15.04.2009 · Für das Grauen, das Marcel Reich-Ranicki und seine Familie erlitten haben, findet der Film „Mein Leben“ die richtigen Bilder. Weil er nicht dramatisiert, sondern nur andeutet, was nicht darstellbar ist.
Von Stefan AustJetzt gibt es den Mann also auch im Film. Man würde ihn nicht erkennen, wenn man nicht wüsste, dass es sein Buch ist, sein Leben, das verfilmt wurde.
Um es gleich zu sagen, es ist ein großartiger Film, handwerklich gekonnt, sehr gute Schauspieler, bis in die Nebenrollen, beste Regie (Dror Zahavi), Ausstattung, Schnitt. Ein dezenter Film, irgendwie cool, würde man heute sagen. Trotz des Themas.
Es geht um einen Mann und sein Leben. Wir kannten und kennen ihn als zornigen alten Mann, mit harter, ausdrucksstarker Stimme, mit rollendem R.
R. – wie Reich-Ranicki.
Kein Kabarettist, der sich nicht an seiner Sprache versucht hätte. Und nun im Film spricht er wie der junge Schauspieler, der die Rolle seines – Reichs – Lebens spielt, als sei es die seines eigenen.
Ein gutaussehender junger Mann, Mathias Schweighöfer, den Fotos des jungen Marcel Reich-Ranicki nicht unähnlich. Sah Marcel R.-R. tatsächlich so gut aus?
Gespielt, nicht nachgeäfft
Er wird nicht karikiert, nicht imitiert, der junge Mann, aus dem später Deutschlands größter Literaturkritiker werden wird. Ein polnischer Jude, der ins Berlin der dreißiger Jahre auf Bildungsreise geschickt wird. „Du fährst in das Land der Kultur, vergiss das nicht, in das Land der Kultur“, sagt die Mutter. Er spricht kein Wort Deutsch? „Dann werden wir das ändern.“ Als die Mutter zum ersten Mal auf Besuch nach Berlin kommt, hat der junge Marcel die ersten Lektionen seiner künftigen Sprache gelernt und spricht mit rollendem sR und polnischem Akzent einen Hauch so, wie man ihn kennt. Das lässt er dann im Laufe des Films und klingt wie Schweighöfer, nicht wie Reich-Ranicki. Die real existierende Hauptperson wird gespielt und nicht nachgeäfft.
Es ist ein Fernsehfilm, der die Mittel des Films nicht ausreizt, der nicht dramatisiert, der eher untertreibt als übertreibt, der andeutet, was wir längst wissen und was in seiner Ungeheuerlichkeit weder in Filmen noch in Büchern darzustellen ist.
Was Marcel nie vergessen soll
Der Junge kommt nach Berlin, erfährt, dass eine Weltreise im Zeppelin 40.000 Reichsmark kostet, lernt das deutsche Theater und die deutsche Literatur kennen – und damit die deutsche Sprache –, und er beschließt, Kritiker zu werden. Und was für einer.
„Wir sind Juden, Marcel, wir sind anders als die anderen“, gibt die Mutter ihm mit auf den Weg, „deshalb müssen wir die Besten sein, ganz egal, was du in Zukunft tun wirst, du musst immer der Beste sein, immer besser als die anderen, vergiss das nicht.“
Er taucht ein in die Welt von Karl May und Adolf Hitler, die Welt der Bücher und die Welt der Bücherverbrennung. Er besucht das Berliner Gymnasium und erlebt den Einmarsch der Nazigesinnung in die Hochburg der Bildung. Mitschüler tragen das Hakenkreuz am Revers und haben noch nie Thomas Mann gelesen, denn der gilt ihnen als Kommunist. Zwischen den Buddenbrooks, Hertha BSC und Heil Hitler erfährt der junge Marcel die deutsche Kultur und die deutsche Gegenwart der dreißiger Jahre, erlebt die schrittweise Erniedrigung der Juden am eigenen Leib. Und lässt nicht ab von seiner Liebe zur deutschen Sprache und zur deutschen Literatur.
Die Perversion der Macht
„Du musst Rabbi werden“, hat ihm der Großvater geraten, „da kannst du viel faulenzen und hast Zeit zum Lesen.“ Doch da wird er lieber zum Kritiker, der ja auch so eine Art Rabbi ist. Er erzählt einer Angebeteten die Handlung von Hamlet, als sei es das Alte Testament.
Er wird mit sofortiger Wirkung als „unerwünschter Ausländer“ ausgewiesen. Zurück in Warschau, sieht er noch immer das Gute im deutschen Menschen. „Es sind nicht alle Deutschen schlechte Menschen.“ Bei einer Aufführung von Schillers „Don Carlos“ in Berlin habe es bei der Forderung „geben Sie Gedankenfreiheit“ anhaltenden Applaus gegeben, der dort eigentlich nicht hingehört. „Es war wie eine Kampfansage.“ „Vielleicht wirst du deine Deutschen früher wiedersehen, als uns lieb ist“, antwortet sein Bruder. Dann fällt die Kulturnation in Polen ein. Warschau wird besetzt, deutsche Soldaten raffen bei Juden Geld und Gold zusammen. Familie Reich und die Nachbarn werden zusammengetrieben: „Ihr Schweinebande macht jetzt die Flure blitzeblank.“ Auf Knien müssen sie Fußböden schrubben. „Aufstehen“, befiehlt der Soldat einem Mädchen, „zieh dein Höschen aus.“ Der Zuschauer erwartet einen sexuellen Übergriff. Dann muss das Mädchen mit dem Höschen putzen. Die Perversion der Macht.
Das sind doch nicht alles Barbaren
Marcel blickt auf: „Ich komme auch aus Berlin.“ Voll Verachtung blickt der Soldat auf ihn herab. Er testet ihn. Gegen wen sei Hertha BSC in einem bestimmten Spiel angetreten? Reich rasselt den Spielverlauf herunter, wer wann wo an wen abgegeben und die Tore geschossen hat. Da erkennt der Soldat ein gewisses Deutschtum im Juden an und lässt ihn gehen.
Das Getto wird eingerichtet. Alle Juden müssen dorthin. Der Vater kann es noch immer nicht glauben: „Ich habe die Deutschen im Ersten Weltkrieg erlebt. Das sind doch nicht alles Barbaren.“
Ein Nachbar erhängt sich. Seine Tochter findet ihn, stützt ihn verzweifelt. Kann ihm nicht mehr helfen. „Kümmere dich um das Mädchen“, sagt die Mutter zu Marcel. Er kümmert sich, bis heute.
Eine Grundausstattung von Kultur
„Was soll ich zu einem Mädchen sagen, das sich seit zehn Minuten darum bemüht, seinen Vater vom Gürtel loszuschneiden?“, sagt er im Film dem Vernehmungsoffizier des polnischen Geheimdienstes, als der ihn 1949 wegen politischer Unzuverlässigkeit verhört. Ein Satz von Emil Jannings sei ihm in den Sinn gekommen: „Wir sind dazu da, das Leben nicht von uns zu werfen, sondern zu bezwingen.“
Von diesem Moment an waren sie zusammen. Zu zweit gehen Marcel und Tosia durch das Inferno von Getto, Verfolgung und Vernichtung.
Marcel muss, darf im Judenrat des Gettos Formulare übersetzen, leitet das Korrespondenz- und Übersetzungsbüro. Er bekommt eine Extraportion Brot. Er trägt die Verantwortung für seine Eltern und Tosia. Gemeinsam entwickeln sie Überlebensstrategien. Er achtet auf sein Äußeres, immer gepflegt, gut gekleidet, geputzte Schuhe. Sie bewahren eine Grundausstattung von Kultur, auch da, wo menschliche Zivilisation mit Füßen getreten wird.
Reichs Handschrift, in Filmszenen umgesetzt
Der neue deutsche Getto-Kommandant stellt sich vor. Seinen SS-Rang stellt er bescheiden in den Hintergrund. „Ich bin der Auerswald, Referent für das Bevölkerungswesen und Fürsorge.“ Er fragt, ob es hier einen Berliner gebe. Marcel meldet sich. Er darf einen Wunsch anmelden. Marcel Reich bittet um Heizmaterial für das klassische Konzert, das im Getto stattfinden soll. „Dieses eine Mal hielt er sein Wort“, sagt Marcel später seinem Vernehmer. Zum Konzert erscheint der SS-Offizier im Zweireiher mit Hut. Zufrieden mit seiner Unterstützung des Kulturereignisses, gibt er gegenüber Marcel eine Geste der Großzügigkeit. Danach folgen dokumentarische Szenen der brutalen Wirklichkeit im Getto. Leichen werden abtransportiert. Insassen ins Vernichtungslager deportiert.
Es sind diese Gegensätze aus der lakonischen Schilderung des sich entwickelnden Grauens und der bestialischen Realität, die den Film so eindrucksvoll machen. Das ist Reichs Handschrift, die hier in Filmszenen umgesetzt wird. Ohne Selbstmitleid schildert er in seinem Buch die Ereignisse. Er ist tapfer. Für das unaussprechliche Grauen, das ihn und seine Familie trifft, findet er Worte, Formulierungen, die so sachlich sind, dass das Entsetzen erst im Kopf des Lesers entsteht. Der Film setzt das in Bilder um.
Die Viehwaggons stehen schon bereit
Das Getto wird abgeriegelt, niemand darf es bei Todesstrafe verlassen. Ausnahmen werden bürokratisch geregelt. Dann erscheint die SS. Reich muss den Befehl tippen: „Alle jüdischen Personen, die in Warschau leben, gleichgültig ihres Alters und ihres Geschlechts, werden nach Osten umgesiedelt.“ Ausgenommen sind Arbeitsfähige, die für deutsche Firmen arbeiten. Ein Grammophon spielt „An der schönen blauen Donau“. Mitglieder des „Judenrates“ sind vorerst ausgenommen. Die Viehwaggons stehen schon bereit. Um Tosia vor der Deportation zu schützen, lassen sich die beiden vom Rabbi verheiraten. Marcel versteckt seine Familie. Die Transporte nach Majdanek werden immer häufiger, immer mehr Menschen verschwinden. In beklemmender Eindringlichkeit zeigt der Film den Abtransport in den Tod, unterbrochen von den Aussagen Reich-Ranickis vor seinem Vernehmungsoffizier 1949.
„Meine Mutter war achtundfünfzig, und mein Vater war einundsechzig“, sagt er. „Sie zogen sich ihre besten Sachen an und fanden sich auf dem Sammelplatz ein.“ Das Letzte, was Tosia von Marcels Mutter hörte, war: „Kümmere dich um Marcel.“ Die beiden konnten sich verstecken. Als von den 400.000 Juden im Getto noch 25.000 lebten, konnten Marcel und Tosia entkommen. In einem Dorf bei Warschau fanden sie Zuflucht im Hause eines polnischen Schriftsetzers.
Einmal lässt der Film die Dinge nicht für sich selbst sprechen
Sie überleben, weil der kleine Pole dem mächtigsten Politiker Europas zeigen will, dass auch dessen Macht begrenzt ist. Hitler verliert gegen ihn. Marcel und seine Frau drehen Zigaretten, die ihr Beschützer verkauft, nachts erzählt er Geschichten. Literatur als Überlebensstrategie. Dann ist der Krieg vorbei. Reich-Ranicki schließt sich der kommunistischen Partei Polens an, arbeitet für den Geheimdienst, bis er ausgeschlossen wird. „Es ist schwer zu begreifen“, sagt der Genosse Vernehmungsoffizier ihm, „wie ein Jude Kommunist sein kann.“ Deshalb müssten die Juden aus der KP verschwinden.
Reich-Ranicki verschwindet. Aus der Kommunistischen Partei und aus Polen. Er geht nach Deutschland, ausgerechnet in die Bundesrepublik. Und hier verlässt der Film zum ersten – und damit auch zum letzten Mal – seine unterkühlte Art, die Dinge für sich selbst sprechen zu lassen. Auf dem Weg vom Bahnhof zu seiner neuen Arbeitsstelle bei der „Frankfurter Allgemeinen“ hat er eine Vision. Er sieht die Peiniger aus dem Getto, den SS-Mann Auerswald und dessen Kollegen. Die Mörder sind unter uns, will der Film sagen, als wüssten wir das nicht schon längst.
Die Geschichte eines Sieges
Sie waren unter uns, und einige sind immer noch unter uns, wenn auch in hohem Alter. Marcel Reich-Ranicki hat die meisten von ihnen überlebt. Seine verfilmte Lebensgeschichte ist die Geschichte eines Sieges. Er hat sich unter die Täter begeben, und seine Rache war die Unerschrockenheit, mit der er die Literatur, die Kultur verteidigte. Unerbittlich und auch verletzend, aber nicht verbittert, unbestechlich und nur dem verpflichtet, was er auf seiner Bildungsreise durch die Niedrigkeiten dieses Jahrhunderts gelernt hat.
Es spricht für dieses Land und seine Lernfähigkeit, dass jemand wie Reich-Ranicki zum Medienstar wurde. Er ist ein Zuwanderer, wie man heute sagen würde. Nicht nur geduldet, verehrt. Ein Weiser aus dem Abendland. Im Reisegepäck hatte er die deutsche Kultur. Insofern war er deutscher als so mancher Deutsche. Seinen polnischen Akzent hat er sauber kultiviert, bis er selbst Kult wurde.
So sind die kleinen Teufel
Man hätte sich gewünscht, dass der Film auch die Karriere des Kritikers Reich-Ranicki gezeigt hätte. Wie er mit Günter Grass und anderen umgesprungen ist, die ihm am liebsten Tod und Teufel an den Hals gewünscht hätten. Aber das kannte er schon. Das konnte ihn nicht mehr erschrecken. Und so war und ist er ein freier Mann, der das Unbequeme auch vor Publikum auf großer Bühne ausspricht, ohne Scheu – und mit einem heimlichen Vergnügen an der Provokation. Ein kleiner Teufel, wie seine Mutter schon früh erkennt, als er mit einer Knalltüte seinen Bruder erschreckt.
„Ich bin stolz darauf, für den 'Spiegel' arbeiten zu dürfen“, sagte Rudolf Augstein, als das Magazin Reich-Ranickis Verriss des Wiedervereinigungsromans „Ein weites Feld“ von Günter Grass druckte. „Mein lieber Günter Grass ...“, hieß es auf dem Titel, und der zeigte Reich-Ranicki, der das Buch zerriss. Ein Aufschrei des Betroffenen hallte durch die Medien. Reich-Ranicki wusste natürlich von nichts. Und doch bin ich sicher, dass er sich gefühlt hat wie der Schuster in der Ukraine, von dem Rudolf Augstein immer erzählte, der ein Wochenblatt herausgab und sich jeden Montag freute: Was wird der Zar in Moskau sich wieder ärgern.
So sind die kleinen Teufel. Im Leben wie im Film.