Ach so, jetzt haben wir auch verstanden, warum bei so vielen Leuten, die dringend abnehmen wollen, die Diät nicht klappt: Oder kennen Sie jemanden, der - ergänzend zur Nahrungsumstellung und sportlichen Aktivitäten - einen sieben Tonnen schweren LKW über eine ungarische Teststrecke gezogen hat, allein mit seiner Muskelkraft?
Eben. Dann kann's ja auch nicht gut gehen. Andernfalls hätte Pro Sieben den Kandidaten seiner neuen Abnehmshow „The Biggest Loser“ doch nicht genau so einen „Wettstreit“ zugemutet, bei dem das Verlierer-Team als Bestrafung drei Kilo Fett in einer Plastiktüte in die Hände gedrückt bekam - wenigstens nicht, um es vertilgen zu müssen, sondern quasi als Symbol dafür, dass sie die Kilo beim gemeinsamen Team-Wiegen anderntags als Hindernis drauf gerechnet bekommen.
Auf der „Hacienda“ in Budapest
Es geht eben viel ums Wiegen in dieser Sendung, weil sich, so glauben die Fernsehmacher, Abnehmerfolge sonst so schwer bewerten lassen. Schade, dass dabei so ziemlich die Realität auf der Strecke bleibt. Mit gesundem Abspecken hat der Kilopurzelwahn nämlich nichts zu tun. Vierzehn übergewichtige Kandidaten hat der Sender auf einer „Hacienda“ in Budapest eingesperrt, weit weg von ihren Familien, weil sie sich dann ganz auf ihre Aufgabe konzentrieren können (und Pro Sieben eine Menge bei den Produktionskosten sparen kann).
Die fertige Sendung lag anschließend genauso lange rum wie die guten Vorsätze mancher Zuschauer nach dem vorletzten Weihnachtsfest. Es sei schwer gewesen, den richtigen Sendeplatz zu finden, hieß es bei Pro Sieben. Dass es jetzt direkt nach den Feiertagen ganz clever ist, ließe sich nachvollziehen - aber der eigentliche Grund für die Verspätung ist wohl: „The Biggest Loser“ ist nicht gut.
Wie spannend!
Mal ehrlich: Was ist weniger spannend als anderen beim Abnehmen zuzusehen (während einen womöglich selbst das schlechte Gewissen plagt)? Höchstens, anderen Menschen jede Woche beim Abnehmen zuzusehen: wie sie schwitzen, leiden, in Versuchung geführt werden. Insbesondere wenn daraus ein dämlicher Wettstreit gemacht wird, bei dem ein rotes und ein blaues Team gegeneinander antreten.
Siebeneinhalb Jahre nachdem RTL 2 mit „Big Diet“ auf die Nase geflogen ist, das ziemlich genau dasselbe Konzept hatte wie „The Biggest Loser“ (nur aufwändiger mit Studiomoderation produziert war) und ein halbes Jahr, nachdem Kabel 1 mit seiner Dokusoap „Jedes Kilo zählt - Eine Insel speckt ab“ vom Publikum auf Quotendiät gesetzt wurde, hält Pro Sieben es nun trotzdem für eine gute Idee, endlich mal im Fernsehen zu zeigen, wie Dicke abspecken.
Und erst die Symbolik!
Oder die Show muss schnell noch gezeigt werden, bevor endgültig alle vergessen haben, dass Eiskunstläuferin Kati Witt mal ein Pro-Sieben-Gesicht war. Die Dame moderiert das Specktakel nämlich. Oder besser gesagt: Sie steht ab und zu im „Entscheidungsraum“, um den Kandidaten beim Wiegen zuzusehen und - wie eine kleine Heidi Klum bei „Germany's Next Topmodel“, nur andersherum - zu mahnen: „Nur einer kann 'The Biggest Loser' werden.“ Und die versprochenen 100.000 Euro gewinnen. Wer rausgewählt wird, dem wird hingegen der Kühlschrank - jeder Kandidat bekam einen eigenen mit seinem Namen versehen - ausgeknipst.
Was für eine Symbolik! Hausfrau Doris, 47, war anfangs ganz aufgeregt: „Ich hab noch nie einen Kühlschrank mit dem eigenen Namen gehabt!“ Aber geholfen hat's nicht. Am Ende der Auftaktsendung ist sie von ihrem Team raus gewählt worden - um sich mit ihrer Arthrose, die sie in den ersten Tagen so geplagt hat, schonen zu können.
Was noch kommt
Es ist leicht zu raten, wie Pro Sieben seine Kandidaten weiter inszenieren wird, und dass es bald zum großen Streit mit der vorlauten Mariola kommen wird, die immer allen mit ihrer Selbstinszenierung auf die Nerven geht und das als Schauspielerei missversteht - denn Schauspielerin will sie sein: „Egal, wo man im Fernsehen hinschaltet“, hat sie erzählt, „überall sind nur dünne Frauen. Die Dicken spielen immer nur die Scheiß-Charaktere.“
Aber weil das alles so vorhersehbar ist und nicht - wie Pro Sieben sich sonst so arg bemüht - nach Glamour riecht, sondern eher nach Umkleidekabine, wäre „The Biggest Loser“ besser im Schrank geblieben. Man gönnt den Kandidaten ja allesamt, dass sie ihr Abnehmziel erreichen. Und wenn sie nicht dem Irrglauben aufgesessen wären, dass ihnen Pro Sieben dabei helfen könnte, wäre das noch ein bisschen leichter.
Pro Sieben
Thomas Müller (TMdriver)
- 09.01.2009, 09:36 Uhr
Wer schaut sich sowas an?
Thomas Minnich (tmin260872)
- 09.01.2009, 10:40 Uhr
Herzliches Beileid
christoff berlage (liero)
- 09.01.2009, 10:53 Uhr
Das Original
Herr Riebmann (Herr_Riebmann)
- 09.01.2009, 17:29 Uhr