Home
http://www.faz.net/-gsc-1577h
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Donnerstag, 09. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Stefan Raab im Interview Guerrilla geht nicht mehr

08.03.2009 ·  Seine natürlichen Feinde sind nach und nach ausgestorben: Heute vor zehn Jahren lief zum ersten Mal Stefan Raabs Sendung „TV total“. Ein Gespräch über Narrenfreiheit, Sportsgeist und den Abend vor der Bundestagswahl.

Artikel Bilder (7) Lesermeinungen (4)

Seine natürlichen Feinde sind nach und nach ausgestorben: Heute vor zehn Jahren lief zum ersten Mal Stefan Raabs Sendung „TV total“. Ein Gespräch über Narrenfreiheit, Sportsgeist und den Abend vor der Bundestagswahl.

Herr Raab, ist Pro Sieben der tollste Sender der Welt? Der lässt Sie seit zehn Jahren machen, was Sie wollen, und liefert auch noch ständig die Themen, über die Sie sich in „TV total“ lustig machen können. Ruft denn nie einer an und sagt: Jetzt aber bitte nicht mehr so dolle auf unsere eigenen Sendungen schimpfen?

Nee, da ruft keiner an. Wenn wir Uri Gellers Alien-Show bescherzen, hören wir schon aus der ein oder anderen Ecke mal den Kommentar: Da habt ihr's uns aber richtig gegeben. Aber da schwingt auch immer mit: zu Recht. Es ist ja nicht so, dass die Leute, die bei Pro Sieben arbeiten, die Augen vor der Realität verschließen würden.

Heute vor zehn Jahren lief die erste „TV total“-Sendung - erinnern Sie sich noch an die Reaktionen?

Wir hatten anfangs fast ausnahmslos gute Kritiken, vor allem, weil wir uns durchaus ironisch-kritisch mit den extremen Formen des Fernsehens auseinandergesetzt haben. Mit dieser Resonanz hatten wir gar nicht gerechnet, weil ich als Person damals ja schon ziemlich polarisiert habe. Als wir dann täglich auf Sendung gingen, hat sich das in den Medien aber schnell umgedreht. Und jetzt wechselt es immer mal wieder.

Wollten Sie nach Ihrem Abschied bei Viva nicht ursprünglich zum WDR?

Ich hatte wegen „Hier kommt die Maus“ damals viel Kontakt mit den Kreativen dort, das sind alles nette Leute. Aber es ist halt alles unglaublich bürokratisch da. Bei Pro Sieben kann ich anrufen und sagen: Ich hab 'ne Riesenidee - und die sagen: Mach mal! Beim WDR müsste erst mal ein Antrag an die Etage drüber geschrieben werden, und die müssten dann wieder einen an die Etage drüber schreiben, und keiner kann wirklich was entscheiden, bevor nicht der Ältestenrat zusammengetreten ist. Ich bin dankbar fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen und guck's auch gerne - aber die Art und Weise, wie wir glauben, erfolgreich arbeiten zu können, würde dort große Komplikationen mit sich bringen.

„TV total“ hat sich sehr verändert im Lauf der Jahre.

Vor allem das Fernsehen hat sich sehr verändert - ich als Person natürlich auch. Viele Aktionen, mit denen wir anfangs erfolgreich waren, schließen sich heute ja auch aus, weil meine Position nicht mehr dieselbe ist wie früher: Die „Raabigramme“ haben funktioniert, weil ich damals als kleiner Ex-Viva-Hansel zu einem wie Rudi Carrell ins Büro vorgedrungen bin und dem ein respektloses Ständchen gesungen habe. Heute geht so was nicht mehr, weil es uncool ist, anderen ans Bein zu pinkeln, wenn du's in diesem Geschäft zu ein bisschen was gebracht hast. Und Guerrilla-Straßenaktionen gehen nicht mehr, weil ich inzwischen gleich erkannt werde. Außerdem machen wir manches, das früher „Raab in Gefahr“ gewesen wäre, inzwischen ja gleich als Samstagabend-Event.

Darunter hat „TV total“ ziemlich gelitten. Manchmal hat man beim Zusehen das Gefühl: Heute wäre er lieber zu Hause geblieben.

Ich kann nur sagen: Ich geb' jeden Tag mein Bestes. Aber es kommt vor, dass das Beste mal nur mittelmäßig ist.

„TV total“ hat sich schon ziemlich von der Idee, Fernsehkritik für alle zu machen, entfernt?

Nicht zwingend. Das ist schon noch ein wichtiger Bestandteil der Sendung. Ich sehe „TV total“ mittlerweile aber auch als Sprachrohr für junge Talente aus Musik, Comedy und Literatur. Wir sind da flexibel.

Früher waren auch mal Leute zu Gast, die nix zu verkaufen hatten - Leute, die einfach durch skurrile Auftritte im Fernsehen aufgefallen sind.

Diese Leute gibt es, glaube ich, kaum noch. Früher saßen in den Nachmittags-Talkshows reale Personen - heute sind das Schauspieler oder solche, die sich dafür halten. Dass das immer als Stigma gesehen wird, wenn einer seine CD mitbringt, ist für mich sowieso schwer zu begreifen. Das ist doch genau das, worüber es dann in diesem Moment was zu erzählen gibt.

Sie machen ja inzwischen wahrscheinlich mehr Sendungen als Jörg Pilawa.

Ist das so? Na ja, der Vergleich mit Jörg Pilawa hinkt doch wohl sehr. Ich empfinde das alles ja gar nicht als Arbeit. Arbeit ist, morgens um halb vier in der Wurstküche mit den Armen bis zum Ellbogen in der Leberwurst zu stecken. Ich weiß sehr gut, was das bedeutet. Deshalb schätze ich das sehr, was ich hier machen kann. Eine Sendung wie „Schlag den Raab“ bedeutet ja tatsächlich keinen Aufwand für mich: Ich komm abends ins Studio, und dann geht's los.

Und Sie haben vorher echt überhaupt keine Ahnung, was Sie da erwartet?

Natürlich seh' ich, wenn auf dem Gelände gegenüber ein Kran aufgebaut wird - aber ich geh' bestimmt nicht da hin und versuche herauszufinden, wie das Spiel dazu aussehen könnte. Ich hab' ja schon Angst, am Wochenende mal am Rhein Inlineskaten zu gehen, weil in der nächsten Show ein Spiel kommen könnte, das damit was zu tun hat, und dann die Leute sagen: der hat heimlich geübt! Man kann mir vieles unterstellen - aber nicht, dass ich kein ehrenhafter Sportsmann bin.

Journalisten schreiben gerne, Sie seien von Ehrgeiz zerfressen. Stimmt das denn?

„Zerfressen“ ist das falsche Wort. Ich bin aber definitiv sehr ehrgeizig. Ich trete bei „Schlag den Raab“ zwar nicht an, um den Gegner zu besiegen - und wenn es passiert, tut mir das zum Teil auch leid. Ich will aber mein Bestes geben. Das ist wie im Sport: Es geht nicht ums Besiegen, sondern darum, gut gekämpft zu haben. Ich beruhige mich ja auch schnell wieder. Aber in solchen Situationen haust du auch mal hart aufs Pult, wenn was danebengeht.

„Schlag den Raab“ ist in viele verschiedene Länder verkauft worden - aber so viel wie Sie traut sich da keiner. In Großbritannien heißt die Show „Schlag den Star“, bei der jedes Mal ein anderer Prominenter antritt.

Wir probieren jetzt erst mal, wie „Schlag den Star“ in Deutschland ankommt. Ich finde das großartig, dass da jetzt Leute wie Stefan Effenberg und Boris Becker mitmachen. Man will einfach sehen: was haben die drauf? Und ich mach' denen vorher auch klar: Es bringt nichts, wenn du kommst und dann so tust, als würdest du dir keine Mühe geben, wenn es nicht gut läuft. Das macht nur Sinn, wenn du als Kämpfer kommst.

Hat Pro Sieben eigentlich mal bei irgendeiner neuen Idee gesagt: Nee, den Quatsch machen wir jetzt nicht mehr mit?

Nein. Wir hören aber hin und wieder die Frage: Wann sollen wir das denn noch machen?

Dass so viel ausprobiert werden kann, ist im Fernsehen momentan eher selten. Warum eigentlich?

Das find' ich auch schade. Die Generation, die heute im Fernsehen was zu sagen hat oder mit der Schauspielerei erfolgreich ist, hat sich in den 90ern bei Viva oder MTV ausprobieren dürfen: Heike Makatsch, Jessica Schwarz, Oliver Pocher, Matthias Opdenhövel, Nora Tschirner. So etwas muss es wieder geben. Da hab' ich auch schon 'ne Spitzenidee - aber die erzähl' ich dann, wenn es Zeit ist.

Gibt es - wie 2005 - im Herbst wieder eine Einladung an die Parteivorsitzenden, zu „TV total“ zu kommen?

Ja, wir wollen das am Abend vor der Bundestagswahl machen. Beim letzten Mal war das ein Riesenerfolg - obwohl das eigentlich bloß aus der Idee entstanden ist, das, was die anderen da beim Kanzlerduell gefragt haben, auch zu können. Die Sendung hatte dann 18 Prozent Marktanteil bei den jungen Zuschauern. So was kriegen die Politiker, die immer die jungen Wähler erreichen wollen, sonst nie. Ich kann der Kanzlerin nur raten, zu erscheinen.

Also entstehen die besten Ideen aus der Ironie?

Das war beim Bundesvision Song Contest nicht anders. Und die Ironie so einer Idee ist ja vorbei, wenn man sie tatsächlich mit Substanz füllt. Das ist ein System, das wir durch Zufall erfunden haben, aber es funktioniert.

Ist es angenehmer, nicht mehr überall der Bad Guy zu sein? Ihre natürlichen Feinde sind nach und nach langsam ausgestorben.

Es gibt sicher immer noch Leute, die mich nicht leiden können. Ist ja auch nicht schlimm, ich muss gar nicht von jedem gemocht werden. Früher saßen in den Redaktionen ältere Journalisten, die gesagt haben: Find' ich nicht witzig, was der da macht. Langsam rücken die jüngeren nach - und da ändern sich auch die Sichtweisen. Wahrscheinlich schreibt irgendwann einer über mich: Wird Zeit, dass der Alte endlich mal Platz macht. Ich mach' mir da überhaupt keine Illusionen. Ich fände es ehrlich gesagt ganz gut, in dem Moment, in dem ich mit dem Fernsehen aufhöre, vergessen zu werden. Dann kann ich wieder unerkannt Brötchen kaufen gehen.

Aber erst gibt's zu Ihrem fünfzigsten Geburtstag noch eine Gala auf Pro Sieben, bei der dann alle Freunde gratulieren?

Bitte nicht! Ich würde alles tun, um das zu verhindern. Meine Freunde kommen auch so und gratulieren, nicht nur weil die Kameras laufen.

Interview Peer Schader

„TV total“-Jubiläumswoche ab morgen um 23.10 Uhr, „Schlag den Star“ am Freitag 20.15 Uhr, jeweils auf Pro Sieben

Quelle: F.A.S.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Eislauffieber

Von Dirk Schümer

Die Niederländer wünschen sich weiterhin eisigen Frost. Nur dann kann der „Elfstedentocht“ stattfinden: eine ausgiebige Eislauftour über zugefrorene Seen und Kanäle. Mehr 2