Das Sendeformat gibt es seit sechzehn Jahren: Anfang 1993 begann der NDR zu nachtschlafender Zeit mit der Ausstrahlung der „Tagesschau vor zwanzig Jahren“ - inzwischen kann man diese fabelhafte Reprise dort um drei Uhr in der Früh', täglich aber auch um 22.45 Uhr beim Digitalkanal ARD-Extra sehen. Ursprünglich aus rein konservatorischen Gründen erdacht - um das bejahrte Material zu erhalten, musste man es technisch bearbeiten und umkopieren, um die Kosten dafür zu rechtfertigen, sendete man jede Folge der restaurierten „Tagesschau“ im Abstand von zwei Jahrzehnten eben aufs Neue. Rasch wuchs der Sendung eine kleine, treue Gemeinde zu, Nachtschwärmer des Fernsehens stellten sich zusätzlich ein, Medienwissenschaftler begannen sich für sie zu interessieren.
Genutzt und geschätzt wird dieses Programm als ein tönendes Bilderalbum der jüngsten Vergangenheit - mit großem Wiedererkennungswert für ältere, mit erstaunlichen Neugierwerten bei jüngeren Zuschauern, die sich darüber in Internetforen und Blogs auch austauschen. Die „Tagesschau vor zwanzig Jahren“ profitiert dabei von einem paradoxen Effekt - sie bietet das Einstige so, als sei es, die jeweilige Wettervorhersage eingeschlossen, gerade heute brandaktuell. Die Simultan-Erfahrung, die mit ihr zu machen ist, hat veritable Zeitsprung-Qualität. Noch wichtiger aber ist, dass die einzelnen Alt-Ausgaben des ARD-Flagschiffs eben nie mehr wissen und berichten können als das jeweilige Tagesgeschehen, der heutige Betrachter aber stets die Folgen kennt, die aus ihm erwuchsen - oder eben das völlige Vergessen, dem einst scheinbar so sensationelle Nachrichten alsbald wieder anheimfielen.
Geschehnisse von zeitanekdotischem Wert
Von gleichermaßen unheimlichem wie enormem Erkenntniswert ist die „Tagesschau vor zwanzig Jahren“ gerade in diesen Wochen und Monaten. Vom 1. Juni 1989 an werden noch genau 162 Tage ins Land gehen, ehe sich in der Nacht vom 9. auf den 10. November die Mauer in Berlin öffnet, ehe der Eiserne Vorhang fällt, der Kalte Krieg endet und eine neue Epoche beginnt. Glaubt man der eigenen Erinnerung, konnte dies im Juni '89 noch niemand ahnen, geschweige denn sich wirklich vorstellen: Noch schienen die Spaltung der Welt und die Teilung Deutschlands auf unabsehbare Zeit zementiert. Aber stimmt diese Erinnerung überhaupt? An den dreißig „Tagesschau“-Ausgaben des Monats lässt sich auch das überprüfen. Neben den Haupt- und Staatsaktionen dieses Frühsommers kann man überdies Geschehnisse bestaunen, die vor allem ob ihres zeitanekdotischen Werts oder ihres inzwischen längst entschwundenen Glanzes Bestand beanspruchen.
Die „Tagesschau“ wurde im Wechsel von Ellen Arnhold, Eva Herman, Wilhelm Wieben, Jan Hofer, Jo Brauner und dem 1995 gestorbenen Chefsprecher Werner Veigel präsentiert - Star der Sendung war Dagmar Berghoff, die in Hermann Burgers Roman „Die Künstliche Mutter“ 1982 auch schon literarischen Ruhm erlangt hatte. Riesige Brillengestelle und üppige Schulterpolster waren auch für die Sprecher der „Tagesschau“ zweifelhafte Modepflicht.
Sorge, die Konjunktur könnte zu stark werden
Zu den Kuriositäten des Monats zählte ein Vorstoß des Liga-Ausschusses des Deutschen Fußball-Bundes unter Gerhard Mayer-Vorfelder, der am 9. Juni dem „drastischen Zuschauerrückgang“ der Bundesliga mit einer Reform des Spielsystems begegnen wollte - Hin- und Rückspiel im Wochenrhythmus, Bonuspunkte für den Gesamtsieger - und grandios scheiterte.
Ein heftiger Streit um die einmalige Ladenöffnung bis 20.30 Uhr am Donnerstag erschwerte die Tarifverhandlungen dieser Branche, benzinvermeidende Solarzellen auf Autodächern schienen nur noch eine Frage der Zeit. Am Ende des Monats hatte der Madrider Gipfel der Europäischen Gemeinschaft die Weichen für eine Währungsunion gestellt: „Es ist leichter“, sagte Spaniens Außenminister noch kurz zuvor in die Kamera, „eine europäische Armee aufzustellen, als eine gemeinsame Münze zu prägen.“ Und am 29. Juni begründete der Bundesbank-Präsident Karl Otto Pöhl die drastische Erhöhung der Leitzinsen mit einem bei vier Prozent Wachstum nicht unfroh vorgetragenen Argument: „Im Augenblick sind wir besorgt, dass die Konjunktur zu stark werden könnte.“
Gorbatschow in Bonn überstrahlt die chinesische Katastrophe
Vom 3. Juni an begann die „Tagesschau“ acht Tage lang mit Nachrichten und telefonisch übermittelten Hintergrundberichten des China-Korrespondenten Jürgen Bertram über das Massaker am Platz des Himmlischen Friedens in Peking und dessen Folgen: Über den ganzen Monat hinweg wurden die Mechanismen des Machterhalts der Kommunistischen Partei höchst genau dokumentiert - eine gespenstische Abfolge vom Ausschalten interner Opposition bis zu den Hinrichtungen sogenannter „konterrevolutionärer Rädelsführer“.
Zur Mitte des Monats hin aber überstrahlte Michail Gorbatschows Staatsbesuch in Bonn dann selbst die chinesische Katastrophe. Im Vorsitzenden des ZK der KPdSU, dessen hiesige Popularität bereits enorm und dessen innenpolitische Probleme durch erste Nationalitätenkonflikte in der Sowjetunion schon offenkundig waren, kristallisierte sich zugleich die Widersprüchlichkeit dessen, was jenseits des Eisernen Vorhangs geschah. Die Führung der DDR begrüßte ausdrücklich die Politik des offiziellen China, ließ aber zunächst inhaftierte Demonstranten, die in Ost-Berlin oder Leipzig gegen Peking protestiert hatten, gegen Strafzahlungen alsbald wieder frei. Ungarn kritisierte China scharf, die KP des Landes begann zu erodieren, an der Grenze zu Österreich baute man erste Sperren ab, während das Rumänien des Diktators Ceausescu die Errichtung eines Grenzzauns gegenüber Ungarn forcierte. Haushoch verlor die KP Polens die ersten teilfreien Wahlen, Prag suchte sich ideologiefest einzuigeln - in Bonn ging man von der provisorischen zur endgültigen Hauptstadtplanung über.
Bis November unser spannendstes Fernsehprogramm
Die prägende Formel des Juni 1989 lautete: „Es geht um den gemeinsamen Bau des Hauses Europa“. Die Formel wurde ein ums andere Mal zumal von Gorbatschow und seinen Mitarbeitern beschworen, fand indes auch im Westen und keineswegs nur beim Kanzler Helmut Kohl zustimmenden Widerhall. Wie man ein gemeinsames Haus bauen könne, wenn das Grundstück durch eine Mauer geteilt sei, wurden sie sowjetischen Repräsentanten damals nicht selten gefragt. Sie antworteten meist ausweichend. Zweimal jedoch registrierten die Reporter der „Tagesschau“ so beiläufige wie sensationelle Bemerkungen, die weiland überhört wurden und gleichwohl die sichere Erinnerung falsifizieren, das Ende der Teilung sei im Sommer 1989 noch undenkbar gewesen.
Am 2. Juni sagt Hans-Dietrich Genscher bei der KSZE-Konferenz in Paris ins Mikrophon der ARD: „Der sowjetische Außenminister Schewardnadze hat Recht: Der Eiserne Vorhang zerfällt, das Ende der Teilung wird kommen.“ Zum Abschluss seines Besuchs in der Bundesrepublik am 15. Juni betont Gorbatschow vor der Presse in Bonn: „Die Mauer kann auch verschwinden, wenn die Voraussetzungen weg sind, wegen derer sie errichtet wurde.“ Und er fügt hinzu: „Ich sehe hier kein großes Problem.“ Derartige Überraschungen dürfte die „Tagesschau vor zwanzig Jahren“ in den kommenden Monaten noch häufiger bieten. Bis November ist sie unser spannendstes Fernsehprogramm.