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Talkshow-Marathon der ARD Nach einer Woche wird uns matt vor Augen

16.09.2011 ·  Die ARD hat ein neues Spätabendprogramm. Das kennt nur ein Genre - die Talkshow. Und die Talkshows kennen nur eine Farbkombination, sie reicht von sanftem Rot bis zu dezentem Blau.

Von Jochen Hieber
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Knapp zwölfeinhalb Millionen Zuschauer konnten die Talkshows auf sich versammeln, die das Erste in der zurückliegenden Woche erstmals in fünffach geballter Wucht ausgestrahlt hat. Gut fünf Millionen waren es bei der ARD-Premiere von Günther Jauch am vergangenen Sonntag, 3,3 Millionen bei Frank Plasberg, knapp über oder unter eineinhalb Millionen bei Sandra Maischberger und Anne Will, etwas unter einer Million schließlich bei Reinhold Beckmann am späten Donnerstagabend.

Letzterer zahlte fast erwartungsgemäß den Preis dafür, dass er gleich zu Beginn mit Kate und Gerry McCann, den Eltern des seit 2007 spurlos verschwundenen Mädchens Madeleine, zwar scheinbar spektakuläre, aber eben nicht deutschsprechende Gäste präsentierte - wenn Filme untertitelt oder Gesprächspartner simultan übersetzt werden müssen, schalten viele Zuschauer entweder erst gar nicht ein oder alsbald wieder weg.

Wie immer man die Quoten in Relation zum Sendeplatz, zu parallel laufenden Programmen und zur Fernsehprominenz der jeweiligen Moderatoren im Einzelnen auch bewerten mag: Tatsache bleibt, dass eine substantielle Zuschauerschar bereit und neugierig genug ist, anderen Menschen dabei zuzusehen und zuzuhören, wenn und wie diese über dauerhaft interessierende oder aktuelle Themen reden.

Stellvertreter-Medium fürs demokratische Gespräch

Die Eurokrise kam zwar ausnahmsweise nicht vor. Aber mit den Folgen des 11. September 2001 (Jauch), den Aufstiegschancen und Barrieren unseres Bildungswesens (Plasberg), den Segnungen und Malaisen des Gesundheitssystems (Sandra Maischberger), dem Glück oder Unglück einer immer älter werdenden Gesellschaft (Anne Will) und eben mit schlimmen Schicksalen und gemeinen Verbrechen - bei Beckmann ging es später noch um den Kindesmörder Magnus Gäfgen - hatten die jeweiligen Redaktionen Themen gewählt, über die sich die Leute auch im Alltag unterhalten.

Die Talkshow im Fernsehen als Stellvertreter-Medium für das demokratische Gespräch: das ist der Maßstab, an dem die einzelne Sendung und damit auch die geballte Debattierladung der ARD zu messen ist. Von Siegen, gar Triumphen wollen wir dabei nicht reden, dafür war schon das schiere Überstehen von in toto sechs Sendestunden hart genug. Sich diesem Marathon nun Woche um Woche auszusetzen kann gewiss für kaum einen Zuschauer in Frage kommen. Nicht im Kollektiv, sondern nur in Konkurrenz zueinander haben die ARD-Moderatoren eine vorstellbare Zukunft.

Erspart blieben uns fürs Erste zwei der gängigsten Malaisen von Talkshows - die Duplizierung von Themen und die Wiederbegegnung mit den immergleichen Studiogästen. Nicht einer von ihnen trat in den vergangenen Tagen zwei- oder gar mehrfach auf - die Plazierungsregie der ARD zeigt erste Wirkung. Natürlich verzichtete keine Sendung auf erprobte Gästeprofis. Elke Heidenreich, Jürgen Todenhöfer und Ex-Verteidigungsminister Peter Struck gaben einen je erwartbaren Part bei Jauch, dafür musste der kalifornisch-schwäbische Fußball-Reformer Jürgen Klinsmann ob seiner Alltagsbefunde über „den Amerikaner“ nach der Sendung manch mediale Häme über sich ergehen lassen, obwohl er doch just jene extravagante Besetzung verkörperte, die sich Fernsehkritiker im Grunde wünschen.

Ein fröhlicher Musterpatient

In die Mitte zwischen vier Männern hatte Frank Plasberg seine RTL-Kollegin Nazan Eckes gesetzt, die dem Titel der Sendung („Der blockierte Aufstieg“) zuwider dann die veritable Erfolgsgeschichte einer Migration - und damit auch des deutschen Schulwesens - erzählte.

Bei Sandra Maischberger waren der Promifaktor und die Selbstreferenzialität des Fernsehens mit Marianne Koch, Eckart von Hirschhausen und dem NDR-Ewigkeitsmoderator Carlo von Tiedemann besonders signifikant - wobei von Tiedemann dieses Mal den fröhlichen und vertrauensseligen Musterpatienten gab, nachdem er vor wenigen Monaten und ebenfalls in „Menschen bei Maischberger“ noch das Drogen- und Alkoholwrack gespielt hatte.

Anne Will hatte die Malaisen des Alters mit dem als Realzyniker überzeugenden Dramatiker Rolf Hochhuth, die Alterseuphorien mit der Schauspielerin Ruth Maria Kubitschek und dem wie immer schamfrei unkorrekten Millionärsmacho Rolf Eden besetzt. Der CDU-Politiker Jens Spahn musste zugleich routiniert die Angriffe des Moralisten Markus Breitscheidel parieren, der überdies sein neues Buch über „den unmenschlichen Alltag in der mobilen Pflege“ präsentieren durfte. Literaturmarketing gab es auch bei Beckmann - am gestrigen Freitag erschien Kate McCanns Buch über ihre Tochter - und zumal bei Sandra Maischberger, die gleich einen ganzen Büchertisch mit den jüngsten Werken ihrer Gäste füllte.

Das substantielle Füllen der Sendezeit hingegen fiel allen vier Talkshows schwer, die über eineinviertel Stunden verfügen - die sechzig Minuten, über die Günther Jauch gebietet, sind ganz gewiss das bessere Maß, weil es nach adäquatem Tempo und thematischer Stringenz verlangt. Das Studiopublikum wird auch in den ARD-Gesprächsrunden nur marginal einbezogen, kommt also über eine Claqueursrolle kaum hinaus, weshalb man es bei Beckmann keineswegs vermisst.

Das Blaue zwischen Backsteinfassaden

Die aufwendigste Studiokulisse und die ambitionierteste Personenregie hat Günther Jauchs neue Sendung aus dem Kuppel-Gasometer in Berlin-Schöneberg (Jauchs Premiere: Das Format hat Format). In Sachen Regie höchst bieder ist hingegen Plasbergs „Hart aber fair“ - es gibt nur Nahaufnahmen oder die Totale, ansonsten keinerlei Kamerabewegung. Dass Plasberg dieses Mal besonders zahm daherkam, lag auch daran, dass die als Gesprächskontrahenten vorgesehenen Politiker Karl Lauterbach (SPD) und Ludwig Spaenle (CSU) polemische Wechselreden nur höchst ansatzweise inszenierten, sich dann aber rasch wieder der Ernsthaftigkeit des Themas beugten. Und Frank Plasberg selbst war fair, aber weich.

Reichlich uniform sind schließlich die Studiofarben, überall sehr ähnliche, immer gedeckte Töne an den Wänden und beim Mobiliar. Bei Jauch dominieren ein jeweils dezentes Orange, Rot und Gelb, in den anderen Sendungen verwendet man gerne Ocker und gemäßigtes Braun, bei Beckmann kommt - wir sind in Hamburg eben nahe am Wasser - etwas Blau zwischen den Backsteinfassaden hinzu. Und eben die Fototapete mit urbaner Szenerie. Die Fototapete bei Frau Maischberger bietet ein Kölner Irgendwo und sollte besser bald verschwinden. Die Zuschauerpsychologie schreibt den Talkshows der ARD offenbar matte Töne vor, damit wir uns auch ja heimisch fühlen. Mattigkeitsgefahr allerdings wird beständig auch über der ganzen Fünffachstrategie des Ersten schweben.

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Jahrgang 1951, Redakteur im Feuilleton.

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