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„Tatort“-Dienstjubiläum für Lena Odenthal Eine, die wenig über sich nachdenkt

11.10.2009 ·  Wenn Dienst Dienst ist, was ist dann Schnaps? Privatsache! Lena Odenthal ist nun schon zwanzig Jahre im „Tatort“-Dienst. Zum Jubiläum verliebt sie sich in einen unschuldigen Mörder.

Von Edo Reents
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Da hat sie nun ganz persönlich Geburtstag, was, wenn wir richtig gesehen haben, in zwanzig Dienstjahren nicht einmal vorkam, und muss sich von der Seite anreden lassen: „Kollegin Odenberg, wo haben Sie denn die Lederjacke gelassen?“ Selbst wenn sie immer noch im Räuberzivil zum Dienst erschiene - Anrecht auf eine richtige Anrede hat sie allemal.

Obwohl auch der Ludwigshafener Sommer seine Sonnenseiten bereithält, so dass in vielen Szenen zur Jeans eine makellos weiße, vorteilhafte Bluse reicht, deren hochgekrempelte Ärmel die muskulösen Arme ahnen lassen, hat es Lena Odenthal auch in ihrem fast fünfzigsten Fall nicht leicht. Zwar wäre die Geburtstagsparty im kleinsten Kollegenkreis ohnehin nicht berauschend ausgefallen, aber noch nicht einmal am Sekt kann verkniffen genippt werden, denn eine Frau ist am Telefon, die in dem zwölf Jahre zurückliegenden und eigentlich längst geklärten Mordfall Ritterling aussagen will - Treffpunkt Ludwigspark.

Lena Odenthal findet die Unbekannte mit einem Kopfschuss und schiebt die Tatsache, dass die Tote von der eigenen Mutter nicht identifiziert wird, deren Erschütterung zu. Es muss sich doch um die Michaela Bäuerle handeln, die wohl nicht zufällig seit zwölf Jahren vermisst ist, mutmaßlich untergetaucht unter dem Namen Michelle Boyer als Boutiquenbesitzerin - eine „Blitzkarriere“ - im Französischen! So muss man sich Nick Ritterling eben vorknöpfen, den damals ihr Vorgänger in der Mordkommission, Schlothfang, ordnungsgemäß für, natürlich, zwölf Jahre hinter Gitter gebracht hat, weil er seine Frau ermordet haben soll, die es mit der ehelichen Treue nicht so genau nahm. Und dass der Immobilienmakler Jan Seegmeister, ein haltloser Schwächling, mit der frischen Toten ein Verhältnis hatte, ergibt sich logisch daraus, dass dieser es zugibt, was wiederum die extreme Eisigkeit seiner Frau Conny (wie immer sehenswert: Corinna Harfouch) erklärt, die ihm Sätze an den Kopf wirft wie „Mein Gott, bist du erbärmlich“ oder „Halt den Mund, oder ich muss kotzen“.

Lena und Nick

Wenn aber im Prinzip alles klar ist, was wollte dann Michaela Bäuerle noch? Nick Ritterling (Thomas Sarbacher) hat doch schon längst alles zugegeben, er hat gesessen und sitzt nun auf einer vorteilhaften weißen Yacht, auf der ihn Lena Odenthal öfter als nötig aufsucht, um sich bekochen zu lassen. Der Verurteilte hat aber nicht nur Trüffel und Rote Bete zu bieten, sondern auch ein viril-jungenhaftes, womöglich doch noch unschuldiges Gesicht, bei dessen Anblick die Kommissarin schnell schwach wird, und das ist dann der Moment, wo die Sache eine gewisse Schräglage bekommt.

Man kennt genügend „Tatort“-Kommissare, die einem Flirt oder einer Nacht nicht abgeneigt sind - aber dass diese Odenthal, die es bisher nicht nötig hatte, einen auf dufte zu machen und zu ihrer Anspannung steht, sich nun auf einmal mit „Lena“ anreden lässt und ihrerseits „Nick“ sagt, damit hätte man als Zuschauer der ersten Odenthal-Stunde von 1989, als „die Neue“ (so damals der Titel) es gleich mit einem ausgekocht-faszinierenden Michael Mendl zu tun hatte, selbst dann nicht gerechnet, wenn man gar nicht der Ansicht ist, Dienst sei Dienst, und Schnaps sei Schnaps. Dies war im Grunde auch nie die Maxime des „Tatort“-Personals oder wurde es in den nun fast vierzig Jahren zumindest immer weniger, zuweilen an der Grenze zum Lächerlich-Pubertär-Unausgegorenen.

Es geht ans Eingemachte

Lena Odenthal, die mit Abstand Dienstälteste, hat also die Hälfte dieser „Tatort“-Ewigkeit bestritten, ragt aber auf ihre spröde und in der Regel durchsetzungsfähige Art aus der Ermittlerreihe insofern heraus, als bei ihr ihr nicht nur das Privatleben unter Verschluss gehalten wurde, sondern auch die Tatsache, dass sie im Grunde gar keines hatte. Man wusste, dass abends in ihrer Wohnung, die sie sich mit dem famosen Kollegen Kopper (Andreas Hoppe) teilt, im wesentlichen nur ihre Katze auf sie wartet; und die Episode „Große Liebe“, die ihr zum fünfzehnten Jahr, sozusagen zur Kristallhochzeit, auf den im Laufe der Jahre immer sehniger gewordenen Leib geschrieben wurde, ließ uns mühsam Einblick nehmen in ihre Jugendliebesgeschichte; aber das war gewissermaßen ein ungelenker Ausrutscher für eine Kommissarin, die ihre Kollegen duzt und gleichzeitig beim Nachnamen nennt („Danke, Becker“).

Umso schockierter ist man nun, in der mit etwas viel Konfliktstoff angereicherten jüngsten SWR-Episode „Vermisst“, wenn es direkt ans Eingemachte geht. Dass Odenthal auf „Nicks“ Frage, was sie denn in ihrem Leben vermisse, ausweichend und etwas hölzern antwortet, sie sei eine „Wenig-über-mich-Nachdenkerin“, mag noch angehen; dass sie aber später präzisiert „Ich bin einsam, Nick“, ist doch etwas viel. Man will es nicht wissen, weil man es sich denken kann und es ja alle paar Monate sonntags abends sieht.

Das sind, zum Jubiläum, aber eher schulterklopfende als bös' gemeinte Anmerkungen. Denn auch wenn man es auf dem Ludwigshafener Präsidium wahrscheinlich anders ausdrücken wird - wir sagen es jetzt frei heraus: ad multos annos, Ulrike Folkerts!

„Tatort: Vermisst“ läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1965, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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