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„Tagesschau vor zwanzig Jahren“ „Die Mauer kann auch verschwinden“

Die Mauer fällt. Konnte sich jemand das vor dem November 1989 vorstellen? In den ARD-Nachrichten gab es bereits im Juni des Jahres Hinweise. Nur hat sie keiner bemerkt. Jetzt sehen wir sie in der „Tagesschau vor zwanzig Jahren“.

© picture-alliance / dpa Vergrößern Sieht in der Mauer kein Problem: Michail Gorbatschow im Juni 1989 in Bonn

Das Sendeformat gibt es seit sechzehn Jahren: Anfang 1993 begann der NDR zu nachtschlafender Zeit mit der Ausstrahlung der „Tagesschau vor zwanzig Jahren“ - inzwischen kann man diese fabelhafte Reprise dort um drei Uhr in der Früh', täglich aber auch um 22.45 Uhr beim Digitalkanal ARD-Extra sehen. Ursprünglich aus rein konservatorischen Gründen erdacht - um das bejahrte Material zu erhalten, musste man es technisch bearbeiten und umkopieren, um die Kosten dafür zu rechtfertigen, sendete man jede Folge der restaurierten „Tagesschau“ im Abstand von zwei Jahrzehnten eben aufs Neue. Rasch wuchs der Sendung eine kleine, treue Gemeinde zu, Nachtschwärmer des Fernsehens stellten sich zusätzlich ein, Medienwissenschaftler begannen sich für sie zu interessieren.

Genutzt und geschätzt wird dieses Programm als ein tönendes Bilderalbum der jüngsten Vergangenheit - mit großem Wiedererkennungswert für ältere, mit erstaunlichen Neugierwerten bei jüngeren Zuschauern, die sich darüber in Internetforen und Blogs auch austauschen. Die „Tagesschau vor zwanzig Jahren“ profitiert dabei von einem paradoxen Effekt - sie bietet das Einstige so, als sei es, die jeweilige Wettervorhersage eingeschlossen, gerade heute brandaktuell. Die Simultan-Erfahrung, die mit ihr zu machen ist, hat veritable Zeitsprung-Qualität. Noch wichtiger aber ist, dass die einzelnen Alt-Ausgaben des ARD-Flagschiffs eben nie mehr wissen und berichten können als das jeweilige Tagesgeschehen, der heutige Betrachter aber stets die Folgen kennt, die aus ihm erwuchsen - oder eben das völlige Vergessen, dem einst scheinbar so sensationelle Nachrichten alsbald wieder anheimfielen.

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Geschehnisse von zeitanekdotischem Wert

Von gleichermaßen unheimlichem wie enormem Erkenntniswert ist die „Tagesschau vor zwanzig Jahren“ gerade in diesen Wochen und Monaten. Vom 1. Juni 1989 an werden noch genau 162 Tage ins Land gehen, ehe sich in der Nacht vom 9. auf den 10. November die Mauer in Berlin öffnet, ehe der Eiserne Vorhang fällt, der Kalte Krieg endet und eine neue Epoche beginnt. Glaubt man der eigenen Erinnerung, konnte dies im Juni '89 noch niemand ahnen, geschweige denn sich wirklich vorstellen: Noch schienen die Spaltung der Welt und die Teilung Deutschlands auf unabsehbare Zeit zementiert. Aber stimmt diese Erinnerung überhaupt? An den dreißig „Tagesschau“-Ausgaben des Monats lässt sich auch das überprüfen. Neben den Haupt- und Staatsaktionen dieses Frühsommers kann man überdies Geschehnisse bestaunen, die vor allem ob ihres zeitanekdotischen Werts oder ihres inzwischen längst entschwundenen Glanzes Bestand beanspruchen.

Die „Tagesschau“ wurde im Wechsel von Ellen Arnhold, Eva Herman, Wilhelm Wieben, Jan Hofer, Jo Brauner und dem 1995 gestorbenen Chefsprecher Werner Veigel präsentiert - Star der Sendung war Dagmar Berghoff, die in Hermann Burgers Roman „Die Künstliche Mutter“ 1982 auch schon literarischen Ruhm erlangt hatte. Riesige Brillengestelle und üppige Schulterpolster waren auch für die Sprecher der „Tagesschau“ zweifelhafte Modepflicht.

Sorge, die Konjunktur könnte zu stark werden

Zu den Kuriositäten des Monats zählte ein Vorstoß des Liga-Ausschusses des Deutschen Fußball-Bundes unter Gerhard Mayer-Vorfelder, der am 9. Juni dem „drastischen Zuschauerrückgang“ der Bundesliga mit einer Reform des Spielsystems begegnen wollte - Hin- und Rückspiel im Wochenrhythmus, Bonuspunkte für den Gesamtsieger - und grandios scheiterte.

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