17.03.2009 · Der Außenminister hatte bei „Beckmann“ einen tollen Freudschen Versprecher, blieb aber insgesamt so blass, wie es zu erwarten war. Bei den Fragen nach Murat Kurnaz und dessen Verbleib in Guantanamo wurde es für Frank-Walter Steinmeier allerdings eng.
Von Michael HanfeldManchmal, nicht immer, kann man an den Pressemeldungen, welche die Redaktionen der Talkshows häufig schon lange vor Beginn der Ausstrahlung im Fernsehen versenden, erkennen, ob sich die Sendung lohnt. Mit der Zeit lernt man die Schaumschläger, die jede Langweilerrunde zum Sensationssparring hochlügen, von den ehrlichen Maklern zu unterscheiden, die andeuten, berichten und zusammenfassen, was ist. Der Pressemann von Reinhold Beckmann zählt ganz eindeutig zur zweiten Kategorie. Und weil das so ist, verschickte er namens der Redaktion zu dem 75 Minuten langen Soloauftritt des SPD-Kanzlerkandidaten und Außenministers Frank-Walter Steinmeier am Montagabend ganz sachlich nur eine Meldung zu einem Thema mit einem Stichwort, das da lautet: Steinmeier mahnt bei Opel zur Eile.
Was soll der SPD-Politiker auch anderes tun? Viel Zeit bleibt der Politik nicht, in Sachen Opel zu entscheiden, weil niemand weiß, wie lange die Liquidität des Autobauers reicht. Ob damit aber auch schon die Frage beantwortet wäre, ob der Staat bei Opel einsteigen soll, das freilich steht auf einem anderen Blatt und wurde von Steinmeier mit einigermaßen ausweichenden Erläuterungen dort auch gelassen.
Schröders „rhetorische Gummistiefel“
Gelassen, das ist der Kanzlerkandidat der SPD sicherlich, kämpferisch ist er weniger. Und im Wahlkampf ist er auch noch nicht, zumindest tat er Reinhold Beckmann nicht den Gefallen, seine Sendung zum Auftakt seiner Kampagne zu machen. Steinmeier ist ein Politiker, wie ihn die Deutschen eigentlich schätzen - wenn sie nicht Journalisten sind. Er redet nicht, er handelt. Und er muss eher zur Jagd nach Aufmerksamkeit getragen werden, als dass er - das Sprachbild liefert uns jetzt Reinhold Beckmann - in die „rhetorischen Gummistiefel“ stiege wie einst Gerhard Schröder oder eine Ruck-Rede hielte wie weiland Roman Herzog.
Was für eine Ruck-Rede sollte das denn bitte sein, fragt Steinmeier zurück. Eine, die den Leuten einfache Antworten auf die Herausforderungen einer globalen Wirtschaftskrise verspricht, von denen man im Augenblick ihrer Formulierung schon weiß, dass sie nicht stimmen? Dafür ist Steinmeier nicht zu haben. Nicht einmal für harte Kritik an der Bundeskanzlerin Angela Merkel, die er als politische Gegnerin attackieren muss, scheint es Steinmeier an der Zeit. Sie führe anders, als er es sich vorstelle, sagt er. Er sagt nicht, dass sie gar nicht führen könne. Das bleibt Franz Müntefering überlassen.
Zähe 75 Minuten
Mau, mau, mau ist das und so spannend die 57 Minuten waren, die Beckmann im vergangenen Jahr mit dem Finanzminister Peer Steinbrück zur Wirtschaftskrise gestaltete (siehe auch: Die Antwort auf alle Fragen lautet: 52), so zäh waren die 75 Minuten mit Steinmeier. So eng er über Jahre mit dem früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder zusammengearbeitet haben mag, so deutlich tritt er mit jeder Faser seiner Person, die Beckmann in der ihm eigenen burschikosen Art hervorzubringen suchte, als Anti-Schröder hervor.
Nur der Stimmlage nach kann man ihn mit dem jetzigen Gazprom-Unterhändler verwechseln, nur der landsmannschaftlichen Herkunft nach liegen die beiden Ostwestfalen nahe beieinander. Doch muss man nicht finden, dass Steinmeier das als potentiellem Bundeskanzler zum Nachteil gereicht, im Gegenteil.
Führt Westerwelle die SPD an die Regierung?
Was die innen- und parteipolitischen Belange angeht, so war der Freudsche Versprecher, den Steinmeier sich leistete, als er auf die FDP zu sprechen kam, noch das Spektakulärste. Sagte er doch, man merke Guido Westerwelle sehr deutlich an, dass er die Verpflichtung verspüre, „dass er die SPD in die Regierung führen muss“. Gemeint war selbstverständlich nicht die SPD, sondern die FDP. Wobei Westerwelle am Ende ja vielleicht die FDP und die SPD in die Regierung führt und Steinmeier richtig liegt. Das war es dann aber auch schon für diesen Abend in Sachen Koalitionsarithmetik, in deren Rahmen Steinmeier auf eine Ampel mit Grünen und Liberalen setzt. Auf das Thema Rot-Rot oder auf die Verfasstheit der SPD ging Reinhold Beckmann mit seinen Fragen kaum ein. Diese Leerstelle war erstaunlich.
Dafür verlegte sich der Moderator zum Schluss der Sendung auf ein Steckenpferd: Die Geschichte des Deutsch-Türken Murat Kurnaz, der als Terrorverdächtiger bis 2006 in Guantanamo saß und - vielleicht - schon 2002 von der rot-grünen Bundesregierung hätte befreit werden können. Hätte er? Er hätte nicht, folgt man den Ausführungen von Frank-Walter Steinmeier, die nicht unbedingt überzeugend klangen, da er sich vornehmlich auf den Untersuchungsausschuss des Bundestages berief, der ihm als dem damaligen Kanzleramtschef Versäumnisse nicht nachweisen konnte.
Die unangenehmste Frage ersparte er seinem Gegenüber
Nicht unbedingt überzeugend kann man aber auch finden, was Murat Kurnaz seinerzeit zu seinem Entschluss sagte, seine Zelte in Deutschland abzubrechen und ins nordpakistanische Peshawar zu gehen, die Hochburg der pakistanischen Taliban und islamistischen Fundamentalisten, wo ihn die Amerikaner aufgriffen. So sehr Reinhold Beckmann auf dieser Geschichte herumritt, die unangenehmste Frage ersparte er seinem Gegenüber: Wie konnte Steinmeier den inhaftierten Kurnaz damals in Guantanamo versauern lassen und wie kann er heute die Aufnahme von Häftlingen aus dem amerikanischen Lager in Deutschland fordern, noch bevor die Amerikaner diese Bitte an die Bundesregierung offiziell herangetragen haben? Wie passt das zusammen?
Im Herbst jedenfalls soll es für die SPD bei der Bundestagswahl passen. Zur stärksten Partei würden die Sozialdemokraten avancieren, eine schwarz-gelbe Mehrheit werde es nicht geben, davon gibt sich Frank-Walter Steinmeier überzeugt. 35 Prozent der Wählerstimmen sollen es sein. An diesem Diktum werden wir den immer noch zurückhaltenden Kandidaten wenigstens messen können.