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Papst-Attentäter Agca im Fernsehen Der Vatikan stecke selbst dahinter

15.11.2010 ·  Das staatliche türkische Fernsehen hat die im Land kursierenden antichristlichen Verschwörungstheorien salonfähig gemacht. In einem Interview ließ es Ali Agca, den Attentäter von Papst Johannes Paul II., seine neueste Version über die Drahtzieher des Anschlags verbreiten.

Von Karen Krüger
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Es war ein Fernsehabend, der einem nicht aus dem Kopf gehen will. Er war eine Setzung, deren Folgen sich erst nach und nach abzeichnen werden. Im schlimmsten Fall wird er wie Gift die Wahrnehmung der Zuschauer modellieren.

Sie werden sich all jenes herauspicken, das bestätigt, was in bestimmten türkischen Kreisen ohnehin schon Überzeugung ist: dass es eine christliche Weltverschwörung gibt, die durch Missionierung und politische Ränkespiele eine neue Ordnung herstellen will.

Gerne behauptet Ankara - besonders wenn es um EU-Beitrittsverhandlungen geht -, dass dieser Glaube nur in türkischen Teehäusern kursiere. Die Regierung bemühe sich um Aufklärung: durch staatliche Stellen, durch das Fernsehen etwa, das auch die hintersten Winkel der Türkei erreicht. Also schaltete man vergangene Woche den Fernseher ein. Denn nichts weniger als die Hintergründe des Attentats im Vatikan am 13. Mai 1981 hatte die staatliche türkische Fernsehanstalt TRT angekündigt; live, sechzig Minuten lang, abends zur besten Sendezeit in „Kosmik Oda“, einem Format, das vergleichbar ist mit der Talksendung „Anne Will“. Der Gast: Mehmet Ali Agca, bekannt geworden als Attentäter auf Papst Johannes Paul II. Seit Jahren verbreitet Agca immer wieder neue, abenteuerlichere Versionen über seine Hintermänner, so dass kaum noch jemand ihn ernst nehmen will.

Unschuldig

Da sitzt er also, der Mann, den manche für eine psychisch gestörten Wirrkopf, andere für einen kühl kalkulierenden Killer halten, der für radikale türkische Nationalisten ein Held, für viele Türken aber einfach ein brutaler Mörder ist, der sich bestens darauf versteht, mit verbalen Nebelkerzen die Hintergründe seiner Verbrechen zu verschleiern. Während des Prozesses gab Agca vor allem Seltsames von sich, so dass man mitunter meinen konnte, er habe geistig noch viel weniger zu bieten als nur einen beschränkten Horizont. Oder hat er sich vielleicht nur verstellt? An diesem Abend - es ist das erste ausführliche Interview seit seiner Freilassung im Januar - ist Agca um Seriosität bemüht. Gekleidet in einen dunklen Anzug und Krawatte rutscht er vor allem anfangs nervös auf seinem Stuhl hin und her.

Schon die Begrüßung von Moderator Ridvan Memi deutet an, dass diese Sendung nicht ungemütlich für Agca werden wird: „Mehmet Ali Agca ist unschuldig, jedenfalls vor dem Gesetz, da er nach italienischem und türkischem Recht seine Strafe verbüßt hat“, erklärt er, fragt dann nach dem Brief, in dem Agca im November 1979 Johannes Paul II. vor einem Türkei-Besuch warnt. „Alles Bluff“, sagt Agca, einen Plan habe er damals nicht gehabt, schuld an allem, was später passierte, sei der Vatikan. An Agcas Türkisch wird deutlich, dass ihn der Moderator rhetorisch jederzeit in die Ecke drängen könnte. Es wird kein einziges Mal passieren. Es gebe die These, sagt Memi, osteuropäische Geheimdienste hätten das Attentat organisiert: Moskau habe sich durch den Antikommunismus des Papstes provoziert gefühlt und ihn aus den Weg räumen wollen, bevor er die gesamte Christenheit mobilisiert.

Im Auftrag

„Sehen Sie“, sagt Agca lächelnd - es wirkt, als sei er jetzt in seinem Element -, „das sollte die Welt auch denken! Der Vatikan wollte, dass die Welt so denkt!“ Er hebt die Hand: „Auf jeden Fall steckt die Regierung des Vatikans hinter dem Attentat.“ Sie habe es geplant, zusammen mit der CIA (“Neunzig Prozent der Agenten sind Katholiken“), um „das Sowjetimperium aus der Geschichte zu tilgen“. Es sei eine Inszenierung gewesen, „so wie damals die Nationalsozialisten den Reichstagsbrand inszenierten, um gegen die Juden und Kommunisten vorzugehen“.

Der Mann an der Spitze des Komplotts sei der damalige, 1998 verstorbene Regierungschef im Vatikan, Agostino Casaroli, gewesen. Er selbst habe 50000 Dollar erhalten, die Waffe stammte aus Österreich, sie habe einem Altnazi und deutschen Geheimdienstler gehört. „Sein Name?“ „Horst Grillmayer“, sagt Agca. Fünfzehn Minuten dauert nun schon das Interview. Er solle den Papst nicht töten, sondern nur verletzen; nicht auf Kopf oder Brust zielen, sondern auf den Bauch - so hätten es ihm die Auftraggeber eingeschärft und versprochen (während eines Spaziergangs auf den Petersplatz), er werde nur zwei Jahre in Haft bleiben. Auch der Papst habe von dem Komplott gewusst, es aber in Kauf genommen, um die Menschheit vor dem Kommunismus, der größten Bedrohung der Weltgeschichte, zu retten.

Untauglich

Weltgeschichte ist Agcas Thema. Schnell ist klar, dass er sich selbst als die bedeutendste Figur der Weltgeschichte sieht. Das Papst-Attentat sei das „wichtigste Ereignis der Weltgeschichte“. Das „wichtigste Treffen der Weltgeschichte“ sei hingegen seines mit dem Papst. Ganze zweiundzwanzig Minuten habe Johannes Paul II. im Gefängnis mit ihm gesprochen. „Zweiundzwanzig Minuten!“ Worum es denn gegangen sei, fragt Memi. Um das Attentat? Agca verweist auf sein Buch, das 2011 erscheinen soll. „Der Papst hat jeden Tag gebetet für mich“, sagt er und jongliert mit weiteren Verschwörungstheorien: 1983 habe sich der Papst mit Ronald Reagan getroffen und ihn mit der Aufgabe des Weltpolizisten betraut. „Das war der Auftakt für den Zusammenbruch der Sowjetunion.“

Unter türkischen Journalisten hat der Fernsehauftritt von Agca große Entrüstung ausgelöst. Man werde ihn töten, da er zu viel wisse, hatten viele gemeint, als Agca aus dem Gefängnis entlassen wurde. Dann wollte die türkische Armee ihn zum Militärdienst einziehen, doch Agca wurde wegen „schwerer psychosozialer Persönlichkeitsstörungen“ für untauglich erklärt. Agca werde untertauchen, hoffte man. Doch im Gegenteil: Immer wieder buhlte er um Aufmerksamkeit - mal behauptete er, der wahre Messias zu sein, mal bot er an, Usama Bin Ladin zu töten.

Verurteilt

Vergeblich. Im Fall Agca stimmten die türkischen Chefredakteure überein, dass weder Auflage noch Einschaltquote, sondern einzig journalistische Ethik zählt und deshalb niemand darüber berichten solle. Der Grund für das Embargo ist weniger das Attentat im Vatikan, sondern Agcas Vorgeschichte: 1979 erschoss der damals im Dunstkreis der rechtsextremistischen Grauen Wölfe verkehrende Agca den Chefredakteur der Zeitung „Milliyet“, Abdi Ipekçi. Ipekçi hatte in seinen Artikeln für Demokratie und Menschenrechte geworben, besonders setzte er sich für die Aussöhnung von Griechen und Türken ein. Agca wurde verhaftet, konnte aber aus dem Militärgefängnis fliehen. Er soll dabei eine Armeeuniform getragen haben - offensichtlich hatte er Helfer im türkischen Militär. In Abwesenheit wurde er zu 36 Jahren Gefängnis verurteilt, von denen er nach seiner Überstellung aus der italienischen Haft in die Türkei jedoch nur fünf Jahre und sieben Monate verbüßte. Wer den Auftrag für den Mord gab, wer Agca half, blieb ungeklärt. Und auch in dem TRT-Interview tat der Moderator so, als habe es den Mord an Ipekçi nie gegeben. Der Name wurde nicht erwähnt.

Vor allem die „Milliyet“ verurteilte die Sendung deshalb scharf. „Während es Agca, dem Mörder von Abdi Ipekçi, seit seiner Entlassung am 18. Januar nicht gelungen ist, ein Medium zu finden, in dem er seinen Müll verbreiten kann, hat TRT eine große Geste gegenüber diesem Mörder gemacht“, hieß es dort. Der Moderator Memi reagierte überheblich: Ein Journalist, der die Möglichkeit ausschlage, Agca zu interviewen, solle besser seinen Beruf an den Nagel hängen und auf dem Markt Zitronen verkaufen, sagte er. „Und während er die Zitronen verkauft, sollte er sich von jedem seiner Kunden sein polizeiliches Führungszeugnis zeigen lassen.“

Salonfähig

Kein Geringerer als der türkische Ministerpräsident sprang dem Moderator zur Seite - mit dem Argument, der Auftritt Agcas sei Ausdruck von Pressefreiheit: Es sei völlig normal, dass das staatliche Fernsehens ein Interview mit dem berühmten Kriminellen zeige. In der Türkei breche gerade die Zeit neuer Freiheiten an: „Über solche Dinge wird in den Fernsehsendern künftig gesprochen, diskutiert und frei verhandelt werden. Wir werden die Möglichkeit haben, das Beste klarer zu sehen“, sagte Tayyip Erdogan.

Das Beste klarer sehen? Der türkische Ministerpräsident ist bisher alles andere als ein Vorbild für Respekt und Toleranz von Meinungsvielfalt gewesen. Einen plötzlichen Sinneswandel trauen ihm in der Türkei die wenigsten zu. In der Woche vor dem Agca-Interview erschien der neue EU-Fortschrittsbericht und prangerte die mangelnde türkische Pressefreiheit an. Im Land vermuten nun viele, dass es einen Zusammenhang zwischen der TRT-Sendung und dem EU-Bericht gibt: Das Ganze sei eine typische Trotzreaktion, mit der man provozieren wolle. Außerdem kursierten die christlichen Verschwörungstheorien durchaus auch in Regierungskreisen - wenn auch hinter vorgehaltener Hand. Diese Zurückhaltung wird nun nicht mehr nötig sein. Mit dem Auftritt Agcas hat das staatliche türkische Fernsehen sie salonfähig gemacht.

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Jahrgang 1975, Redakteurin im Feuilleton.

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