24.04.2009 · Große Politik im ZDF: Bei Maybrit Illner redet Luigi Colani wirr über die Wirtschaftskrise, bei Johannes B. Kerner macht danach Gesine Schwan hemmungslos Wahlkampf in eigener Sache.
Von Michael HanfeldMan muss sich nur einmal für einen Augenblick vorstellen, Michael Glos wäre noch Bundeswirtschaftsminister. Und dann eine Talkshow wie die von Maybrit Illner gestern Abend im ZDF einschalten. Dann weiß man, was die Union an ihrem neuen Minister Karl-Theodor zu Guttenberg hat. Dann sieht man, dass er zwar nicht ganz so smart argumentiert, wie er aussieht, aber für wesentlich mehr gut ist als für ein paar schicke Bilder aus New York.
Inmitten einer ziemlich irren Runde, wie wir sie hier zu sehen bekommen, behält er die Ruhe und erklärt durchaus nachvollziehbar, warum es nicht sinnvoll ist, jetzt ein drittes Konjunkturprogramm aufzulegen, da das Geld aus dem zweiten noch gar nicht an den Mann gebracht worden sei. Guttenberg gibt den Mann des gesunden Menschenverstandes, der angesichts der tiefgreifenden Krise die Nerven behält. Das ist zwar auch eine zweifelhafte Rolle, sie überstrahlt aber bei weitem die Positionen, mit denen sich zu Guttenberg in dieser Runde auseinanderzusetzen hatte.
Plasberg erstickt an seinem Populismus
An den Folgen dieser Krise, ja sie auch nur zuträglich zu umschreiben, daran scheitert das hiesige Talkshowfernsehen im Augenblick mehrheitlich. Frank Plasberg zum Beispiel erstickt mit seinem unterkomplexen Populismus inzwischen jede Debatte. Bei Maybrit Illner ist es an diesem Abend die Runde selbst, die sich fürs Kabarett empfiehlt. Die SPD/DGB-Funktionärin Ursula Engelen-Kefer setzt auf den alten Politikertrick, immer lauter zu werden und immer weiter zu reden, um zu kaschieren, dass sie nur einen Satz auf dem Zettel hat: Wir brauchen ein drittes Konjunkturprogramm in dreistelliger Milliardenhöhe, damit beim „kleinen Mann“ von der Straße etwas ankommt. Warum und wieso gerade dieser „kleine Mann“ dafür als Steuerzahler wiederum geradestehen sollte, das sagt sie nicht. Über die „Reichensteuer“ kommt das Geld auf jeden Fall nicht wieder herein.
Gregor Gysi - für seine Verhältnisse erstaunlich matt - grämt sich derweil darüber, dass zwar er ein neues Auto kaufen und ein älteres abwracken lassen und dafür vom Staat 2500 Euro Prämie kassieren könnte, nicht aber ein Hartz-IV-Empfänger, dem dieses Geld von den Leistungen abgezogen würde. Martin Wansleben vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag rät derweil, dass wir - Staat und Gesellschaft und jeder einzelne - uns auf unsere Stärken besinnen und uns fragen, was wir tun und besser machen können. Diese Version von „Yes, we can“ wirkt angesichts der täglichen Nachrichten aus der Wirtschaft schon ein bisschen bieder und harmlos.
Luigi Colani findet es gar nicht so schlimm
Wirklich wirr aber tritt der Designer und Unternehmer Luigi Colani auf. Die sechs Prozent, um welche die Wirtschaft nun schrumpfe, seien doch gar nichts, gar kein Problem, sagt er. Und wir, die Deutschen, die Banken oder großen Autofirmen vorneweg, seien zu ideenlos, zu faul, zu reich geworden.
Das mag im Falle des einen oder anderen Investmentbankers stimmen, der, wie der ehemalige Chef der Investmentsparte der Dresdner Bank, Millionenboni einklagt, obwohl er einen Milliardenverlust mit zu verantworten hat. Für viele andere in diesem Lande stimmt es aber vielleicht auch nicht. Mit anderen Worten: Luigi Colani verabschiedet sich mit seiner ersten Wortmeldung aus der Runde, er ist zwar unheimlich laut, so laut, dass es Maybrit Illner in den Ohren klingelt, mehr aber auch nicht.
Gesine Schwan ist süchtig nach der Freiheit der anderen
So geht eine Stunde Lebenszeit verloren. Danach aber gibt es im ZDF noch einmal große Politik. Gesine Schwan ist bei Johannes B. Kerner zu Gast. Um dessen Wechsel zu Sat.1 geht es mit keinem Wort, dafür um Schwans Präsidentschaftskandidatur. Die Würde des Amtes soll sie erklären, danach fragt Kerner, nicht aber, ob sie dieses Amt nicht schon, bevor sie es überhaupt innehat, dadurch in seiner Würde berührt, dass sie einen Wahlkampf macht als sei sie eine Kanzlerkandidatin. Sie buhlt mit jedem ihrer zahlreichen Auftritt um jede Stimme in der Bundesversammlung.
Dass sie dies auch und erst recht durch den Besuch bei Kerner unternimmt, darauf deutet der Moderator zwar in der ihm eigenen, windigen Art hin, das macht die Umstände aber nicht erträglicher. Es hat schon seinen Grund, dass man beim ZDF etwas dagegen hatte, Gesine Schwan vier Wochen vor der Präsidentenwahl ein Forum zu bieten. Sie hat es lächelnd genutzt, allzu harte Fragen nach der Linkspartei, ohne deren Stimmen sie nicht ins Amt kommt, ersparte ihr Kerner. Auch bei Schwans Warnung vor sozialen Unruhen - man bedenke: in vier Wochen will sie Bundespräsidentin werden -, bleibt er verständnisvoll und freundlich wie stets, was der Kandidatin aufs Feinste in die Hände spielt, die an diesem Abend einmal mehr die große Überparteiliche gibt, die sie nicht ist. Sie verspüre geradezu eine „Sucht nach der Freiheit des anderen“ sagt sie, um zu begründen, warum sie sich um das höchste Amt im Staate bewirbt. Die Freiheit der anderen in der Bundesversammlung könnte auch darin bestehen, sie nicht zu wählen. Am 23. Mai werden wir es sehen.