31.01.2009 · Wohnungsübergabe bei Sat.1: Als Nachfolger Cordula Stratmanns hat sich der Schauspieler Jürgen Vogel in der „Schillerstraße“ als Komiker versucht. Anschließend suchten vierhundert Frauen nach dem perfekten Mann.
Von Jörg ThomannJeder Komiker, der lange genug Erfolg gehabt hat, verspürt irgendwann den Reiz, sich in einer ernsten Rolle zu versuchen. Zu demonstrieren, dass er vielseitig ist und mehr drauf hat als ständig den Kasper zu geben. Manchmal geht das gut, wie bei Harald Juhnke, der in seinen späten Jahren von der Knallcharge zum Charakterdarsteller aufstieg. Manchmal hingegen wendet sich das bislang so treue Publikum irritiert ab.
Doch auch der umgekehrte Fall geht nicht immer gut: Der gerühmte Mime, der seine Liebe zur leichten Muse entdeckt, stößt plötzlich an seine Grenzen. Taucht in einem Film, der vor allem ein Vehikel für Comedy-Größen ist, ein etablierter Schauspieler auf, so fühlt sich dieser durch die komischen Vögel um ihn herum animiert, wild zu grimassieren, mit den Augen zu rollen und dem Affen so viel Zucker zu geben, dass es den Tatbestand der Tierquälerei erfüllt. Robert DeNiro etwa hat in seinen Komödien nie so überzeugen können wie als Mafioso.
Ein neuer Mieter
Eine ähnliche Wertschätzung wie DeNiro genießt, auf deutsche Verhältnisse übertragen, Jürgen Vogel. Er spielte einen Todgeweihten und einen Vergewaltiger, einen kleinen Verlierer und Friedrich II. von Preußen. Er trat auch in Komödien auf, ohne als Komiker klassifiziert zu werden. Genau diese Ambition jedoch scheint er neuerdings zu hegen. Möglicherweise infiziert durch seine Arbeit mit „Bully“ Herbig in dessen „Wickie“-Castingshow (siehe: Fernsehkritik: Die Premiere von Bullys Wikinger-Casting), meldete er sich zur Stelle, als Sat.1 für seine Improvisations-Comedy „Schillerstraße“ einen neuen Gastgeber suchte. Nach mehr als hundert Folgen hatte Cordula Stratmann, die gute Seele der Humor-WG, ihre Koffer gepackt. Ihr Nachmieter heißt Jürgen Vogel.
„Schillerstraße“ gehört zu den größten Erfolgen, die in den vergangenen Jahren hierzulande entwickelt wurden. Umrahmt von einem arg zerbrechlichen Handlungsgerüst, werden jedem Darsteller absurde Regieanweisungen eingeflüstert, von denen zwar das Publikum, nicht aber seine Mitspieler wissen (siehe: Die neue Comedy-Sendung „Schillerstraße“). Die Show ist ein zuverlässiger Indikator dafür, welcher Comedian spontan komisch sein kann und wer ohne auswendig gelernte Pointen auf verlorenem Posten steht. Hier kommt es immer wieder zu erfreulichen Überraschungen. Wacker schlug sich gestern Oliver Pocher, der sich erstaunlich schlagfertig zeigte und zugleich sein übergroßes Ego in Schach halten konnte. „Maddin“ Schneider wiederum ist nirgends sonst so gut wie in der „Schillerstraße“, deren Stammgast er seit der ersten Folge ist, und entzückte gestern mit einem breiten Repertoire an Möglichkeiten, einen elektrischen Türöffner falsch zu bedienen.
Gigantische Hen Party
Ilka Bessin hingegen, die ihre Cindy in Marzahn gelassen hatte, wirkte ohne ihr schrilles Alter Ego brav und blass. Und Jürgen Vogel? Er zeigte sich spielfreudig, hatte durchaus lustige Momente, konnte jedoch nicht ganz mithalten mit den Routiniers, die ihre Rollen längst perfektioniert haben. Jeder „Schillerstraßen“-Bewohner spielt ja bis zu einem gewissen Grade sich selbst, und Vogel trat auf als lässiger, netter Kerl. Raumfüllend scheint das noch nicht. Sat.1 wird die Rückkehr der Sendung nach anderthalb Jahren dennoch als vollen Erfolg verbuchen: Mit einem Marktanteil von 17,2 Prozent war man, trotz Bayern und HSV im Ersten und trotz Jauchs RTL-Millionärsshow, Tagessieger beim jungen Publikum.
Mit der Show, die im Anschluss folgte, stürzte man indes gleich wieder ab. „Mr. Perfect“ nennt sich die Sendung, die im Grunde eine Neuauflage der Sat.1-Show „Mann-o-Mann“ von 1992 ist. Aus zehn männlichen Kandidaten durfte damals ein zweihundertköpfiges weibliches Publikum den Mann des Abends wählen: eine gigantische Hen Party, die Peer Augustinski als Mischung aus Löwinnenbändiger und öligem Kurschatten moderierte und die zweifellos sexistisch war. Dass die Kritiker sich nicht einig waren, ob sexistisch gegenüber den Männern, die durchaus auch nach körperlichen Attributen bewertet wurden und bei Missfallen ins Schwimmbecken gestoßen wurden, oder gegenüber den Frauen, die sich als hysterisch-lüsterne Meute präsentierten, trug zum Ruhm der Sendung bei.
Bei „Mr. Perfect“ hat man die Zuschauerzahl auf vierhundert Frauen verdoppelt. Ansonsten ist von allem viel weniger da: weniger Sexismus, weniger Sarkasmus und nur noch sechs Kandidaten, die nicht durchgehend aufgrund ihres Äußeren ausgesucht worden sein können. Und vor allem, trotz eines redlich bemühten Alexander Mazza, kein Moderator wie Peer Augustinski, der dem Spektakel einst gleichermaßen Würde wie Witz verlieh.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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