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Obamas Amtseinführung im Fernsehen Ein freies Volk auf freiem Grund

21.01.2009 ·  Von den Morgenhelden in den Menschenmassen bei CNN, einem von den Gefühlen übermannten Steffen Seibert im ZDF, einer staubtrockenen ARD und einem Beinahe-Fauxpas auf Phoenix: Wie die Fernsehsender über Baracks Amtseinführung berichteten.

Von Jochen Hieber
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Barack Obama hielt seine erste Rede als vierundvierzigster Präsident der Vereinigten Staaten vollkommen frei - und er begann sie nach der Anrede an seine Mitbürger selbstbewusst mit dem Wort „Ich“, dem dann sofort die alle betreffende Bemerkung folgte, er sei „demütig“ angesichts der Aufgabe, die vor „uns“ liege.

Hatten bei der wenigen Minuten zuvor erfolgten offiziellen Vereidigung zwischen ihm und dem Obersten Richter John G. Roberts ein paar Missverständnisse und wohl auch die wechselseitige Nervosität zu kleineren Versprechern geführt, so war der neupräsidiale Gefühls- und Verstandesrhetoriker nun wieder ganz in seinem Element und führte sein freies Volk auf dem freien Grund von Washingtons National Mall kraftvoll und zuversichtlich in die unmittelbare Zukunft - die Lasten der Vergangenheit wie der Gegenwart, die dieser Aufbruch mit im Gepäck führt, vergaß er dabei ebenso wenig wie das konkrete Benennen der ersten Schritte ins Futur. All denjenigen „die Hand zu reichen, die bereit sind, ihre Faust zu lockern“: Das war einer der Schlüsselsätze. Ein anderer bezog sich auf den Glauben, dem zufolge „ein Mann, dessen Vater vor weniger als sechzig Jahren in einem hiesigen Restaurant nicht bedient worden wäre“, nun hier vor allen „den heiligsten Eid ablegen“ könne. Es war in der Tat, was man einen „ historischen Moment“ nennen darf.

Nur eine einzige Einstellung

Und wir waren den ganzen deutschen Tag über dabei. Der amerikanische Nachrichtensender CNN hatte sich von fünf Uhr amerikanischer, also von elf Uhr deutscher Zeit an entschlossen, mal in Nahaufnahmen und mal in der Totale nur eine einzige Einstellung zu zeigen - die von den in die Mall hineinströmenden Massen aus allen Teilen des Landes. Es war bitterkalt an diesem Morgen in Washington, aber das hielt keinen auf, der dabeisein wollte. Schon um sieben Uhr hatten mehr als hunderttausend Zeugen des Ereignisses den Ort ihres Begehrens erreicht.

Zur Amtseinführung Obamas waren neben seiner Familie alle seine lebenden Vorgänger im Amt gekommen. Mit Spannung war erwartet worden, in welchem Outfit Michelle erscheinen würde.

Carol Costello und Jim Acosta waren die Morgenhelden von CNN - sie interviewten die Herbeiströmenden und erhielten variierend eine so beseelte wie immergleiche Antwort: Man sei gekommen, um jetzt „Teil der Geschichte“ zu sein und dies dann den Kindern und Enkeln erzählen zu können. Als sie diese Antwort gefühlte vier Dutzend Male gehört hatte, ergänzte sie Carol Costello so gutgelaunt wie treffend: „Teil der Geschichte, gewiss. Aber gewiss auch Teil des Fernsehens.“ In jedem Fall: Der amerikanische Fernsehmorgen gehörte dem Volk, das sich - ganz im Sinn von Elias Canettis Hauptwerk „Masse und Macht“ aus dem Jahr 1959 - als eine lebensbejahende „Fest-Masse“ konstituierte und dabei Minute um Minute rapide anwuchs.

Zwei auratische Momente

Es gab zudem zwei besonders auratische Momente in diesen frühen Stunden. Zunächst das grüne Tuch des Vorhangs am Ausgang des Blair-Hauses, in dem Obama und seine Familie übernachtet hatten: Da sich der neue Präsident erst ein wenig verspätet auf den Weg zum Gottesdienst machte, durfte es sich wohl fast eine halbe Stunde lang nahezu konkurrenzlos den Kameras stellen. Wir werden es ebenso wenig vergessen wie den zweiten denkwürdigen Augenblick: Bereits zwei Stunden vor Beginn der Inauguration betrat der von Krankheit schwer gezeichnete Muhammad Ali voller Würde das Capitol.

Und mit Muhammad Ali wechselten dann auch die Kameras ihre Perspektive - vom sich weiterhin beständig mehrenden Volk auf der Prachtmeile wandten sie sich nun zwar nicht gänzlich ab (dafür lieferte es einfach zu gute Bilder), nun aber galt es in erster Linie, uns das Defilée der prominenten Ehrengäste vor Augen zu führen. Just zu diesem Zeitpunkt, eine Stunde vor dem Amtseid, schalteten sich auch ARD und ZDF ins Geschehen ein. Das Erste hatte den „Tagesthemen“-Moderator Tom Buhrow nach Washington entsandt und ihm die Amerika-Korrespondentin Hanni Hüsch zur Seite gestellt. Reporter Florian Bahrdt hielt sich in der „Fest-Masse“ auf.

Einen erheblich höheren Personalaufwand betrieb das ZDF. Neben dem „Heute“-Moderator Steffen Seibert war außer dem Washington-Korrespondenten Matthias Fornoff auch noch die Politikwissenschaftlerin Ann Phillips mit von der Kommentatoren-Partie, zudem hatte man den Reporter Christian Sievers sehr nahe der Ehrentribüne postiert. Die Schauspielerin Dennenesch Zoudé durfte sich (wenngleich nur ein einziges Mal) unter die Menschenmillionen mischen - aus Frankfurt am Main meldete sich überdies kurz ein Mainzer Jungreporter von der amerikanischen Party im English Theatre.

Sachliche ARD, emotionales ZDF

Ganz unterschiedlich war auch der sprachliche Zugang zum Geschehen. Bei der ARD setzte man vor allem auf Sachlichkeit, beim ZDF sehr deutlich auf Gefühle, auf die große Emotion. Vorab Steffen Seibert überschlug sich vor Begeisterung. Washington, so begann er, befinde sich „in einem glücklichen Ausnahmezustand“, wir sähen, fuhr er fort, „unglaublich schöne Bilder“ von der „majestätischsten demokratischen Bühne der Welt“. Jetzt und hier in Washington zu sein, sei „ein wunderbares Erlebnis“, die Inauguration Obamas komme überdies „so viel fröhlicher, herzlicher, jubilierender“ einher als jene seines Vorgängers Bush vor vier Jahren. Nach Obamas Rede pries Seibert deren „wunderbar feierliche Sprache“.

Vergleichbares lässt sich weder von Tom Buhrow noch von Hanni Hüsch zitieren. Im Grunde ist die reportierende Kommentierung der beiden auch schon wieder vergessen - sie war bei aller verstehbar emotionalen Zurückhaltung weniger würdig als staubtrocken. Auch wenn sie bis an Grenze sprachpubertärer Peinlichkeit ging, war Seiberts Emphase dem Augenblick denn doch angemessener. Das ZDF hatte zudem Glück im Pech - als die Poetin und Yale-Dozentin Elizabeth Alexander ihr beim ersten Hören durchaus passables Inaugurations-Gedicht vortrug, brach die Leitung des Simultandolmetschers zusammen: Ungestört hörten wir allein das Original.

Gerade noch Glück hatte Phoenix, der gemeinsame Nachrichtenkanal von ARD und ZDF. Nach dem Ende der Amtseinführung geleiteten Michelle und Barack Obama, das nunmehr Erste Paar, den Vorgänger-Präsidenten George W. Bush und dessen Gattin Laura zum Hubschrauber an der Rückseite des Capitols. Beim Hin- und Herschalten hörten wir zu diesen Bildern die Stimme des Phoenix-Moderators Andreas Ernst aus dem deutschen Studio. Gerade war das Ehepaar Bush an Bord des Helikopters gegangen, als der Kommentator anhob: „Und jetzt Klappe zu“. In letzter Sekunde aber muss der beinahe unglücklichselige Andreas Ernst gemerkt haben, welch üblen Fauxpas er gleich begehen werde. Um Haaresbreite am Sprachskandal vorbei schloss er also: „Präsident gleich weg“. Nicht nur Steffen Seiberts, sondern auch sein Tag war gerettet.

Nun aber ging es zur Parade.

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