03.03.2010 · Jay Leno ist mit seiner „Tonight Show“ ins amerikanische Fernsehen zurückgekehrt. 6,6 Millionen Fans verfolgten die neue, kaum veränderte Show, während David Letterman nur 3,8 Millionen Zuschauer fand. Großen Anteil an dem gelungenen Auftakt hatte wohl auch sein erster Gast: Sarah Palin.
Von Jordan Mejias, New YorkJay Leno ist wieder da, wo er war, bevor er in den Stürmen der Primetime Schiffbruch erlitt. Montagnacht ist er nach Hause in die „Tonight Show“ zurückgekehrt, und damit um Mitternacht niemand erschrocken aus dem Bett fällt, hat er so gut wie alles beim alten gelassen. Ein Präsidentenwitz gefällig? No problem, Präsident Bush, ja doch, George W. Bush, wir erinnern uns dunkel, ist immer noch für einen Witz gut. Quotenmäßig funktionierte die Sache jedenfalls wunderbar. Leno wollten 6,6 Millionen Fans sehen, während zur gleichen Zeit David Letterman mit 3,8 Millionen Vorlieb nehmen musste.
Und wohl auch um seinen Triumph in die zweite Nacht hinüberschwappen zu lassen, hatte er Sarah Palin zu sich ins Studio nach Burbank, California, eingeladen. Die ist zurzeit zwar allgegenwärtig im amerikanisch öffentlichen Leben, als Bestsellerautorin, nicht minder hochbezahlte Vortragskünstlerin und Kommentatorin des erzkonservativen Nachrichtensenders Fox News, aber das reicht wohl noch nicht, um im Gespräch und Geschäft zu bleiben und durch all die vielen Türen zu gehen, die, wie die gescheiterte Vizepräsidentschaftskandidatin selbst bei jeder Gelegenheit versichert, ihr von Gott geöffnet werden.
Lenos Lachkrampf
Burbank könnte durchaus ein gefährliches Pflaster für sie sein, so entsetzlich nahe zu Hollywood, dem Sündenpfuhl, den sie nicht müde wird anzuprangern. Bei Leno, dem unerschütterlich netten Fernsehonkel, hat sie jedoch kaum etwas zu fürchten. Ganz zart und behutsam versucht er hier und da einen Vorbehalt zu formulieren, aber damit ist die inzwischen abgebrühte Mediendiva, die mit Hochfrisur und in Jeans sich wieder so echt volksnah gibt, nicht aus der Fassung zu bringen.
Meint sie, die Medien behandeln sie unfair? Ja, schon… Aber gehört sie nun nicht auch dazu? Ja, aber im Gegensatz zu den Kollegen aus dem Medienmainstream geht es ihr doch um Wahrheit und Vertrauen! Schlicht bewundernswert, wie Leno da keinem Lachkrampf erliegt.
Zum Schluss dann eine echte Premiere. Leno erlaubt ihr, zu nachtschlafender Stunde als Standup Comic vor die Kameras zu treten, und, ganz im Vertrauen gesagt, den lustigen Beruf sollte sie sehr ernsthaft in Erwägung ziehen. Nicht nur zu ihrem Wohl, sondern auch zu dem Amerikas und der Welt. Denn auf einer Bühne in Las Vegas wäre sie allemal besser aufgehoben als im Weißen Haus, egal, an welchem Schreibtisch dort.
Das tolle Flintenweib
Bessere Witzeschreiber müsste sie sich aber schon engagieren. Von Obamas Bemühungen um eine Gesundheitsreform wollte sie sich an die akrobatischen Tricks auf einem Snowboard erinnert fühlen. In ihrem geliebten Heimatstaat Alaska, verriet sie, sei es gerade so kalt, dass die Temperaturen fünf Grad unter den Beliebtheitswerten des Kongresses lägen. Als Vizepräsidenten, die sie glücklicherweise nicht geworden sei, hätte sie gar nicht gewusst, was mit all der Freizeit anzufangen wäre. Selbst die Versuche in Richtung Selbstironie wollten nicht richtig zünden. Natürlich fehlte nicht der Hinweis auf die Stichworte, die sich auf den Handteller geschrieben hatte. Und der Ankündigung, auf einem Kongress für Waffenrechtler aufzutreten, ließ sie lächelnd die Aufforderung folgen: „Kommt hin, andernfalls…“
An der Legende von Sarah, dem tollen Flintenweib, strickte auch Mitt Romney, der derweil zwei Kanäle weiter Gast bei Letterman war und auch ein Buch zu verkaufen hat. Romney, das ist der gescheiterte Präsidentschaftskandidat, jetzt gleichwohl neue Hoffnungsträger des republikanischen Amerika. Dieser gegenwärtig arbeitslose Politiker, der sich offenbar vorgenommen hat, Obama die zweite Amtszeit streitig zu machen, riet also Letterman, über die Parteigenossin Palin keine gehässigen Worte zu verlieren: „Sie hat eine Knarre, wissen Sie.“ Ansonsten findet er sie einfach prima. Und er scheute sich nicht, das zu wiederholen, als das Publikum doch ein wenig anderer Meinung war und es hörbar kundtat.