20.06.2010 · Wo der Jazz begann: David Simon, Amerikas bester Fernsehautor („The Wire“), hat eine neue Serie geschrieben. Sie heißt „Treme“, spielt in New Orleans und verhandelt die Zukunft der Zivilisation.
Von Nina Rehfeld, PhoenixIronisch ist das schon, sagt David Simon. Seit fast fünfzehn Jahren hat Amerikas renommiertester Fernsehautor an einem Stück über New Orleans gearbeitet. Aber es musste erst ein Sturm aufziehen und die Stadt zerstören, bevor er sich mit dem Porträt einer versinkenden Kultur bei den Sendern Gehör verschaffen konnte.
„Treme“ heißt die Serie, die im April auf Simons Haussender HBO debütierte und an diesem Sonntag das Finale der ersten Staffel feiert. HBO hat eine zweite Staffel in Auftrag gegeben. Der titelgebende Stadtteil von New Orleans - eigentlich „Faubourg Tremé“ und im Titel absichtlich akzentlos geschrieben - ist für Simon Herzstück der Stadt und narrativer Kern seiner Serie: In Tremé, einem Viertel von zehn oder zwölf Straßenblocks, nahm die Jazzmusik ihren Anfang. Im Congo Square, heute Teil des Armstrong Park, fanden in der Kolonialzeit die Sklaven kreolischer Plantagenbesitzer zum Musizieren zusammen.
Nach und nach verzahnen sich die Geschichten
„Afrikanische Rhythmen, afrikanische Pentatonik vermischte sich mit europäischer Instrumentierung und der europäischen Dur-Tonleiter“, sagt Simon. „Ich weiß nicht genau, an was aus Amerika man sich in einigen hundert Jahren erinnern wird, aber afroamerikanische Musik wird mit Sicherheit darunter sein. Blues, Jazz, Hip-Hop entspringt hier, und man kann nicht über einen Basar in Katmandu oder eine Straße im Mittleren Osten gehen, ohne über einen Michael-Jackson-Song oder eine CD von Otis Redding zu stolpern.“
New Orleans, sagt Simon, sei das vielleicht einzige große Geschenk Amerikas an die Welt. „Treme“ handele davon, welche Teile dieser Kultur mit dem Sturm „Katrina“ verlorengingen, welche wiederkehrten, und zu welchem Preis, sagt Simon. Die Serie setzt drei Monate nach dem Sturm an und folgt einem Dutzend Figuren - Musiker, Club- und Restaurantbetreiber, Zivilrechtler, Professoren, Arbeitslose - bei dem Versuch, ihre Stadt und ihre Lebensweise zu retten.
Hausgemachte Katastrophe
Zunächst sind es Versatzstücke: Der DJ Davis (Steve Zahn) beschallt seine klassikbeseelten Nachbarn mit aufgedrehtem Funk, die Restaurantbetreiberin Janette (Kim Dickens) schnauzt auf die mitfühlende Frage eines Angestellten: „Frag mich nicht nach meinem Haus!“, der Posaunist Antoine (Wendell Pierce) sucht einen Auftritt in einem Club, und der Uni-Professor (John Goodman) schimpft vor laufenden Kameras über die „hausgemachte Katastrophe“.
Nach und nach verzahnen sich die Geschichten zum Panoptikum einer Stadt, die gegen den Untergang kämpft. Natürlich, sagt Simon, gehe es auch um Politik, „aber nur insofern, als unsere Figuren sie erleben. Manchmal ist ihre Reichweite mit ihrem Versicherungsvertreter erschöpft oder mit dem Direktor der Schule, die immer noch geschlossen ist.“
Kleine, persönliche Geschichten, die sich zu großen Zusammenhängen fügen
Seit dem Sturm hat das amerikanische Fernsehen verschiedene Abbilder der verwüsteten Stadt hervorgebracht - darunter Spike Lees eindrucksvolle Dokumentation „When the Levees Broke“, aber auch die plakative Fox-Serie „K-Ville“ um eine Polizeieinheit im Chaos der zerstörten Stadt. Auch David Simon beschäftigt sich nun damit. Ihm liegt an einem Blick jenseits der Abziehbilder von Mardi Gras und Bourbon Street, von Superdome und Voodoo.
Der Neunundvierzigjährige macht schwieriges Fernsehen. „Fernsehen zum Vorbeugen, nicht zum Zurücklehnen“, wie er sagt. Er setzt auf quasidokumentarische Stoffe, die in der sozialen Wirklichkeit wurzeln. Im Vergleich zum reinen Unterhaltungsfernsehen wirken sie sperrig. Es gibt keine klare Demarkationslinie zwischen Helden und Bösewichtern, stattdessen erzählt Simon kleine, persönliche Geschichten, die sich zu großen Zusammenhängen fügen.
„Preisverdächtige Rührstücke im Dickens-Stil“
Vor seiner Fernsehkarriere war David Simon dreizehn Jahre lang Polizeireporter bei der „Baltimore Sun“; mit „Homicide: A Life on the Killing Streets“ und „The Corner“ hatte er seine Recherchen in Buchform verdichtet. „Homicide“ wurde später Grundlage für die gleichnamige NBC-Serie. 1995 kehrte Simon dem Journalismus frustriert den Rücken, nachdem sein Chefredakteur ihn angehalten hatte, lieber „preisverdächtige Rührstücke im Dickens-Stil“ als Reportagen über erwachsene Menschen zu schreiben. Dass er ausgerechnet im Fernsehen das adäquate Medium für seine Reflexionen fand, ist eine seltsame Ironie.
Aber Simon bemängelt gern, dass die westliche Erzählkultur zu sehr im Shakespeareschen Blick auf das Individuum und sein Schicksal gefangen sei. Darüber, findet er, werde die Analyse der Beziehungen zwischen Individuum und Institution vernachlässigt, wie die griechischen Dramatiker sie pflegten.
Rädchen eines Systems, in dem es nur noch um Selbsterhaltung geht
Simons Fernseh-Epos ist von der Kritik zum Besten erkoren worden, was das Medium bislang zu bieten hatte. Mit der fünfteiligen HBO-Serie „The Wire“ von 2002 schuf der Mann aus Baltimore am Beispiel seiner Heimatstadt eine soziologische Studie über das postindustrielle, urbane Amerika, in dem der Drogenmarkt zur Alternativwirtschaft der vormaligen Arbeiterklasse geworden ist und Politik, Medien und Bildung einer destruktiven institutionellen Logik unterliegen. Simons Figuren sind Rädchen eines Systems, in dem es nur noch um Selbsterhaltung geht.
Auch seine Miniserie „Generation Kill“ nach dem gleichnamigen Buch des Journalisten Evan Wright beschäftigte sich mit den zerstörerischen Mechanismen institutioneller Sachzwänge: Simon porträtierte darin eine Handvoll Soldaten der Videospiel-Generation, die mit entfremdetem Sarkasmus die Befehle weit entfernter Vorgesetzter in unübersichtlichen Kriegen ausführen.
Der Autor führt den abgeklärten Blick als Markenzeichen
„Treme“, sagt David Simon über sein neues Stück, sei eine Insider-Story, die Geschichte der Verbindung zwischen Menschen und ihrer Stadt. Die Musik spinnt den roten Faden, eine ungestüme, unstete Melodie zwischen unbändigem Lebenswillen und tiefer Verzweiflung. Die Serie folgt dem tatsächlichen Geschehen in New Orleans nach „Katrina“: „Es gab sechs Monate nach dem Sturm keine nennenswerte Kriminalität in New Orleans“, sagt Simon. „Es war ein bemerkenswerter Ausblick auf das, was die Stadt sein könnte. Aber es war auch eine Illusion - denn viele Menschen waren einfach fort. Die besten menschlichen Elemente waren der Stadt ebenso abhandengekommen wie ihre übelsten.“
Simon trachtet danach, weder die kreolische Kultur zu romantisieren noch in wohlgefälliges Mitleid zu versinken. Das gelingt ihm weitgehend - manchen Figuren steht das Wasser bis zum Hals, andere sind so kaputt wie ihre Stadt, Dritte drohen bei dem Versuch, ihre Stadt zu retten, selbst unterzugehen. Der Autor führt den abgeklärten Blick als Markenzeichen - in New Orleans, sagt er, komprimiere sich für ihn die Frage, ob es besser sei, ein funktionierendes Schulsystem oder Mardi Gras zu haben. Und ob sich die beiden womöglich gegenseitig ausschließen.
Kompliziertes Liebeslied auf New Orleans
Doch die Abgeklärtheit versperrt auch den leichten Zugang zu „Treme“. Simon musste sogar bei HBO, einem Abosender, der es sich leisten kann, auf Prestige statt auf die Launen der Werbekundschaft zu setzen, hartnäckig Klinken putzen. „Es war eine heikle Nummer“, sagt er. Er köderte die Unterhaltungschefin des Senders, Sue Naegle, schließlich mit dem Soundtrack von New Orleans, der in der Serie zur eigenständigen Figur wird.
So sehr war Sue Naegle davon in Bann geschlagen, dass sie Simon die Überdehnung seiner Pilotfolge auf achtzig Minuten genehmigte (die weiteren Episoden sind sechzig Minuten lang). Ob sein kompliziertes Liebeslied auf New Orleans auch in anderen Ländern ankommt, sagt Simon, bleibe abzuwarten. „Aber wenn sich die Leute erst einmal auf die Kultur einlassen, wird den meisten klar, dass hier weit mehr zur Disposition steht als die Stadt New Orleans.“