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Pro Sieben Image ist nichts

14.12.2009 ·  Es ist ein trauriges Bild, das Pro Sieben in der vergangenen Woche mit seiner Verschaukelung der Zuschauer bei „Popstars“ abgegeben hat. Doch es passt zu der Strategie des Senders, die öffentliche Blamage zu riskieren, wenn es der Gewinnmaximierung dient.

Von Peer Schader
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Vielleicht war das mit N24 bloß ein geschicktes Ablenkungsmanöver. Seitdem Thomas Ebeling, Vorstandschef des hochverschuldeten Pro-Sieben-Sat.1-Konzerns, vor zwei Wochen laut überlegte, ob sich sein Unternehmen künftig noch einen eigenen Nachrichtensender leisten will, ist die öffentliche Empörung groß. Sogar die Politik hat sich eingemischt und droht mit strengeren Vorgaben. Aber vielleicht könnte mal jemand den Neumanns, Wowereits, Rüttgers und Krautscheids, die sich als glühende Befürworter der Informationspflicht des privaten Fernsehens geoutet haben, Bescheid sagen, dass es bei Pro-Sieben-Sat.1 gerade viel größere Probleme gibt. Unter den Eigentümern KKR und Permira geht es längst nicht mehr nur um die Frage, ob künftig anständige Nachrichten produziert werden. Sondern darum, ob es überhaupt noch ein Programm geben soll, bei dem es auf die Inhalte ankommt - und das nicht bloß dafür gemacht ist, seine Zuschauer so lange zu gängeln, bis für Pro-Sieben-Sat.1 die Kasse stimmt.

Wie ein Fernsehen aussieht, das eine Renditeerwartung von dreißig Prozent zu erfüllen hat, demonstrierte Pro Sieben in der zurückliegenden Woche mit dem Halbfinale seiner Castingshow „Popstars“. Über zwei Stunden wurden die Zuschauer immer wieder aufgefordert, für das Duo anzurufen, das ins Finale einziehen sollte. Das Paar mit den wenigsten Anrufen sollte ausscheiden, bis die Moderatoren kurz vor Schluss mit der Erklärung überraschten, das Voting werde noch einmal um zwei Tage verlängert. Moderatorin Charlotte Engelhardt scherzte noch: „Wir gehen lieber ganz schnell in Deckung.“ Dann wurde die Sendung unter lauten Buh-Rufen aus der Halle beendet.

Eine wissenschaftliche Sensation

Wie wenig es dem Sender inzwischen auf die Inhalte ankommt, zeigt sich nicht nur an der verschobenen Abstimmung oder daran, dass man selbst als Anrufer der „Popstars“-Hotline noch aufgefordert wurde, seine Kontaktdaten für einen Werbepartner auf Band zu sprechen, um an einem Gewinnspiel teilzunehmen. Sondern auch daran, dass der Sender die komplette Show in den Dienst seines Partners Disney stellte. Die Kandidaten mussten allesamt Disney-Songs singen, dazu gab es Werbung für den gerade angelaufenen Disney-Kinofilm und „Pro Sieben Entertainment-Tipps“ zu Disney-Produkten. Pro-Sieben-Sprecher Christoph Körfer versichert, mit Werbung habe das nichts zu tun, es seien „nur redaktionelle Gründe“ ausschlaggebend gewesen. Aber wer weiß schon, was Pro Sieben unter einer Redaktion versteht?

Es ist ein trauriges Bild, das Pro Sieben diese Woche abgegeben hat, aber immerhin eines, das gut zur Strategie der vergangenen Monate passt, notfalls auch die öffentliche Blamage zu riskieren, wenn es nur der Gewinnmaximierung dient oder dem Sender kurzfristige Aufmerksamkeit verschafft. Vor einem Jahr sollte der selbsternannte Telepath Uri Geller in einer mehrstündigen Live-Sendung Kontakt mit Außerirdischen aufnehmen. In diesem Frühjahr zeigte Pro Sieben eine vermeintliche Sonderausgabe seiner Nachrichten „Newstime“, in der von der Geburt eines Kindes in den Vereinigten Staaten berichtet wurde, das ungewöhnlich schnell altere. Eine wissenschaftliche Sensation - die sich als Werbetrailer für eine neue Mysteryserie entpuppte. Wer so Programm macht, kann dabei unmöglich ans Publikum gedacht haben. Und wenn das doch mal vorkommt, bleibt das journalistische Feingefühl auf der Strecke: Nach dem Tod von Nationaltorwart Robert Enke liefen Bilder, wie Enkes Frau am Unglücksort eintrifft und die Sanitäter fragt, was mit ihrem Mann geschehen sei, zum besseren Verständnis für das Publikum mit Untertiteln.

Das Publikum als notwendiges Übel

Seit einiger Zeit wird auch außerdem an Traditionen angeknüpft, von denen Pro Sieben sich nach dem Ärger mit der Einsperrshow „Die Burg“ im Jahr 2005, wo sich Promis mit Essen bewarfen und darüber stritten, wer wem ins Badewasser gepinkelt hat, eigentlich für alle Zeiten verabschieden wollte. Unter Geschäftsführer Thilo Proff scheint das seit dem vergangenen Jahr nicht mehr zu gelten. Beim „Sommermädchen 2009“ ging es dieses Jahr fast ausschließlich darum, die wippenden Brüste der Kandidatinnen abzufilmen. Im Januar wollte Pro Sieben am Nachmittag eigentlich die Reihe „50 pro Semester“ zeigen, in der Studenten miteinander wetten, wer innerhalb eines Semesters die meisten Männer oder Frauen ins Bett kriegt. Nach Protesten aus Politik und Kirche will der Sender die Ausstrahlung nun verschieben.

Dem Medienmagazin „DWDL“ erklärte Proff (der diese Woche für Anfragen nicht erreichbar war) vor kurzem: „Natürlich“ hätten viele dieser Sendungen „keine Grimme-Preis-Relevanz“, aber eben gute Quoten und damit „ihre Berechtigung im Pro-Sieben-Programm“. Es gab mal eine Zeit, in der es selbst den Machern beim privaten Fernsehen nicht völlig egal war, ob der Gewinn mit gutem oder mit schlechtem Programm erwirtschaftet wird. Es ist fast rührend, wenn sich die Landesmedienanstalten derzeit darum bemühen, eine öffentliche Debatte darüber anzuregen, ob wir von den Privatsendern nicht auch erwarten können, dass sie für die Gesellschaft relevante Themen in ihrem Programm stärker abbilden und sich intensiv an der öffentliche Meinungsbildung beteiligen - während manche Sender vollständig damit beschäftigt sind, ihre Zuschauer zu verkaufen. Das Letzte, was die Verantwortlichen wollen, ist, sich mit einer solchen Auseinandersetzung zu belasten. Weil sie glauben, davon nicht betroffen zu sein. Das ist das eigentlich Schlimme: dass unser Fernsehen gerade von Leuten gemacht wird, die zwar gut im Rechnen sind, das Publikum aber nur noch als notwendiges Übel sehen, welches mit seiner Unberechenbarkeit die Renditeziele gefährdet. Und die, anstatt sich auf eine lästige öffentliche Diskussion einzulassen, wie ihre Moderatoren lieber schnell in Deckung gehen.

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