29.09.2011 · „Der Mann mit dem Fagott“, ein Zweiteiler nach dem Lebensroman von Udo Jürgens, ist trotz einiger Schwächen ein großer Fernsehfilm. Er verbindet die Biographie des Sängers mit der schier unglaublichen Geschichte seiner Familie.
Von Dieter Bartetzko„Jetzt komm ich noch einmal, und dann nimmermehr“: In den Märchen und einigen Romanen der Romantik gibt es diese Schattenwesen, die als Geleiter oder Verfolger, Beschützer oder Verführer das Handeln der Hauptfiguren lenken. In Udo Jürgens' Lebensroman ist es „Der Mann mit dem Fagott“, der als Person auftaucht und verschwindet, als Bronzestatuette Familienbesitz wird, der, zeitweise verschollen, gleichfalls ein magisches Eigenleben zu führen scheint.
So beginnt auch die Verfilmung des Romans wie bei Charles Dickens und E.T.A. Hoffmann: Auf dem spukhaft dämmrigen Bremer Weihnachtsmarkt bannen 1891 leise russische Klänge den jungen Heinrich Bockelmann. Ein Fagottspieler, jung wie er, schickt sie in seine Richtung. Man gerät ins Gespräch, Bockelmann hört von Russland, der Heimat des Musikers.
Auf der Stelle beschließt er, dort sein Glück zu machen, ist zehn Jahre später Bankier des Zaren, besitzt ein Palais, ein Heer Bediensteter, hat eine russische Frau, fünf Söhne, trägt eine goldene Taschenuhr bei sich (die oft auch magische Eigenschaften ausstrahlt) - und ist Besitzer besagter Bronzestatuette, deren lebendes Vorbild ihm in Moskau kurz vor dem jähen Ende seines Aufstiegs wiederbegegnet.
Von den Tragödien eines Jahrhunderts
Noch einmal, diesmal wohl inspiriert von Thomas Manns Satansmotiven in „Doktor Faustus“, blitzt schwarze Romantik auf: Als Greis macht Heinrich seinem Sohn Rudi, der in einem Dorf in Kärnten als Gutsbesitzer und NS-Bürgermeister lebt, zum Vorwurf, er habe sich „mit dem Teufel eingelassen“. Doch man täusche sich nicht. Was der Zweiteiler erzählt, ist tatsächlich die Familiengeschichte des Udo Jürgens, bürgerlich Udo Jürgen Bockelmann. Sie umspannt die fundamentalen Ereignisse und Tragödien des zwanzigsten Jahrhunderts, von der letzten Blüte des kosmopolitischen Groß- und Finanzbürgertums über die Russische Revolution, den Aufstieg und Fall des Dritten Reichs bis zum Wirtschaftswunder.
Wie es Heinrich Bockelmann gelingt, ein Vermögen anzuhäufen, in den Revolutionswirren in letzter Sekunde Frau und Kinder nach Finnland zu schaffen, erst die Kriegshaft - „tötet die Deutschen, tötet die Juden“ - im Ural zu überleben und schließlich mit Hilfe sozialistischer Verschwörer zu entkommen, wie sich seine Familie gutsituiert in Deutschland und Österreich verzweigt, das Dritte Reich erlebt, um dann in beiden Ländern wesentlich am Wiederaufbau teilzuhaben - das ist für ein Filmepos mehr als genug an Irrungen und Wirrungen, grotesken Zufällen und exemplarischen Lebensläufen.
Doch es galt auch noch das wechselvolle Leben des Udo Jürgens, des seit fünfzig Jahren erfolgreichsten deutschen Entertainers, einzuflechten. Zunächst meint man, Regisseur Miguel Alexandre und Drehbuchautor Harald Göckeritz hätten vor der immensen Stofffülle kapituliert und kurzerhand zwei Filme gedreht, eine Familiensaga und eine Starvita, die sie am Ende ineinanderschoben.
Randszenen, die wahrhaft beeindrucken
Vor allem im ersten, dem Moskau-Teil, raschelt in den mit Zusatzinformationen überfrachteten Dialogen mächtig das Papier, zudem sind, weil ihnen Zeit und Raum zur Entfaltung fehlen, die Hauptfiguren oft Schablonen. Selbst der sonst so brillante Christian Berkel als Heinrich Bockelmann bleibt dadurch unter seinen Möglichkeiten; erst als um sein Leben bangender Häftling und mit den packenden Szenen seiner Flucht unter den Augen zaristischer Kontrolleure gewinnt er Kontur.
Wie oft bei der Verfilmung solcher Riesenstoffe sind es Randszenen, die wahrhaft beeindrucken: Der eisige Satz - „ob Sie überleben, hängt davon ab, wie gut wir uns arrangieren“ - des Gefängniskommandanten (großartig im Kurzauftritt Jurij Rosstalnyj) zum Beispiel oder die schlichte Frage eines Schaffners - „Was können Sie denn für diesen sinnlosen Krieg?“ -, der Bockelmann entwischen lässt.
Im zweiten Teil, der mehr Mut zur Verknappung aufbringt, verdichten sich solche Szenen und Gesten, bis sie eine ganze Ära auf den Begriff bringen: Das zögerliche „Na ja, irgendetwas wird er ja schon“ Rudi Bockelmanns beispielsweise, als er es geschehen lässt, dass sein Nachbar wegen unbedachter Worte über die bevorstehende Niederlage des Dritten Reichs von der Gestapo abtransportiert wird.
Mit Jazzsynkopen gegen das Trommelfeuer
Er schweigt, als ein HJ-Führer seinen Sohn Udo wegen nachlässigen Tragens der Uniform einen Schlag an den Kopf versetzt, der dessen Trommelfell zum Platzen bringt. Wie Ulrich Noethen die innere Zerrissenheit dieses Mannes spielt, wie er im stummen Spiel zeigt, dass er sich an der Wahrheit vorbeimogelt, aber in Gestapo-Verhören seine Würde wiedergewinnt, ist mehr als beeindruckend.
Aljoscha, ein russischer Zwangsarbeiter, den Rudi Bockelmann, wie dessen Mitgefangenen, schonend behandelt, sagt zu Udo, dem hochbegabten Kind: „Musik ist gut gegen Angst.“ Damit, und nicht mit dem klischeehaften Bekenntnis - „Ich will ich selbst sein, will so authentisch texten, komponieren und singen wie die Schwarzen, wenn sie in Harlem ihren Jazz machen“ -, ist das Grundmotiv für das Werden des Künstlers Udo Jürgens gesetzt.
Wenn man ihn - gekonnt und mit der notwendigen, zuweilen aber auch hemmenden Diskretion gespielt von David Rott - sein „Was ich dir sagen will“ singen hört, das Semichanson von der Musik, die mehr sagt als Worte, das ihm 1961 ersten Erfolg brachte, dann hört man plötzlich, wie das Kind, das sich stumm vor den Artilleriegeschossen der anrückenden Amerikaner in die Kissen verkroch, sein Schweigen bricht.
Nun versteht man, was viele der deutschen und österreichischen Sänger der Nachkriegszeit, die wir gerne als Schlagerstars abtun, antrieb: die in den letzten Kriegstagen Berlins entstandene Lebensangst etwa, die in den Chansons der Knef aufschien, der notorische Frohsinn eines Peter Alexander, mit dem er vielleicht die Schrecken, die er als minderjähriger Flakhelfer und Marinesoldat erlebt hatte, bekämpfte, die Jazzsynkopen der Valente, die vielleicht das Trommelfeuer übertönen sollten, das sie als Vierzehnjährige im eingekesselten Breslau ertragen musste.
Von Träumen und Wahrheiten
„Das ist meine Eintrittskarte“: So lässt Udo Jürgens sein jüngeres Film-Ich frühe seichte Plattenaufnahmen rechtfertigen. Er verteidigt sich gegen die Vorwürfe seiner ersten Liebe, einer österreichischen Nachwuchsschauspielerin, die, solide gespielt von Valerie Niehaus, die Größe besitzt, sich von dem notorisch Untreuen mit dem Satz „Damit wir uns später nichts vorzuwerfen haben“ trennt. Als Autor wie als Sänger war Udo Jürgens groß genug, den unbedingten Willen zum Erfolg einzugestehen und auch, dass es ihm oft die Hilfe anderer ermöglichte, trotzdem Lieder zu kreieren, die von den „wirklichen Freuden und Sorgen, den Träumen und Wahrheiten“ erzählen.
Am Ende seines ersten triumphalen Solokonzerts umarmt Jürgens im Film weinend seinen Onkel Erwin (Herbert Knaup, neben Noethen der andere schauspielerische Bravourakt des Zweiteilers). Der hat vom Aufsteiger Heinrich den Willen zum Erfolg geerbt, den wiederum der Künstler Udo Jürgens auf seine Weise auslebt. Damit schließt sich der Kreis. Und auch ohne das pathetische Ende mit der Wiederkehr des bronzenen Fagottspielers ist man sicher, eine trotz mancher Schwächen großartige Familienhistorie und Künstlerbiographie verfolgt zu haben, die uns und unserer jüngeren Geschichte den Spiegel vorhält.