Home
http://www.faz.net/-gsc-15k54
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 12. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Tagung der ARD-Intendanten Das große Gebühren-Quiz

10.02.2010 ·  Für Moderator Jörg Pilawa hat das Erste gleich fünf Nachfolger gefunden, auf die Kritik der geplanten „Tagesschau“-App eine kühne Beschwichtigung und zu seiner Finanzlage einen schiefen Vergleich: Die ARD-Intendanten haben getagt.

Von Michael Hanfeld
Artikel Bilder (7) Lesermeinungen (1)

Die Intendanten der ARD waren fleißig, auf ihrer Februar-Sitzung haben sie für den Rest des Jahres geradezu erschöpfend vorgearbeitet und dabei auch ihr ceterum censeo nicht vergessen, das da lautet: Wir haben viel weniger Geld, als ihr denkt.

Die Beschlusslage im Schnelldurchlauf: Den Vorsitz der ARD übernimmt 2011 die WDR-Intendantin Monika Piel, die kleineren Sender Radio Bremen und Saarländischer Rundfunk werden finanziell entlastet, durch Synergien beim Sendebetrieb, der Buchhaltung und Honorarabrechnung soll Radio Bremen durch den NDR um eine Million Euro, der SR durch den SWR um 1,4 Millionen Euro jährlich entlastet werden. Der Unterhaltungskoordinator der ARD, Thomas Schreiber, bekommt einen eigenen Etat, was seine Position festigt und ihm die Möglichkeit gibt, Kooperationen wie jene mit dem Pro-Sieben-Entertainer Stefan Raab beim „Eurovision Song Contest“ (siehe auch: Stefan Raab im Interview: „Das muss ein nationales Event werden“) mit leichterer Hand zu unternehmen.

Für den zum ZDF wechselnden Moderator Jörg Pilawa hat die ARD gleich fünf Nachfolger gefunden: Reinhold Beckmann moderiert zwei Shows zum sechzigjährigen Bestehen der ARD, produziert werden diese von Günther Jauchs Firma I & U, was ein Zeichen dafür ist, dass die ARD auf den 2005 fast zu ihr gewechselten RTL-Moderator (siehe auch: ARD entwickelt Pläne für Sandra Maischberger, Frank Plasberg und Anne Will) nach wie vor ein Auge hat. Frank Plasberg gestaltet neben „hart aber fair“ an drei Abenden im Herbst „Das Quiz der Deutschen“, der Populärwissenschaftsmann Ranga Yogeshwar präsentiert „Populäre Irrtümer“, der „Morgenmagazin“-Macher Sven Lorig unternimmt „Die große ARD-Weltreise“, Eckart von Hirschhausen schließlich übernimmt die Sendung „Frag doch mal die Maus“ und „Das phantastische Quiz vom Körper und Menschen“.

Ein kräftiger Seitenhieb

Bei der inzwischen traditionellen Themenwoche geht es dieses Jahr um die Ernährung, der Vertrag mit dem Sauerland-Boxstall wird um drei Jahre verlängert, er sieht unter anderem umfassende Doping-Kontrollen vor. Zum Beginn der Olympischen Winterspiele in Vancouver am Samstag nimmt die ARD den Betrieb des hochauflösenden Fernsehens HDTV auf.

Nicht verkneifen können sich die Intendanten einen kräftigen Seitenhieb auf die „interessengesteuerte Skandalisierung einzeln herausgegriffener Punkte“ des Berichts der Finanzkommission Kef, welche die Finanzlage von ARD und ZDF alle zwei Jahre durchleuchtet. Gemeint sind Berichte, die auf die nach wie vor üppige Ausstattung der Anstalten verweisen (siehe auch: Die Finanzen von ARD und ZDF: Wo Milch und Honig fließen). So verfügt die ARD, die permanent von „Einnahmeverlusten in dreistelliger Millionenhöhe“ redet, bis 2012 pro Jahr über mehr als sechs Milliarden Euro, das ZDF über rund zwei Milliarden, vor allem die Ausgaben für das Internet steigen exorbitant auf rund 611 Millionen Euro.

Der letzte Trick

Die kontroverse Debatte um die geplante „Tagesschau“-App für Smartphones nannte der ARD-Vorsitzende Peter Boudgoust übertrieben. Die Anwendung sei erst in Planung, richte sich nach aktuellen Schätzungen an lediglich rund 800.000 Nutzer auf einem Markt, auf dem alle großen Verlage und die Privatsender längst vertreten seien. Die von der ARD angekündigte, kostenlose „Tagesschau“-App war nicht nur von Verlegern und Verbänden kritisiert worden. Auch Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) hatte gewarnt, derlei Gratisangebote könnten „unnötig neue Geschäftsmodelle der privaten Anbieter gefährden.“ (Siehe auch: Neumann gegen ARD-Gratis-„Apps“ auf Handy)

Mit ihren Online-Angeboten, schreiben die Intendanten, werde die ARD nur „den Bedürfnissen einer modernen Mediengesellschaft gerecht“. Jeder Euro, den die ARD fürs Internet ausgebe, werde an anderer Stelle eingespart. Sparsam agiere man sowieso, 2012 etwa werde es 4000 Festangestellte weniger geben als 1993. Man wolle prüfen, wie der von der Kef angemahnte Abbau von 300 Stellen, der fünfzig Millionen Euro einbrächte, „sinnvolle umgesetzt werden kann“.

Dass es dann aber immer noch rund 21.000 Festangestellte sind und man heute mehr mit freien Mitarbeitern agiert, schreiben die Intendanten bei ihrem schiefen historischen Vergleich selbstverständlich nicht. Auch verstehen sie nicht, dass ihre Online-Ausgaben an sich der Skandal sind – eine Wettbewerbsverzerrung sondergleichen, eine Lizenz zur Online-Zeitung und der letzte Trick, mit dem man die Rundfunkgebühr für den PC von noch – auf Kulanzbasis gehaltenen – 5,76 Euro dereinst auf die volle Gebühr von 17,98 Euro erhöhen kann.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Wulffs Ensemble

Von Martin Otto

Schon Bertholt Brechts Dogsborough konnte Geschenke guter Freunde nicht ablehnen. „Dieses Landhaus hätt’ ich nicht nehmen dürfen“, bekennt die an Reichspräsident Hindenburg angelehnte Figur. Mehr 7 15