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Österreichs Medienpolitik Unter kakanischen Strippenziehern

05.06.2011 ·  RTL-Vorstandschef Gerhard Zeiler wollte als Direktor des österreichischen ORF kandidieren. Nun sagt er ab. Die Regierung hat den Posten längst verschachert.

Von Michael Hanfeld
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Als Branchenbeobachter fragte man sich die ganze Zeit: Warum tut er sich das an? Was glaubt dieser Mann bewirken zu können? Was um Himmels Willen soll er da? Er führt die größte und erfolgreichste Privatsendergruppe Europas und geht zurück in die Heimat, um dort den viel kleineren, um Bedeutung und Unabhängigkeit ringenden, vor dem finanziellen Kollaps stehenden, strukturell chaotisierten, öffentlichen-rechtlichen Sender aus dem Jammertal zu führen?

Gerhard Zeiler hätte das gerne gemacht. Doch es wird nichts daraus. Der Vorstandschef der RTL-Gruppe hat seine Kandidatur für den Posten des Generaldirektors beim ORF (Österreichischer Rundfunk) jetzt abgesagt. Zeiler musste einsehen, dass er keine Chance hat, die Wahl ist dank der politischen Hinterzimmergeschäfte der regierenden sozialdemokratischen Partei SPÖ nämlich längst gelaufen. Der alte ORF-Direktor wird auch der neue sein: Alexander Wrabetz, ausgewiesener Erfüllungsgehilfe der Regierenden, steht ohne ernstzunehmenden Gegenkandidaten da. Gefragt, ob er Interesse habe, hatte den RTL-Manager Zeiler die konservative ÖVP.

„Wer willfährig parteipolitische Personalwünsche umsetzt“

Die beileibe nicht seiner Partei ist. Zählt er doch zum roten Lager. Er war Sprecher zweier sozialdemokratischer Bundeskanzler. Die ÖVP spekulierte auf so etwas wie den Gauck-Effekt, den SPD und Grüne hierzulande bei der letzten Bundespräsidentenwahl im Sinn hatten: einen Kandidaten zu präsentieren, dessen Eignung und Expertise unbestritten ist, der jenseits der Parteirechnungen steht und sogar nicht der politischen Richtung derer folgt, die ihn vorschlagen. Das wäre auch bei Zeiler aufgegangen, der von 1994 bis 1998 schon einmal ORF-Direktor war, dann zum deutschen Privatsender RTL ging und schließlich die europäische RTL-Gruppe übernahm. Sämtliche Positionen bekleidete und bekleidet er mit Erfolg. Er gilt als versierter Manager, ausgestattet mit politischem Instinkt, aber auch mit der nötigen Portion Uneitelkeit, die Figuren in seiner Position davor bewahrt, abzuheben.

Doch warum hätte es ihn von der RTL-Zentrale in Luxemburg, wo er dem Vernehmen nach mehr als zwei Millionen Euro pro Jahr verdient, zurück nach Wien gezogen? Heimatverbundenheit, sagt Zeiler im Interview mit dem Magazin „Profil“: „Ich bin mit Leib und Seele Österreicher“. Und die „Aussicht, dem ORF bei der Bewältigung seiner nicht unbeträchtlichen Probleme helfen zu können“, habe ihn überlegen lassen. Zeiler überlegte, sondierte und - kam nicht. Bei den Gesprächen, sagt er, habe er schnell erkannt, dass es „wesentlichen Teilen der Politik nicht darum geht, wer das Unternehmen am besten führen kann, sondern wer willfährig parteipolitische Personalwünsche umsetzt“. Es sei „ein Problem, wenn eine ORF-Führung heute nicht Herr im eigenen Haus ist und glaubt, nur dann gewählt zu werden, wenn sie politische Postenbesetzungen akzeptiert.“ Das schade dem Sender nachhaltig, zumal das Geschacher bis weit in die unteren Führungsebenen reiche.

Ein Verweser der Politik

Das ist beileibe keine neue Erkenntnis, der parteipolitische Zugriff prägt den ORF seit Jahrzehnten. Doch sollte es den kakanischen Strippenziehern langsam zu denken geben, dass selbst ein derart ausgewiesener Profi, welcher der Regierung vom politischen Profil her auch noch passen müsste, es für sinnlos hält, überhaupt in den Ring zu steigen. Gegen die staatliche Einflussnahme auf den öffentlich-rechtlichen Sender ORF erscheinen sogar die hiesigen Verhältnisse als harmlos (was sie nicht sind).

Für diesen Sender wird kein Generaldirektor gesucht, sondern ein Verweser der Politik. Beim öffentlichen Rundfunk, sagt Gerhard Zeiler, gebe es ein Nord-Süd-Gefälle: „Je nördlicher, etwa in Skandinavien oder Großbritannien, desto unabhängiger sind die öffentlich-rechtlichen Unternehmen. Je südlicher, desto regierungslastiger“ seien sie. Österreich sei „diesbezüglich ein sehr südliches Land“.

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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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