10.08.2009 · Streit unter Nachbarn, Alkoholismus, Problemjugendliche: Billig produzierten Reality-Serien bieten alles andere als gutes Fernsehen, aber man kann an ihnen über das wirkliche Leben einiges lernen.
Von Stefan NiggemeierFrau Weißmann hat Übung darin, sich anmerken zu lassen, wenn sie leidet. Sie hat ein großes Repertoire aus traurigem Blinzeln, erschöpftem Augenverdrehen und tiefem Seufzen, und als sie erfährt, dass die geliebten Bäume in ihrem Garten die unsachgemäße Astamputation durch den Nachbarn womöglich nicht überleben werden, entwickelt sie eindrucksvolle Schluckbeschwerden. Aber nie leidet sie mehr als in dem Moment, in dem der Mediator Ernst Andreas Kolb sie und ihren Mann fragt, was das denn für Menschen sind, ihre Nachbarn. Ihr Mann antwortet: "Da möchten wir uns nicht zu äußern", und sie fleht matt: "Herr Kolb, ja, bitte", und jede Faser ihres Körpers schreit: Was. Das. Für. Menschen. Sind.
Vermutlich würde sie sie als asozial bezeichnen, wenn sie es nicht asozial fände, jemanden als asozial zu bezeichnen. Die Nachbarn sind wohl Hartz-IV-Empfänger, wirken eher ungewaschen, haben viele Ohrringe, wilde Haare und eine zahme Ratte, und Idylle bedeutet für sie nicht Ruhe und Ordnung, sondern schön im Garten Fußball spielen und grillen.
Die Parteien, zwischen denen Rechtsanwalt Kolb in der ersten Folge seiner RTL-Realityreihe vermittelte, hätten kaum klischeehafter auf Kontrast gecastet worden sein können. Und die Sendung ist nur der x-te Abklatsch eines Genres, das gerade alle anderen aus dem Programm zu drängen droht: Nach Super-Nanny, Restauranttester, Hotelchecker, Jugendhelfer, Beziehungscoach, Ausdenschuldenholer kommt nun auch noch ein Mediator, um vor laufender Kamera das Leben zu reparieren. Die Dramaturgie von "Nachbarschaftsstreit - Kolb greift ein" ist so vorhersehbar, dass es ein Wunder ist, dass die Produzenten nicht beim Schneiden eingenickt sind - wobei das gar nicht auszuschließen ist, so lieblos und falsch, wie die Szenen montiert wurden.
Anschauungsmaterial für Schule und Seminar
Das ist alles andere als gutes Fernsehen, und doch könnte man die Sendung als Anschauungsmaterial in Schulen oder Psychologieseminaren vorführen. Sie zeigt in seltener Klarheit, wie alltägliche Konflikte entstehen und warum sie eskalieren.
Nach einer Weile wird deutlich, dass beide Nachbarsfamilien recht haben - und beide unrecht. Man sieht, ohne dass der Off-Sprecher das kommentieren müsste, wie sehr die Weißmanns in ihrem bürgerlichen Verteidigungswahn übertreiben, wie hysterisch sie sind, wenn sie Komposthäufchen zu Ratten-Brut-Stationen stilisieren. Man versteht aber auch, wie verletzlich sie sich fühlen in ihrem "Paradies", das sie sich aufwendig geschaffen haben, und man sieht, wie berechtigt ihr Vorwurf der Rücksichtslosigkeit ist.
Denn auf der anderen Seite des Zauns provoziert Familie Faulhaber-Cera nicht nur mit demonstrativem Grillen, sondern auch mit großer Treuherzigkeit: Als er alle Äste auf seiner Seite ratzekahl absägte, habe er die Bäume doch nur pflegen wollen, sagt der Mann, und die Demonstration, dass der Rauch des Grills überhaupt gar nicht zu den Nachbarn ziehen könne, gerät zum absurden Theater. Doch dahinter kommt auch hier eine sehr nachvollziehbare Verletztheit darüber zum Vorschein, von den Nachbarn als Menschen zweiter Klasse gesehen zu werden.
Voyeurismus
So unzulänglich diese Reality-Formate oft sind und so wenig man sie mit Dokumentationen verwechseln darf - mit ihnen ist die Realität mit großer Wucht ins Hauptabendprogramm der Privatsender geschwappt, in dem sie vor ein paar Jahren noch fast völlig fehlte. Und erstaunlicherweise erzählen sie uns selbst dann einiges über das wahre Leben in Deutschland im Jahr 2009, wenn sie nicht auf besonders begabte Protagonisten und Therapeuten wie "Super-Nanny" Katharina Saalfrank oder "Restauranttester" Christian Rach zugeschnitten sind.
In die Sat.1-Reihe "Die Superlehrer", die der Sender selbst als "Dokutainment" bezeichnet, brach das wahre Leben besonders heftig ein. Der Sender steckte Problemjugendliche in Berlin in eine Klasse und begleitete sie bei ihrem Versuch, den Hauptschulabschluss nachzumachen. Einer der Teilnehmer, vorbestraft wegen Körperverletzung, schlug brutal eine Mitschülerin. Er flog aus Show und Experiment, und "Bild" fragte: "Wie weit will das Fernsehen noch gehen?" - als wäre der Sender schon durch den Versuch, gefährdeten, gefährlichen Jugendlichen eine Chance zu geben, ein unkalkulierbares Risiko eingegangen und als wäre diese Gewalt nicht auch ohne Fernsehen Realität und sogar Alltag.
Natürlich wurde die Sendung "Die Superlehrer" auf maximale Effekte produziert. Sie erfüllt voyeuristische Bedürfnisse und scheut nicht davor zurück, die jungen Leute sternhagelvoll auf der Schultreppe zu zeigen. Und trotzdem ermöglicht sie es den Zuschauern gelegentlich, sich mit den Jugendlichen zu identifizieren oder wenigstens mit ihnen zu sympathisieren. Am Ende entsteht ein differenziertes Bild.
Zwischen den plakativ zur Schau gestellten Niederlagen, Defiziten, Trotzreaktionen und Ausrastern gibt es gelegentlich Einblicke in die Ausweglosigkeit dieser Leben, die gewiss nicht untypisch sind. Einen kurzen Besuch bei Nhi zu Hause, zum Beispiel, der Klassenbesten, die sicher nicht um einen Hauptschulabschluss kämpfen müsste, wenn sie nicht unter dem Druck zusammengebrochen wäre, die Verantwortung für ihre ganze Familie zu tragen, für die kleinen Geschwister ebenso wie die vietnamesische Mutter, die kein Deutsch spricht. Und wenn Florian eine Prüfung schwänzt und es aussieht, als ob er nur wieder, zum wer weiß wie vielten Mal, mutwillig alle Chancen ausschlagen würde, dann ändert es etwas, wenn man weiß, dass er stattdessen zu Hause notdürftig die Wohnungstür repariert, die eingeschlagen wurde, als seine früheren Drogenfreunde den Fernseher klauten.
Da gibt es viele Momente voll lächerlicher Gestelltheit, und Hartmut Siegmann, einer der Lehrer, scheint zeitweise die gleiche Rolle zu spielen, die er schon in der ZDF-Doku-Soap "Die harte Schule der 50er Jahre" hatte. Aber es ist immer wieder berührend und, ja: authentisch, wenn die Jugendlichen sich grenzenlos über eine Vier minus freuen oder sich zur Motivation noch einmal ansehen, welche Träume sie am Anfang nannten, warum sie den Hauptschulabschluss machen. "Ich will kein Hartz-IV-Empfänger werden", sagt einer mit Nachdruck. Das ist ein großes Ziel. Die 16-jährige Dilara sagt: "Hauptschule - wer das nicht schafft, ist echt blöde." Sie lacht dabei, aber wenn sie das sagt, hat es einen merkwürdigen Galgenhumor.
Verständnis
Die Inflation des Dokumentarischen und seiner Imitation in den privaten Fernsehprogrammen hat viele merkwürdige Effekte. Im Tagesprogramm wirken auch die Sendungen, die behaupten, keine gescripteten Geschichten mit Laiendarstellern zu erzählen, häufig gestellt - als wüssten die Protagonisten genau, was die Fernsehleute von ihnen sehen wollen, und improvisierten das dann frei. Aber trotz dieser verschwindenden Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion bieten vor allem die Primetime-Produktionen immer wieder authentische Einblicke in den Alltag.
Seit Jahren wird das Zeitalter des Eskapismus im kommerziellen Fernsehen beschworen, aber die vielen Geschichten, die es jetzt erzählt, spielen hier und heute: in einer düsteren, realen Welt, in der es zwar Hoffnung gibt, aber kein garantiertes Happy End.
Im Fernsehen liegt es schon am Budget und am Format. Helfer und Kamerateam haben nur wenige Tage Zeit. Das ist aus filmischer Sicht oft ebenso unbefriedigend wie unter dem Aspekt eines fairen, vernünftigen, menschlichen Umgangs mit den Protagonisten, denen die Fernsehleute zu helfen vorgeben. Aber das Ergebnis kann trotzdem eine brutale, hilfreiche Realitätsüberprüfung für die Zuschauer sein. Es ist meist nicht mehr damit getan, dass eine Tine Wittler vorbeischaut und die Wohnung entrümpelt und sich am Ende alle in die Arme fallen, die fortan in einer Wohnkatalogshölle leben müssen. Das beste Ende, das Schuldenberater Peter Zwegat erreichen kann, ist in aller Regel die Aussicht auf Schuldenfreiheit nach sechs harten Jahren.
Enge Perspektiven
Der "Jugendcoach" Oliver Lück, der sich montags im Sat.1-Programm um kriminelle und gewalttätige Jugendliche kümmert, zeigte diese Woche den Fall von André, 19, alkoholkrank, gewalttätig. Kein Sympathieträger, aber wenn er seinen kleinen Sohn sehen darf, wird er weich und offen, und der Zuschauer wird es auch. Die Sorge, das Kind nicht mehr sehen zu dürfen, scheint ihn anzutreiben, etwas zu verändern in seinem verkorksten Leben.
Wie all diese Formate stellt die Sendung das Einzelschicksal nicht in einen Kontext, fragt nicht nach gesellschaftlichen Zusammenhängen oder persönlichen Hintergründen. Es zeigt nur die Eltern, die aussehen wie ganz normale Eltern und sagen: "Wir sind auch nicht als Eltern auf die Welt gekommen. Wir haben immer gedacht, wir machen alles richtig."
Es scheint, als würde Oliver Lück einen Zugang finden zu dem jungen Mann. Aber als er André am letzten Tag seines Einsatzes abholen und in die Klinik bringen will, macht der einfach die Tür nicht auf, und Jugendcoach und Fernsehen reisen unverrichteter Dinge wieder ab.
So einfach ist es nicht, ist die gewollte oder ungewollte Botschaft dieser halbfertigen Fernsehsendung, und das kann man läppisch finden und sogar zynisch. Aber man kann darin auch eine eindrucksvolle Warnung vor den Folgen des Alkoholmissbrauchs sehen. Bestimmt gibt es bessere Filme darüber im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Die Frage ist nur, wann die laufen und welches Publikum sie erreichen.
Kirche im Dorf lassen
Thomas Frieling (TFrieling)
- 10.08.2009, 11:07 Uhr
Für die Fernsehsender billige Produkte
Mona Vogelsang (Aghapi)
- 10.08.2009, 15:25 Uhr
Das zieht runter, allein das Wissen,
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 10.08.2009, 18:01 Uhr
@Karl-Heinz Andresen (khaproperty) - Das zieht runter, allein das Wissen...
Alfons Crocusé (ALCR)
- 10.08.2009, 18:20 Uhr