Zwanzig Jahre sind keine lange Zeit. Manchmal verstreichen sie in zehn Sekunden. Der Untergang im Zeitraffer: Heute steigen die Gesundheitskosten, in zwei Jahren sinken die Reallöhne, das Rentensystem wird für zusammengebrochen erklärt, bald darauf meldet die Pflegeversicherung Rekorddefizite, dann kommt Armut, dann Not und dann, im Jahr 2030, der „Aufstand der Jungen“.
Den braucht das ZDF, damit sich möglichst viele für seine neueste Sozialdystopie interessieren, denn bei Stichworten wie „Demographie“ und „Gesundheitssystem“ springt der Bürger nicht aus dem Sessel, während er beim „Aufstand“ schon eher erwacht: er, der Wutbürger. So sei es dem Sender verziehen, dass er den Titel des Films über unsere Zukunft zur Dokumentation einer Revolution aufbläst; wobei der Aufstand, wenn man diese Zukunft sieht, noch das Tröstlichste daran ist.
Die Zukunft, das ist das, was wir heute nicht verhindert haben. Was geschieht, wenn den Wählern weiterhin die nächsten Steuersenkungen wichtiger erscheinen als die nächsten zwanzig Jahre; wenn Politiker gegen die Jugend spekulieren mit einer Arroganz, die sich nur die Alten leisten können; wenn sie stets auf die Beschwichtigung setzen, die ausreicht, um die Mehrheit vorübergehend ruhigzustellen, während die Zeit verrinnt: Was dann geschieht, zeigt „2030 - Aufstand der Jungen“. Es ist ein Fernsehfilm, also zeigt er es in Fernsehbildern. Fernsehschauspieler laufen durch Fernsehkulissen, und trotzdem lohnt es sich zuzusehen. Es ist mehr Wahrheit darin als in vielen großen Worten, die in Talkshows gesprochen werden.
Die Krankenhäuser sind überfüllt, die Ärzte überlastet
So wird der Fernseher zur Glaskugel des Drehbuchautors und Regisseurs Jörg Lühdorff, der uns als Wahr-Sager im Wohnzimmer besucht. Schon vor vier Jahren sorgte Lühdorff mit seinem Thriller „2030 - Aufstand der Alten“ für Aufmerksamkeit, die durch eine ZDF-Themenwoche zur alternden Gesellschaft noch gesteigert wurde. Allerdings ließ der Filmemacher damals die Alten leiden, die Jungen aber außen vor: Dabei ist die Frage nach ihren Optionen, ihrem Umgang mit den Anforderungen der Welt drängend, in der immer weniger von ihnen immer mehr Alte zu versorgen haben, während die Verteilungskämpfe zwischen den Bevölkerungsgruppen immer aggressiver ausgefochten werden. Während andere Sender „Dr. Kleist“ und „Dr. House“ gemütlich an ihren Patienten herumdoktern lassen, zeigt das ZDF, wer sich in Zukunft um unsere Gesundheit kümmern wird. Nämlich niemand.
Ein Mann, dreißig Jahre ist er alt, wird in ein Krankenhaus eingeliefert, er hat zwei Schusswunden, doch er wird nicht behandelt. „Das Krankenhaus ist überfüllt, die Ärzte sind überlastet“, menetekelt eine Stimme aus dem Off. Es ist die des Sprechers, der die Zuschauer durch die vorgebliche Dokumentation über den Fall Tim Burdenski begleitet. „Doku-Fiction“ nennt das ZDF das und legt nahe, dass, wenn schon nicht das Gesundheitssystem, doch wenigstens der investigative Journalismus in zwanzig Jahren Anlass zur Hoffnung gibt: „Nach Recherchen des ZDF“ in Person von Lena Bach (Bettina Zimmermann) ist nämlich etwas faul an der Geschichte des im Stich gelassenen, bald darauf verschwundenen und für tot erklärten Patienten Burdenski.
Die Lage im Städtischen Krankenhaus Zehlendorf erscheint jedoch allen normal und verwundert auch aus heutiger Sicht wenigstens die nicht, die sich schon einmal mit Umlageverfahren beschäftigt haben. Die Jungen, die es 2030 noch gibt, müssen die Älteren, von denen es viel mehr gibt, versorgen, die Belastung wird groß, sehr groß sein. Tim Burdenski jedenfalls braucht das nicht mehr zu kümmern, denn er ist ja tot.
Wer die Nachhilfe nicht bezahlen kann, bleibt auf der Strecke
Oder auch nicht, wie eine Freundin von ihm vermutet. Sophie Schäfer, gespielt von Lavinia Wilson, ist wie Burdenski eins von zehn „Milleniums-Kindern“, Protagonisten einer Langzeitdokumentation über Kinder, die am 1. Januar 2000 geboren wurden. Durch Rückblenden in die aufgezeichnete Jugend der Freunde, die sich die Journalistin Lena Bach ansieht, verbindet Lühdorff unsere Gegenwart mit dem Jahr 2030. Welche Prozesse zu den künftigen Problemen unserer Gesellschaft geführt haben, wird am Schicksal des jungen Mannes deutlich. Sie sind erschreckend.
Wie im richtigen, heutigen Leben beginnt das Unheil damit, dass an der Bildung gespart wird. Die Eltern des kleinen Tim - sie entstammen wohlgemerkt der Mittelschicht - können sich den teuren Förderunterricht nicht leisten, der mäßige Schüler zu guten macht. Der Staat hilft nicht, die Politik versagt. Auch an die Universität schafft es der begabte Tim wegen der Studiengebühren nicht, der Traum vom gesellschaftlichen Aufstieg ist ausgeträumt. Stattdessen muss er malochen. Das Geld des jungen Mannes ist knapp, und so nimmt er gern die drei Prozent Rabatt, die ihm die Krankenkasse auf den Mitgliedsbeitrag gewährt, wenn er einen Algorithmus das Risiko künftiger Erkrankungen berechnen lässt. Auf einem „streng gesicherten Staatsserver“ werden auch alle anderen Daten über ihn gespeichert, und dass der gläserne Bürger nicht gerade stabil ist, liegt auf der Hand. Der von Barnaby Metschurat gespielte Burdenski scheint am System zerbrochen zu sein; beim Versuch, Daten auf dem Staatsserver zu manipulieren, wird er von den Schüssen der Polizei niedergestreckt.
Nachbarschaftshilfe statt Ausbeutung
Nun könnte die Geschichte des armen Zukunfts-Ichs der heute Zehnjährigen zu Ende sein. Doch die Recherche führt Bach und Schäfer in das Berliner Getto „Höllenberg“, vormals Schöneberg. Dort leben junge Menschen illegal und ohne Rechte, aber auch ohne Pflichten gegenüber der Gesellschaft, praktizieren Nachbarschaftshilfe und essen braune Pampe aus großen Töpfen. Lühdorff hat sie alle in gammlige Parkas gesteckt; Filzhaare und misstrauische Blicke und Resignation herrschen hier. Aber auch Hoffnung, die vor allem einer schürt: Vincent Fischer (Ralph Herforth), Gründer der Initiative „Hoffnungstal“. Zu ihm kommen die Dreißigjährigen, die nicht mehr länger die Alten und Kranken finanzieren wollen und können. Die deshalb, verschuldet und erschöpft, der Gesellschaft, die sie da hineinmanövriert hat, den Rücken kehren und am Ende, nach dem Tod Fischers, den Aufstand wagen. Abgeranzter Altbau gegen in blaues Science-Fiction-Licht getauchte Glas- und Stahlbauten des um einige Hochhäuser reicher gewordenen Berlin - so plakativ darf ein Film sein, auch wenn berühmte Dystopien wie „Soylent Green“ oder „Gattaca“ subtiler wirken. Dafür sind sie aber auch weiter weg von unserer Gegenwart.
Was Bevölkerungswissenschaftler wie Herwig Birg seit Jahren anmahnen - nämlich die Auseinandersetzung mit den irreversiblen Folgen der demographischen Veränderungen in Deutschland - wiederholt „2030 - Aufstand der Jungen“ besonders laut, deutlich und drastisch. „Deutschland hat von seinem Recht auf Nichtwissen in extensiver Weise Gebrauch gemacht und wird dafür teuer bezahlen“, schrieb Birg in seinem „Grundkurs Demographie“ in dieser Zeitung schon vor sechs Jahren. Wie hoch der Preis sein könnte, lässt sich im ZDF begutachten. Zum Schluss des Films raunt es aus dem Off, die Geschichte „kann so verlaufen, aber sie muss nicht - wenn jetzt die richtigen Entscheidungen getroffen werden“. Das ist wahr, doch das „jetzt“ währt nicht mehr lange. Zwanzig Jahre sind nicht viel.
Denn noch immer ist die Mehrheit der Meinung, all dies sei normal.
Alexander Berg (AlexanderGBerg)
- 11.01.2011, 16:27 Uhr
Jugendwahn und Respekt vor Älteren
Jean Münster (ueberflieger)
- 11.01.2011, 18:29 Uhr
Wer glaubt denn an den Weihnachtsmann, ...
Franz-Josef Wilde (drfjwilde)
- 11.01.2011, 18:47 Uhr
realistisch
Georg Schneider (muellmonster)
- 11.01.2011, 19:20 Uhr
Ich denke derartige Filme braucht man sich wirklich nicht anzusehen
Rolf-Dirk Maehler (RDMAEHLER1)
- 11.01.2011, 19:22 Uhr