-Arzt, der das Rezept für den Einschläferungstrunk verschreiben muss, lehnte es jedoch ab, dem Wunsch dieses Ehepaares nachzukommen.

Mit dieser Nebeneinanderstellung wollte der Film wohl darlegen, wie gewissenhaft die Dignitas-Organisation ihre Mission erfüllt, ihren Mitgliedern ein menschenwürdiges Sterben zu ermöglichen. Insofern präsentiert sich die Sendung eher als Plädoyer für die assisitierte Sterbehilfe denn als unparteiische Dokumentation. Als solches wollte Craig Ewert ihn auch verstanden wissen.

Mehr zum Thema: Blog Biopolitik: Suizid vor laufender Kamera inszeniert

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Jahrgang 1957, Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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