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Spike Lees New-Orleans-Dokumentation Erst der Hurrikan, dann die Ölpest

25.08.2010 ·  Vier Jahre nach „When the Levees Broke“, Spike Lees großer Elegie auf New Orleans, zeigt der Regisseur zum fünften Jahrestag der Katrina-Katastrophe die Fortsetzung im amerikanischen Fernsehen. Das von allen ersehnte Happy Ende bleibt jedoch aus. Nur Brad Pitt geht als Held durch.

Von Jordan Mejias
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Wieder sind wir dabei, wenn der Jazztrompeter Terence Blanchard seine Mutter zurück in ihr Haus bringt. Vor vier Jahren war das eine herzzerreißende Szene. In einer Wüstenei, wo nichts mehr auf eine städtische Straße hindeutete, stand zwar noch das Haus der alten Frau, aber im Innern war es eine einzige Müllhalde. Der Sohn wusste auch nicht, wie er die laut schluchzende Mutter trösten sollte. Jetzt schlendert sie zufrieden durch das funkelnagelneue Haus, das den Platz des Trümmerhaufens einnimmt, geht kichernd durch die Luxusküche, bemängelt allerdings, dass die Waschmaschine nicht an gewohnter Stelle steht, und weiß nicht recht, ob ihr die Marmorpracht um die Spüle gefallen soll oder nicht.

Und wieder treffen wir auch Kimberly Polk an, die damals ihre fünf Jahre alte Tochter Serena in einem kleinen, weißen Sarg beerdigte und nach dem Begräbnis allein über den Friedhof davon wankte. Sie verließ New Orleans, hielt es dann aber in der Ferne doch nicht aus, kam zurück und steht jetzt kurz davor, als Erste in der Familie ein richtiges Collegediplom abzulegen. Sie will Krankenschwester werden.

Wenn das keine erquicklichen, hoffnungsfrohen Geschichten sind. Spike Lee erzählt sie in „If God Is Willing and Da Creek Don't Rise“, der Fortsetzung seiner Dokumentation über das Inferno, in das der Hurrikan Katrina und das ungeheuerliche Versagen von Politikern, Bürokraten und Ingenieuren New Orleans gestürzt hatten. Vor vier Jahren, als er mit „When the Levees Broke“ seine große Elegie auf die Stadt anstimmte, versprach er ihren immer noch notleidenden Bewohnern, sie nicht zu vergessen und wiederzukommen. Das hat er hiermit getan. Zum fünften Jahrestag der Katastrophe zieht er erneut Bilanz, wie zu erwarten auf seine Art, also ohne zu versprechen, die Distanz des objektiven Beobachters einzuhalten und polemische Seitenhiebe zu vermeiden.

Auf BP drischt er kräftig ein

Ein Requiem in vier Akten nannte er 2006 seinen Film. Nun bieten sich Totenmessen für Sequels nicht gerade an, und auch in Lustspiele lassen sie sich schlecht verwandeln. New Orleans, wie jeder selbst erfahren kann, der in diesen Tagen am Jackson Square Chicory mit Beignets bestellt und sich den Weg durch die abenteuerlich alkoholisierten Massen der Bourbon Street bahnt, ist ganz gewiss keine tote Stadt. Kann, ja muss darum Lee nach seinem großen Lamento mit einem überraschenden Happyend aufwarten? Zu Beginn des vier Stunden langen Films, der jetzt vom Bezahlsender HBO ohne jede Werbeunterbrechung an zwei Abenden gezeigt wurde, mag es fast so aussehen. Super Bowl, konkurrenzlos als Megaevent des amerikanischen Sportjahres, beherrscht den Ort, und nach dem Sieg der New Orleans Saints wird er allenfalls von einem epochalen Jubelsturm erschüttert. Katrina samt Folgen ist vergessen, verschwunden, überwunden, nicht länger ein Thema.

So hätte der Film ursprünglich enden sollen. Aber dann kam die Ölpest. Lee verwendet fast die gesamte letzte Stunde, um jene zweite Großkatastrophe, die allerdings die Stadt bisher nur indirekt heimsucht, zu schildern. Viel Originelles hat er in der Eile nicht aufgetrieben. Auf BP drischt er kräftig ein, wie es auch andere getan haben und noch tun, doch den Bogen vom Golf nach New Orleans vermag er nur zu schlagen, indem er mit Untergangsszenarien droht. Ein neuer Hurrikan könnte das im Meer verbliebene Öl über der Stadt niedergehen lassen, die Wasserversorgung stoppen, die Golfküste unbewohnbar machen. Stoff genug für einen Horrorfilm. Im dokumentarischen Rahmen wird das weniger aufregend sein.

Es ist aber nun keineswegs so, dass New Orleans vor der Ölpest auf dem besten Weg gewesen wäre, das Krankenlager zu verlassen und sich neu zu erfinden, ohne seinen unvergleichlichen Charme zu beschädigen. In zahllosen Vignetten, in Gesprächen, Berichten und eindringlichen Bildern, die der Filmemacher mit keinem Kommentar aus dem Off beeinträchtigt, entsteht wieder ein Flickenteppich aktueller Befindlichkeit. Aber diesmal hängt er durch. Das liegt nicht unbedingt an seiner Zusammensetzung, nicht an der Auswahl der „talking heads“, der berühmten und minder berühmten Zeitgenossen und Augenzeugen, der Schönredner, Schwarzmaler und all der vielen Menschen, die immer noch nicht ein und aus wissen.

Die Armut und ihre Orte

Lee hat Mühe, eine klare Linie in seinen Film zu bringen. Es geht drunter und drüber, nicht anders als in New Orleans, wo auch das Gute und Schlechte, die erfreulichen Entwicklungen und bedrückenden Entscheidungen oft ineinander verschwimmen. Mit der Stadt, keine Frage, geht es aufwärts. Bauentwickler machen blendende Geschäfte, und einige Stadtteile erstrahlen in einem Glanz, als hätte Katrina nie gewagt, ihre Villen und Gärten anzutasten. Um die hunderttausend Einwohner sind freilich nicht zurückgekehrt, und darunter sind nicht viele wohlhabende, nicht viele weiße. New Orleans wird zurzeit weißer und reicher, weil die Schwarzen keine bezahlbaren Wohnungen finden und, wie Lee in Bild und Ton vorführt, sich zum Beispiel in Houston ansiedeln, wo sie billiger leben und bessere öffentliche Schulen finden. „Ich hasse Texas“, sagt eine Frau, die nach der Evakuierung in Texas geblieben ist, weil sie sich New Orleans nicht mehr leisten kann.

Wie gezielt ein solch radikaler Wandel herbeigeführt wird, darüber gibt es nun heiße Debatten. Warum etwa wurden ganze Sozialblocks abgerissen? Weil sie nicht mehr lebenswürdig waren, sagen die einen. Weil sie mit teuren Häusern ersetzt werden sollen, sagen die anderen. Nicht bloß Verschwörungstheoretiker sehen Opportunisten am Werk, die das Unglück als Gelegenheit wahrnehmen, New Orleans nach ihrem Gutdünken umzuformen. Lee ergreift da überraschend selten Partei. Eher lässt er seine Wut im sicheren Rückblick noch einmal an Bush und Co. aus, als dass er den neuen weißen Bürgermeister gegen den alten schwarzen ausspielt. Im Vergleich mit den fünf Jahre alten Schreckensbildern, die er immer wieder einschiebt, ist die Gegenwart aber geradezu idyllisch. Über die Armut und ihre Orte, wo von kleinen Holzhäusern nur noch Treppenstufen übrig geblieben sind und im Hintergrund die hoffentlich nun soliden Dämme dräuen, wächst jetzt buchstäblich Gras.

Nur an Brad Pitt hat Lee nichts auszusetzen

Ob Katrina einen Wandel in Gang gesetzt hat, der New Orleans zerstört oder einer nie geahnten Blüte entgegenführt, belässt Lee in der Schwebe. Er sammelt vor allem Meinungen, und neigt er auch dazu, den Armen, die aus ihren Sozialwohnungen vertrieben wurden, eher zu glauben, als den Reichen, die neue Luxussiedlungen bauen, lässt er doch beide Seiten zu Wort kommen. Selbst im Kampf um eines der größten und einst besten Krankenhäuser der Nation, des Charity Hospital, schlägt er sich auf keine Seite. Wäre es sinnvoll, das Riesengebäude zu renovieren? Sollte es nicht doch abgerissen werden und ein neuer Superkomplex über viele Straßenblocks hinweg entstehen? Auch wenn dafür historische Gebäude abgerissen würden und viele Einwohner ihr Heim verlieren müssten? Alles verwirrende und verworrene Geschichten.
Nur in Brad Pitt findet Lee noch einen echten, reinen Helden. An den umweltfreundlichen Häusern, die der Filmstar im Armenviertel des Lower Ninth Ward bauen lässt, hat er nichts auszusetzen, und vor die Kamera holt er überglückliche Bewohner, die dafür nicht mehr als dreißig Prozent ihres Einkommens opfern müssen. Allerdings ist das Projekt nicht groß genug, um das Gesamtbild wesentlich zu verändern.

Sean Penn, der Held aus dem ersten Film, ist inzwischen weiter nach Haiti gezogen, wo ihn Lee besucht und einen etwas unbeholfenen Vergleich der einen mit der anderen Katastrophe anstellt. Der Ausflug bringt die Dokumentation nicht weiter, er lässt sich nicht besser in die Erzählung verweben als die vielen Missstände vor und nach Katrina, die Misere in den Schulen, die notorische Polizeikorruption, die enorme Kriminalrate und schließlich auch eine Passage, in der unversehens Werbung für die kulinarische Tradition der Stadt gemacht wird. So setzt sich die Konfusion, die der Film konfusionsfrei beschreiben müsste, in seiner Anlage fort. Spike Lee ist, wie so viele andere, überwältigt, er verzettelt sich, und da auch er keine klaren Perspektiven erkennen kann, zeigt er alles. Und das ziemlich ausgewogen. Gut als Vorsatz, weniger gut als Film.

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