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„Tagesschau vor zwanzig Jahren“ Vom glücklichen Wankelmut der Zeitgeschichte

 ·  Was bewegte die Welt im Jahr 1989? Die „Tagesschau vor zwanzig Jahren“ zeigt es uns. Jochen Hieber verfolgt das Langzeitprojekt und ist im Juli auf ein bemerkenswertes Zwischenstadium gestoßen: Schien der Mauerfall im Juni noch denkbar, spricht momentan niemand mehr davon.

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Am Samstag, dem 15. Juli 1989, gibt Dagmar Berghoff, die beliebte Sprecherin der „Tagesschau“, ihren Zuschauern kurz vor dem Überleiten zum Wetterbericht noch eine kleine Agenturmeldung mit auf den Weg ins gleich folgende abendliche Unterhaltungsprogramm: Etwa dreißig DDR-Bürger, heißt es da, hätten in der Budapester Botschaft der Bundesrepublik Zuflucht gesucht. Als Quelle für diese Nachricht nennt Frau Berghoff die „morgige Ausgabe“ der „Bild am Sonntag“. In den kommenden Tagen werden der Vorfall und dessen Fortgang weder in der „Tagesschau“ noch in den „Tagesthemen“ aufs Neue erwähnt.

Erst eine Woche später, am 22. Juli, folgt, dieses Mal in den Spätnachrichten gegen 22.10 Uhr, eine weitere kleine Agenturnotiz: Walter Priesnitz, Staatssekretär im Innerdeutschen Ministerium, warne die Bürger der DDR vor einer Flucht über Ungarn, erfährt man nun. Zwar gehe, so Priesnitz in seiner Pressemitteilung, der im Juni begonnene Abbau der befestigten Grenzanlagen zwischen Österreich und Ungarn weiter, allerdings habe die „Streifentätigkeit“ der ungarischen Grenzpolizisten nicht nachgelassen - erwischte und festgenommene Flüchtende würden umgehend der DDR übergeben.

Im Hinterhof des Weltgeschehens

Am Freitag, dem 28. Juli, wieder hat Dagmar Berghoff Dienst, gibt es eine Stellungnahme der „ungarischen Behörden“: Obwohl man inzwischen 117 Kilometer Stacheldraht und damit die Hälfte des Grenzzauns beseitigt habe, wolle man „nicht zum Kanal für Flüchtlinge“ werden, zudem warne man vor „teuren Schleppern“. Am 29. Juli wird gemeldet, die Budapester Botschaft habe ein zusätzliches Gebäude gemietet, um die immer zahlreicheren Flüchtlinge unterzubringen, wolle dazu selbst aber keine Stellung nehmen. Am Tag danach gibt es erstmals überhaupt Fernsehbilder vom Massenandrang - und zum Monatsende dann, allerdings nur als neunte Meldung des Tages, eine erste offizielle Mitteilung des Außenministeriums in Bonn: Man könne den DDR-Bürgern „kaum helfen“, „die Entscheidung“ über ihre Ausreise in den Westen liege „allein bei der DDR.“ Der Außenminister selbst enthielt sich jedes Kommentars: Hans-Dietrich Genscher war erst am 29. Juli wieder aus der Klinik entlassen worden, wo er sich zuvor neun Tage lang von einem „leichten Herzinfarkt“ erholt hatte.

Im Budapest des Juli 1989 also begann eher schleichend und von der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit zunächst wenig wahrgenommen, was in den kommenden Monaten dann vor allem in der Prager Botschaft weltdramatische Züge gewinnen sollte: der Auszug aus der DDR über das Ausland und damit eine Flucht ins noch lange Zeit völlig Ungewisse. Natürlich wäre es ridikül, die damaligen Entscheidungen der zentralen ARD-Nachrichtenredaktion von heute aus einer besserwisserischen Kritik zu unterziehen. Sie hatte just in jener Zeit und aus allen möglichen Weltgegenden ohnehin gewichtiges, ja ungeheuerliches Material genug.

Verborgene Dramaturgie der Wende

Der unwiderstehliche Reiz, gerade jetzt die „Tagesschau vor zwanzig Jahren“ zu sehen, folgt mithin einem ganz anderen Interesse: Man bewegt sich in diesen sehr emphatischen Wiederholungen wie in einem einst bedeutsamen Buch, das man nun aufs Neue liest - oder wie in einem weiland prägenden Film, den man nach zwei Dekaden nochmals sieht. Der Ausgang, das Ende ist jeweils bekannt. Viel genauer aber als damals spürt und sieht man nun, wie sich der Gang der Handlung und die Dramaturgie des Geschehens entwickelten, welche Muster sie dabei bildeten - und worauf, durchaus ohne punktgenau zielgerichtetes Agieren der Hauptfiguren, das Ganze letztlich hinauslief. Aber auch das schiere Gegenteil stimmt: Das bekannte und mit der Maueröffnung am Abend des 9. November 1989 ja auch glückhafte Ende war keineswegs das einzig mögliche, ja: es war noch nicht einmal das wahrscheinliche.

Im Juni vor zwanzig Jahren bildeten jenseits der allgegenwärtigen Geschehnisse in China nach dem Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens vor allem innenpolitische, innerdeutsche Ereignisse das Zentrum der „Tagesschau“ (F.A.Z. vom 29. Mai): Höhepunkt war dabei in der Mitte des Monats der triumphale, von der DDR-Führung argwöhnisch beäugte Staatsbesuch Michail Gorbatschows in der Bundesrepublik. Im Juli 1989 aber kamen an mehr als der Hälfte der einunddreißig Ausgaben die allererste Meldung oder der erste Korrespondentenbericht aus der noch existenten, schon zerfallenden Sowjetunion.

Gorbatschow und Bush im Focus

Gorbatschow, ZK-Vorsitzender der KPdSU wie Präsident des Obersten Sowjets, schickte einen „dramatischen Appell“ nach dem anderen ins wankende Imperium hinaus: Zunächst in Sibirien, dann auch im Kaukasus und in Workuta streikten die Bergarbeiter der Kohlegruben, in Abchasien und Georgien ließen sich die Nationalitätenkonflikte nur noch unzureichend eindämmen, die baltischen Republiken Estland, Lettland und Litauen erhielten vom Moskauer Parlament weitgehende ökonomische Autonomierechte. Gegen Gorbatschow wandten sich nicht nur die alten Kader, denen der Machtverlust der Partei und die „Zersetzung der Gesellschaft“ ein Greuel waren, sondern auch eine sich selbst „linksradikal“ nennende Oppositionsgruppe, der die Reformen von Glasnost und Perestroika nicht weit und nicht rasch genug vorangingen - Boris Jelzin stellte sich an deren Spitze.

Ein halbes Jahr nach seinem Amtsantritt reiste der neue amerikanische Präsident George Bush sr. nach Europa - vorab seine Besuche in Polen und Ungarn zeitigten unmittelbar Wirkung. Ungarn etwa, formal noch kommunistisch regiert, schaffte kurz vor dem Eintreffen des Gastes Russisch als Pflichtfach ab und propagierte den Englischunterricht an den Schulen, als Empfangsgeschenk erhielt Bush ein Stück des an der Grenze zu Österreich abgeschnittenen Stacheldrahts. In Polen besuchte er die Lenin-Werft und behandelte den formal noch oppositionellen Solidarnosc-Führer Lech Walesa bereits wie einen Staatsmann, mithin von gleich zu gleich.

Gerbera und karierte Jacketts

Solch politischen Hauptaktionen gegenüber war der deutsch-deutsche Juli noch unspektakulär. Der evangelische Kirchentag in Leipzig verlief ruhig, noch zog die Losung „Wir wollen eine bessere DDR“. Zu Beginn des Monats verabschiedete die SPD im Westen ein sicherheitspolitisches Konzept, das bis ins Jahr 2000 reichte und mit gleichmütiger Gewissheit auf der für unabsehbare Zeiten feststehenden Existenz sowohl der Nato als auch des Warschauer Paktes fußte. Am 3. Juli stellte der Computerkonzern IBM hierzulande eine Neuerung vor, für die man „bis an die Grenze des technisch Machbaren“ gegangen war: den „Vier-Megabit-Chip“, der den „Inhalt eines Buches von dreihundert Seiten“ zu speichern vermochte. Am Monatsende war in Bonn selbst die FDP dafür, die Macht der Finanzinstitute zu begrenzen - Anlass war der Einstieg von Daimler bei Airbus, der die Deutsche Bank als Hauptgewinner auswies. Die Sprecher der „Tagesschau“ trugen zu alldem ungemein abscheulich karierte Jacketts - in Ost wie West schienen alle Konferenztische mit Gerbera, der Antiblume, dekoriert.

Tagesschau vor zwanzig Jahren läuft täglich um 22.45 Uhr im Digitalkanal ARD-Extra und um drei Uhr in der Nacht im NDR-Fernsehen.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1951, Redakteur im Feuilleton.

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