21.06.2011 · Der neue ZDF-Intendant will prüfen, ob die Zuschauer den Eindruck haben, sie bekämen für ihre Gebühren ein gutes Programm. Die Frage ist gut gewählt, denn es fehlt ARD und ZDF trotz bester Ausstattung an Mut, Selbstkontrolle und Qualitätssinn.
Von Stefan NiggemeierHinterher saßen sie im Tagungshotel in einem Konferenzraum, der sich Bibliothek nennt und deshalb als Dekoration ein paar Regale mit Büchern enthält, und sagten, was man so sagt. Ruprecht Polenz, der Vorsitzende des Fernsehrates, lobte die „Weitsicht, Führungskraft und Teamfähigkeit“ von Thomas Bellut. Markus Schächter, der amtierende ZDF-Intendant, sagte, Bellut sei sein „Wunschkandidat“ gewesen und werde die Balance zwischen „Kontinuität und entschiedenem Neuanfang“ hinbekommen, die das „digitale Jahrzehnt“ erfordere, das offenbar gerade (schon wieder) begonnen hat. Bellut selbst, soeben zum zukünftigen Intendanten gewählt, sagte: „Das Kernthema der nächsten Jahre ist es, den Zuschauern den Eindruck zu vermitteln, sie bekommen für ihre Gebühren ein gutes Programm.“
Das ist ein guter Satz. Er mag wie eine Floskel klingen, aber Bellut hätte auch über die Digitalisierung sprechen können, das Wettbewerbsumfeld oder Marktanteile. Stattdessen nannte er die tatsächlich fundamentale Frage, von der die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland abhängt: Wissen die Menschen, was sie an ihm haben? Umgekehrt: Machen ARD und ZDF ein Programm, das sie notwendig finden oder mindestens eine Bereicherung, die ihr Geld wert ist, auch im Angesicht einer riesigen Zahl anderer Unterhaltungs- und Informationsangebote?
Wollen wir das wirklich?
Diese Frage ist so banal wie elementar. Von außen wird die Diskussion um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk oft ideologisch geführt, kommerziell motiviert oder juristisch, verhakt in Definitionen wie der zum Kampfbegriff gewordenen „Grundversorgung“. Und im Inneren scheinen die Verantwortlichen so vollkommen gefangen in den Erfolgsmaximierungsregeln eines beliebigen Fernsehunternehmens, dass die Frage der Legitimation gar nicht mehr ihr Bewusstsein erreicht.
Natürlich ist es aus einer inneren Logik sinnvoll, wenn man ein erfolgreiches tägliches Wettkochformat am Nachmittag etabliert hat, gleich noch ein zweites dahinter zu setzen, bestückt mit demselben Personal, das sich einmal die Woche schon am Abend bekocht. Man müsste schon einen Schritt zur Seite treten und fragen: Wollen wir das wirklich? Unsere erheblichen Ressourcen als ZDF nutzen, um jeden Nachmittag stupide ritualisiert zwei Stunden am Stück in Kochtöpfe zu gucken?
Es lassen sich Dutzende ähnliche Beispiele im Programm von ARD und ZDF finden, die Inflation der Tier-Doku-Soaps, der Quiz-Wahn, die Boulevardmagazine, die Seifenopern, die Film- und Serienschmonzetten. Es wäre gar nicht nötig, in jedem Fall die Grundsatzfrage zu stellen, ob ein öffentlich-rechtliches Programm so etwas ausstrahlen darf. Es würde schon reichen, sich die Bellutsche Frage zu stellen: Vermitteln wir damit den Zuschauern das Gefühl, sie bekommen für ihre Gebühren Qualität?
Sündenfall Prinzenhochzeit
ARD und ZDF fühlen sich so sicher in den tiefen Gräben zwischen den Fronten politischer Freunde und Gegner, dass sie nicht bemerken, wie leichtfertig sie die Loyalität derjenigen aufs Spiel setzen, die sie als Verbündete im Kampf für einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk brauchen: die Zuschauer.
Dass ARD und ZDF darauf bestanden, die britische Prinzenhochzeit stundenlang parallel auszustrahlen, ist ein erschütternder Beleg: Was konnte das ZDF dadurch gewinnen, das den Verlust von Ansehen, Sympathie, Loyalität auch bei wohlwollenden Betrachtern auch nur annähernd wettmachen würde?
Mit zig Millionen Euro einen Privatsender beim Kauf der Champions-League-Rechte auszustechen ist auch so ein Indiz. Natürlich ist das, von innen gesehen, eine gute Idee, wenn man es sich leisten kann. Demnächst werden junge Menschen regelmäßig einen Sender einschalten, den sie bislang nicht kannten. Reicht das als Legitimation? Wie viele Zuschauer werden sagen: Gut, dass wir das endlich überwiegend selbst bezahlt im ZDF sehen können statt werbefinanziert auf Sat.1?
Die Entrüstung vergeht
Schächter betonte, man werde in der Halbzeit das „Heute Journal“ zeigen und danach Dokumentationen oder das „Auslandsjournal“. Das ist eine teure Investition, um jungen Menschen mithilfe einer Zehn-Minuten-Probier-Ausgabe Claus Kleber schmackhaft zu machen. Und, jede Wette: Das „Auslandsjournal“ wird an diesen Abenden mit noch läppischeren Themen aufmachen, um möglichst wenige Zuschauer mit Politik zu verschrecken und am Ende vorrechnen zu können, der Erwerb der Fußballrechte sei auch ein Gewinn für die Informationsprogramme des ZDF gewesen.
Polenz, der in jeder Sekunde wie der oberste Lobbyist des ZDF wirkt und nicht wie sein wichtigster Kontrolleur, verteidigte das Champions-League-Engagement, man sei nicht nur Resteverwerter dessen, wofür sich im privaten Fernsehen kein Interessent finde. Das ist wahr und geht am Kern vollständig vorbei. Die Akzeptanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wird nicht davon abhängen, wie erfolgreich ARD und ZDF ihr Recht verteidigen, das zu tun, was andere auch tun.
Aber das ZDF wird darauf vertrauen, dass die Entrüstung vergeht. Es ist ja bislang immer gutgegangen, auch als die ARD vor Jahren für beschämend viel Geld die Bundesligarechte kaufte. Irgendwann ist es, wie es ist.
Wenn das Erste vier abendliche Talkshows hat und Günther Jauch engagiert, hat sie dann eben fünf Talkshows. Dann ist man damit beschäftigt, Sendeplätze zu finden und die Gästeakquise zu koordinieren, und niemand fragt, warum das Erste eigentlich jeden Tag eine Talkshow zeigen soll und welchen Erkenntniswert sie haben.
Das ist vermutlich schon revolutionär
Es wird auf Dauer nicht mehr gutgehen, diese Fragen zu ignorieren. Und es wird nicht damit getan sein, immer neue Kleinbiotope in Randzonen der Fernsehlandschaft auszuweisen. Der alte und neue SWR-Intendant hat angekündigt, einen Experimentierplatz in seinem Dritten Programm zu etablieren. Warum ist nicht das ganze Dritte Programm ein Experimentierplatz? Wie viele Sender benötigen ARD und ZDF, um Freiräume zu haben für Formatsuche, Talentförderung?
ZDFneo soll die Talentschmiede des ZDF werden. Aber die Logik der Quote hat selbst diesen Sender schon erfasst. Stolz verkündet Schächter, dass ZDFneo mit 0,3 Prozent Marktanteil schon die Zielvorgabe von 0,2 Prozent übertroffen habe. Wenn sie noch häufiger „Raumschiff Enterprise“ wiederholen, schaffen sie sicher auch 0,4.
Beim ZDF haben sie jetzt eine Task-Force gegründet, um herauszufinden, warum die Quoten von „Heute“ so schlecht sind. Unter anderem hat man die geballte Reklame vor der Sendung als Problem ausgemacht und will versuchen, da etwas umzubauen, selbst wenn es ein paar Werbeeinnahmen kostet. Das ist vermutlich schon revolutionär. Der Gedanke, was das ZDF gewinnen könnte, wenn es von sich aus ganz auf Werbung verzichten würde, wenn es überhaupt strenge Selbstbeschränkungen veröffentlichen würde, was Product Placement angeht, Gafferaufnahmen, Sportrechtekosten oder den Einsatz von Pilawas und Lanzens - dieser Gedanke ist dagegen immer noch undenkbar.
GEZ abschaffen, ARD, ZDF und die Dritten
Holger Muschal (Holly01)
- 21.06.2011, 20:36 Uhr
Als ich das las...
Steffen Ehrecke (Wencit)
- 21.06.2011, 20:48 Uhr
Eine Frage des Werteverfalls und der Moral
Terrell Smith (TerrellSmith)
- 21.06.2011, 21:00 Uhr
Sind ARD und ZDF ihr Geld wert?
Jürgen Meier (jm0001)
- 21.06.2011, 21:00 Uhr
neue politische Baustelle - öffentl.FS - unmöglich für die Zuschauer
Walter Kunz (waltk)
- 21.06.2011, 21:05 Uhr