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Steffen Seibert wird Regierungssprecher Der Wechselwähler

 ·  Der ZDF-Mann Steffen Seibert wird Sprecher der Bundesregierung. Er hat, was Angela Merkel braucht. Und wird von seinem Chefredakteur mit einem kräftigen Tritt verabschiedet.

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Wenn der größte Coup einer Regierung darin besteht, dass sie einen neuen Sprecher findet, ist das bezeichnend. Wenn es dann noch so wirkt, als hätte die Nationalmannschaft einen neuen Mittelstürmer, erst recht. Im Falle des Mannes, der von nun an für Angela Merkel spricht, ist das so.

Steffen Seibert, der „heute“-Moderator vom ZDF, ist ihr Hoffnungsträger. Er muss die Rolle übernehmen, die sein Vorgänger Ulrich Wilhelm mit Bravour gespielt hat, die Rolle der vertrauenswürdigen Eminenz im Hintergrund. Und er dürfte zugleich in den Vordergrund rücken. Nicht nur seiner äußeren Erscheinung wegen ist er präsentabel. Er hat ein gewinnendes Auftreten und vermittelt, worum die Bundeskanzlerin kämpft: Glaubwürdigkeit und Empathie.

Er ist ein kluger Kommunikator, er hat Stil, er hat Rückgrat, er hat einen Standpunkt und - ganz wichtig für seine neue Arbeitgeberin - er ist populär. Er muss Angela Merkels Anwalt in der Öffentlichkeit sein - und, umgekehrt, Anwalt der Öffentlichkeit gegenüber der Bundesregierung. Die wirkt ja oft genug sprachlos.

Unter den Fernsehleuten stach Steffen Seibert wegen seiner persönlichen Eigenschaften schon immer heraus. Er hat nämlich welche, die sich vor der Kamera nicht bemerkbar machen. Was auch bedeutet, dass diejenigen, denen solches abgeht, im Studio weniger platt wirken, als sie wirklich sind. Der Bildschirm gibt Flachmännern Tiefe und bügelt Querköpfe glatt. Steffen Seibert gibt es deshalb gleich mehrfach - auf dem Bildschirm und dahinter. Es gibt ihn einmal als den Moderator, der einfach gut rüberkommt, bei Frauen und bei Männern. Es gibt ihn als kleinen Bruder des Dorian Gray, der über das Robert-Redford-Gen verfügt und mit 50 immer noch aussieht wie 35.

Es gibt ihn als Journalisten, der Nachrichten präzise und verständlich präsentiert, der ohne Schnickschnack, Witzkommrauszwang und Welterklärergestus die Sachverhalte erklärt. Und es gibt Steffen Seibert als politisch wie kulturell interessierten und aufgeklärten Bürger. Er liebt die Oper, ist ironiebegabt, belesen, witzig, sympathisch, distanziert sich selbst und seinem Gewerbe gegenüber. Und er ist sogar uneitel. Mit anderen Worten: Es gibt Steffen Seibert auch als jemanden, von dem man sich kaum vorstellen kann, dass er beim Fernsehen etwas werden könnte. Dabei hat er es im Zweiten in die allererste Reihe gebracht.

Zum Abschied ein kräftiger Tritt

Doch jetzt will er es noch einmal wissen und verlässt den sicheren Hort des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit doppelter Rentengarantie und Parkplatz vor dem Sendegebäude. Der Mann ist abenteuerlustig. Er tauscht die Sicherheitsgarantie vom Mainzer Lerchenberg gegen die Schleuderposition in Berlin. Den Job kann er in drei Jahren wieder los sein; beim ZDF wäre ihm die Gebührenpension sicher. Seibert hat in seinem Leben zwar schon viel gesehen, etwa als Korrespondent in Washington, dabei aber das ZDF nie verlassen. 1988 hat er sein Volontariat im Sender gemacht und ist dann, Stufe für Stufe, geduldig und zäh, die Karriereleiter emporgestiegen: Redakteur beim „heute journal“, Korrespondent in den Vereinigten Staaten, Moderator im „Morgenmagazin“, dann im Vorabendmagazin, dann der „heute“-Nachrichten und - vertretungsweise - des „heute journals“. Da bleibt nicht mehr viel Luft nach oben; als Nächstes hätte er Hauptmoderator des „heute journals“ oder Chefredakteur werden müssen. Doch hätte er dafür im Sender stärker auftrumpfen und sich in Seilschaften hängen müssen.

Seiberts Verhältnis zum früheren Chefredakteur Nikolaus Brender galt als gespannt. Über das zum neuen, zu Peter Frey, muss man sich nun keine Gedanken mehr machen. Frey verpasst dem Kollegen zum Abschied einen kräftigen Tritt. „Wir bedauern, dass Steffen Seibert seine Perspektive nicht im Journalismus gesehen hat“, teilt Frey mit. Seibert nehme „die bundesweite Bekanntheit, die er auf dem Schirm als Moderator von ,heute‘ und ,heute journal‘ erworben hat, und die damit verbundene Kompetenz und Glaubwürdigkeit mit in seine neue Aufgabe“. Es folgt der matte Nachsatz: „Wir haben ihn als professionellen, engagierten Kollegen sehr geschätzt und wünschen ihm für seine neue Tätigkeit viel Erfolg.“

Erstaunlich unsouverän

Wie darf man das bloß verstehen? Soll das heißen, dass es in der Politik keine Glaubwürdigkeit gibt, dafür aber im ZDF, und zwar einzig und allein? Nach dem Motto: Mit dem Zweiten wirkt man besser, mit dem Zweiten wird man besser, und vor allem: Von dort wechselt man nicht in die Politik? Es ist schon klar, dass sich der neue Chefredakteur damit gegen die Politik abgrenzen und dem Verdacht begegnen will, die Bande zwischen seinem Sender und der Politik seien zu eng. Das ist nach der Attacke von Roland Koch und Co. auf die Unabhängigkeit des Senders auch nur zu verständlich. Im Verwaltungsrat des ZDF hatten die Unionsvertreter den neuen Vertrag für den alten Chefredakteur Brender verhindert, wodurch Peter Frey erst zu seinem neuen Job kam.

Die persönliche Herabwürdigung Seiberts wirkt doch erstaunlich unsouverän. Schließlich wechselt der ganz offen und offiziell die Seiten. So wie der bisherige Regierungssprecher Ulrich Wilhelm - ganz offen und von einem Rundfunkrat gewählt - in einem halben Jahr Intendant des Bayerischen Rundfunks wird. Schwierig und schmierig sind doch in Wahrheit nicht solche Wechsel, sondern die Hinterzimmergeschäfte, die Durchstechereien, die heimlich parteibuchgeförderten Karrieren, beim ZDF genauso wie bei der ARD. Über die engen Bande zwischen Regierung, Parteien und Sendern, vor allem in den Bundesländern, täuscht Freys Getöse nicht hinweg. Beim ZDF denkt man inzwischen um fünf Ecken, das ist unterirdisch.

Erst einmal ein Glas Prosecco

Es verrät aber auch noch etwas anderes, das sich in der Reaktion Maybrit Illners spiegelt, die beim Treffen des „Netzwerkes Recherche“ in Hamburg ganz fassungslos war, als sie hörte, dass ihr Kollege Seibert Regierungssprecher wird, nach dem Motto: Das hat er doch gar nicht nötig. Das ist der Igitt-Faktor: Überlegenheitsdenken, Bunkermentalität, Angst vor der Welt da draußen, die zu kennen und deren Mängel und Fehler zu kritisieren die Staatsjournalisten so trefflich vorgeben. Wer in diesem System erst einmal drin ist, fühlt sich in seiner „splendid isolation“ irgendwann sogar richtig wohl und kann es nicht fassen, wenn einer ausbricht.

Steffen Seibert hat, wenn man ihn auf seine Popularität ansprach und fragte, wie das sei, von Millionen Menschen adoptiert zu werden, weil man als Nachrichtenmann jeden Abend in deren Wohnzimmer erscheint, gerne die Anekdote erzählt, dass er einmal mitbekam, wie eine vom Sender eingeladene Testsehergruppe ihn beurteilte. Eine Zuschauerin sagte, er wirke wie jemand, der nach der Sendung erst einmal ein Glas Prosecco trinke. Das beeindruckte ihn; weniger weil das nicht sein Getränk ist, sondern weil es verrät, wie leicht Beobachter ihr Urteil fällen. Doch so werden die Leute im Fernsehen gesehen, danach werden Moderatoren Kopfnoten erteilt.

Das werden auch die Kollegen vom ZDF noch merken

Steffen Seibert mag es nicht, an der Oberfläche zu bleiben. Er mag es nicht, leichtfertig beurteilt zu werden, und er urteilt selbst nicht vorschnell. Er ist ein Moderator im besten Sinne. Er interessiert sich für den Standpunkt anderer, hört zu, trennt das Persönliche vom Sachlichen und ist - verbindlich. In einem Interview hat er sich einmal als passionierten Wechselwähler bezeichnet, jetzt hat er gewählt. Ihm werden Sympathien für Schwarz-Grün nachgesagt, Schwarz-Gelb dürfte nicht ganz seine Leidenschaft sein. Seine erste Einlassung zum neuen Amt klingt etwas gestanzt.

Er habe eine persönliche Entscheidung getroffen und nehme die Aufgabe „gerne an, weil ich überzeugt bin, dass die Bundesregierung unter Führung von Bundeskanzlerin Angela Merkel die richtigen Schwerpunkte setzt, um unserem Land in diesen schwierigen Jahren eine gute Zukunft zu sichern“. Das kann Steffen Seibert besser, das werden auch die Kollegen vom ZDF noch merken. Und wenn die momentane Regierung abdankt, kann Steffen Seibert immer noch Intendant werden. Nicht in der Oper, wie es sein Traum wäre, sondern im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Das wäre gar kein Problem, wenn es sich um einen offenen Wechsel handelte - so wie jetzt. Ein Problem haben damit nur diejenigen, die für die wahre Verflechtung zwischen öffentlich-rechtlichem Rundfunk und Politik stehen.

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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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