10.08.2009 · Kommen und Gehen am „Tatort“ des Hessischen Rundfunks: Nachdem Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf ihren Abschied erklärt haben, wird Ulrich Tukur als Ermittler begrüßt. Er soll aber nicht direkter Nachfolger der beiden werden.
Von Jörg ThomannEine Rolle als „Tatort“-Ermittler zu bekommen, gilt unter Deutschlands Schauspielern als Ritterschlag. Der umgekehrte Fall, dass ein Schauspieler den „Tatort“ adelt, ist seltener, weshalb man dem Hessischen Rundfunk zu dieser Personalie im ersten Moment gratulieren mag: Mit Ulrich Tukur hat der Sender einen Mann als neuen Kommissar für seinen „Tatort“ verpflichtet, der seit vielen Jahren zu den herausragenden Darstellern im Fernsehen und mehr noch im Kino zählt, wo er etwa in „Das Leben der Anderen“ oder „John Rabe“ und zuletzt in Michael Hanekes „Das weiße Band“ auftrat.
Auf den zweiten Blick wird die Sache kompliziert. So geht Tukur zwar zum „Tatort“, nicht aber als Nachfolger des Teams Jörg Schüttauf und Andrea Sawatzki, deren Abschied unlängst publik geworden ist. Statt dieser beiden soll demnächst ein neues, noch unbekanntes Paar ermitteln, das dann zwei Fälle im Jahr lösen wird, Tukur hingegen nur einen. Macht also insgesamt drei HR-„Tatorte“ jährlich - eine Zahl, die zum Ende des Duos Sawatzki/Schüttauf beigetragen hat.
Gebrochene Charaktere
Nachdem die HR-Quote innerhalb der ARD von zwei auf drei Filme heraufgesetzt worden war, wurden die Terminprobleme dadurch offenkundig, dass Schüttauf und Sawatzki zuletzt je einen „Tatort“ alleine bestritten, was schon die Vorahnung eines nahen Endes wecken konnte. Das von Schüttauf und Sawatzki gespielte Duo Fritz Dellwo und Charlotte Sänger, erdacht vom Autor und Regisseur Niki Stein, war ein durchaus erfolgreiches „Tatort“-Team, auch wenn Sawatzkis Rolle der Charlotte Sänger mit ihrer Labilität und Menschenscheu selbst unter den chronisch gebrochenen Charakteren der „Tatort“-Kommissare ein Extrem darstellte.
Mit Tukur, dessen Fälle den „Polizeiruf“ des HR ersetzen, kehrt nun ein Täter an den „Tatort“ zurück: Ausgerechnet er nämlich war es, der als Psychopath in der beklemmenden, 2003 ausgestrahlten Folge „Das Böse“ Charlotte Sängers Eltern ermordete. In seiner neuen Rolle wird er Felix Murot heißen und fürs LKA Wiesbaden arbeiten; seine Sekretärin wird von Barbara Philipp gespielt. In sechs Wochen beginnen am nordhessischen Edersee die Dreharbeiten für den ersten Film. Selbst einem Star wie Tukur indes dürfte es nicht leichtfallen, die Figur zu etablieren, wenn das Publikum sie nur einmal im Jahr zu sehen kriegt; mehr ließ offenbar der volle Terminplan des Schauspielers nicht zu. Für Tukur, sagt die HR-Fernsehspielchefin Liane Jessen, hätte sie „alles gemacht“.
Es scheint allerdings, als habe sich Tukur eine Ausstiegsklausel direkt in seinen Kommissarscharakter schreiben lassen: Sein Kommissar Murot nämlich trägt - das hatten wir im „Tatort“ noch nicht - einen verkapselten Tumor im Kopf, den er „Lili“ nennt. Das klingt nicht danach, als plane Tukur, sich langfristig am Hessen-„Tatort“ niederzulassen.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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