29.06.2009 · Schuldig oder nicht schuldig? Hauptsache, die Berichterstattung stimmt. Die neue amerikanische Fernsehserie „Justice: Nicht schuldig!“ lässt ihren hinterhältigen Anwälten allerdings nicht viel Zeit.
Von Marguerite SeidelDer Tod steht den Bildern gut. Gleich zu Beginn der amerikanischen Anwaltsserie „Justice: Nicht schuldig!“ schwimmt eine Leiche im Pool. Das weiße Kleid und das Blut der toten Frau kontrastieren im Wasser. Die erste Einstellung ist ein Hingucker und zugleich Programm dieser dreizehnteiligen Serie, die aus der Schmiede des Blockbuster- und Serienproduzenten Jerry Bruckheimer stammt. Denn ohne dieses spektakuläre Bild wäre dieser Fall vielleicht nur ein Fall geblieben. So aber berichten und richten die Medien; der angeklagte Ehemann der Frau wird schon vor dem Prozess zum Mörder erklärt.
„Früher musste man nur die Gesetze kennen. Inzwischen muss man die kennen und die Medien“, beschreibt der ausgebuffte Anwalt Ron Trott (gespielt von „Alias“-Darsteller Victor Garber) seinen Job. Spezialisiert auf medienwirksame Fälle im Raum Los Angeles, übernimmt er die Verteidigung des vorschnell abgeurteilten Ehemannes gemeinsam mit seinen drei Kollegen: der Forensik-Expertin Alden Tuller (“Lost“-Star Rebecca Mader), dem einfühlsamen Babyface Tom Nicholson (gespielt von Kerr Smith, der zur Zeit mit „My Bloody Valentine 3D“ im Kino zu sehen ist) und dem Analytiker Luther Graves (Eamonn Walker, der durch Auftritte in „Emergency Room“ bekannt wurde).
Rückblende ohne Neuigkeiten
Mehr als um den Sachverhalt geht es den vier Anwälten darum, die Sensationsgier der Presse auszuspielen und die Geschworenen durch adrette Szenen vor Gericht zu beeinflussen. Talkshowauftritte und Testgeschworene gehören zur Strategie ebenso wie eine Menge großformatiger Bildschirmpräsentationen und eine Demonstration der Todesumstände mit spritzendem Kunstblut im Gerichtssaal.
Um diese Methoden gleich in der ersten Folge auch ja alle zeigen zu können, wird unaufhörlich geschnitten. Unter den unzähligen clipartigen Szenen leiden Figuren und Geschichte erheblich: Für Mitfühlen und Mitfiebern bleibt keine Zeit. Dass „Justice“ deshalb nicht besonders mitreißt, ist vor allem angesichts der darin geübten Medien- und Justizkritik schade - eigentlich ein spannendes Thema, um dem Genre der Anwaltsserie einen neuen Dreh zu geben. Doch Vorgänger wie „Ally McBeal“ oder „Boston Legal“ zeigen, dass für eine erfolgreiche Serie gut gezeichnete Charakterköpfe mindestens so wichtig sind wie die Fälle.
Was Bruckheimer zuvor mit der Figur des Lieutnant Horatio Caine in der Krimiserie „CSI: Miami“ geglückt ist, nämlich eine einprägsame Polizistenfigur mit ganz eigenen Neurosen zu schaffen, ist in der ersten „Justice“-Folge trotz eines Darstellerensembles mit Leistungspotential leider nicht zu erkennen. In ihrer Vorhersehbarkeit sind sich die beiden Serien ähnlich. Am Schluss der einzelnen „Justice“-Folgen offenbart eine Rückblende, was die Klienten der Anwaltskanzlei wirklich getan oder nicht getan haben. Zugleich ist dies der erste Moment für eine etwas längere, erklärende Szene. Doch da weiß der Zuschauer schon längst Bescheid.