17.01.2010 · Wer Nachrichten als lästige Pflichtübung begreift, muss sich nicht wundern, wenn sie keiner sehen will: Warum es bei N24 nicht so recht klappen will mit der Idee, mit Nachrichten im Fernsehen Geld zu verdienen.
Von Harald StaunAuf einmal war Salvatore wieder da, der Hütchenspieler von RTL mit seiner Sonnenbrille und seinen drei Walnussschalen. Ende der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts bescherte der Mann mit seinem Gewinnspiel dem Sender erstmals eine Einschaltquote von über einer Million Zuschauer, Anfang der Neunziger war er dann plötzlich verschwunden. Am Donnerstag aber stand er auf einmal in einem Berliner Polizeirevier und erklärte den Beamten und den Kameras des Nachrichtensenders N24 die Tricks der Hütchenspieler: Auch die waren nämlich plötzlich wieder da, und wäre N24 nicht gewesen, wer weiß: womöglich stünde die Nation diesem gefährlichen Comeback noch immer ahnungslos gegenüber.
N24 geht es nicht gut: Seit Anfang der Woche steht der Sender, den der Fernsehkonzern Pro-Sieben-Sat.1 hartnäckig als Nachrichtensender ausgibt, inoffiziell zum Verkauf (siehe auch: Im Gespräch: Pro Sieben Sat.1-Chef Thomas Ebeling zum Verkauf von N 24), und weil man ohne BWL-Studium aus der Bilanz des Unternehmens nicht mehr so richtig schlau wird, seit dort die Finanzinvestoren KKR und Permira das Sagen haben, sind die wirtschaftlichen Gründe dafür nicht ganz so einfach zu verstehen: „Dauerhaft defizitär“, wie Pro-Sieben-Sat.1-Chef Thomas Ebeling erklärte, ist N24 jedenfalls vor allem deshalb, weil ihn die Investoren erfolgreich arm rechnen, indem sie die Haupteinnahmen von 65 Millionen Euro einfach ignorieren, welche die anderen Sender des Konzerns für die Lieferung der Nachrichten überweisen. Im Prinzip aber versuchen die Verantwortlichen mit diesen bilanztechnischen Kapriolen auch nichts anderes zu beweisen als der Sender mit seinem täglichen Programm: Wie lästig es ihnen eigentlich ist, Fernsehnachrichten zu produzieren.
Wer sich in dieser Woche ein Bild davon machen wollte, warum es bei N24 nicht so recht klappen will mit der Idee, mit Nachrichten im Fernsehen Geld zu verdienen, dem lieferten Salvatore und sein Hütchenspiel schon eine ganz anschauliche Demonstration der Misere. Mit Sparzwängen allein jedenfalls kann man nicht erklären, warum ein Sender seine Seriosität so schonungslos selbst parodiert. Dazu gehört schon auch ein ordentlicher Wille zur Irrelevanz.
Katastrophen und Konstrukte
Seit Jahren arbeitet N24 so konsequent am Abbau von Aktualität und Brisanz, dass man sich wundern muss, dass niemand Einspruch einlegt, wenn sich der Sender immer wieder als „Marktführer unter den Nachrichtensendern“ präsentiert. Neben den schon notorischen Dokumentationen über die Welt der Militärtechnik, deren Faszination offensichtlich nie nachlässt, beweist der Sender mittlerweile auch auf anderen Themengebieten ein außerordentliches Geschick dafür, eine belanglose Phantomwirklichkeit in den Mittelpunkt seines Interesses zu stellen.
Die Reihe „Die Reportage XXL“ etwa, die von sich behauptet, „hinter die Kulissen der Gesellschaft“ zu blicken, beschäftigte sich in dieser Woche mit den Themen „Risse, Schimmel, Wasserschaden - Pfusch am Bau“ und „Unternehmen Großkantine - Köche am Rande des Nervenzusammenbruchs“, das Magazin „N24 Wissen“ löste das Rätsel „Wie stellt man das größte Fischstäbchen der Welt her und bekommt es dann auch noch in die Bratpfanne?“, und zur Primetime präsentiert derzeit Dieter Kronzucker seine Reihe „Menschen & Mythen“, die sich vom hektischen Tagesgeschehen auch nicht davon abbringen lässt, endlich einmal Themen wie „Salz“, „Glas“ oder „Alpen“ aufzuarbeiten. Man kann das Konzept kaum besser zusammenfassen, als es der Titel der Technik-Doku-Reihe von N24 tut: „Katastrophen und Konstrukte“.
Wo ist das Problem?
Angesichts dieser empirischen Lage also überrascht es schon, mit welcher Selbstverständlichkeit nun von allen Seiten die Bedenken über das drohende Ende des Senders heruntergebetet werden. Die bloße Etikettierung des Programms mit dem Begriff „Nachrichten“ scheint auszureichen, damit die sonst so fleißigen Kritiker des Privatfernsehens ihre fundamentalen Dünkel gegen Boulevardisierung und Infotainment vergessen. Die Solidaritätsbekundungen klingen ein wenig, als würde sich der Vegetarierbund beschweren, weil McDonald's seine Salate abschafft. Die Logik folgt dem seltsamen Umkehrschluss, der allem, was bedroht ist, eine gewisse Qualität unterstellt. Im Fernsehen ist das fast immer: Tiefe, Seriosität, Bedeutung.
Und so liefern Empörungsprofis von Günther Beckstein bis Sigmar Gabriel für die Kampagne der protestierenden N24-Mitarbeiter pawlowsche Statements ab, an deren Floskelhaftigkeit man vielleicht am besten ablesen kann, woran es dem Nachrichtenjournalismus im Fernsehen ganz allgemein mangelt. „Nachrichten sind wichtig, weil Nachrichten wichtig sind“ - so lautet grundsätzlich der redundante Tenor aller Antworten (wobei das niemand drolliger ausformuliert hat als Klaus-Peter Schöppner, der Chef des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid, der mit dem Sinnspruch aufwartet: „Nachrichten heißen Nachrichten, weil wir uns danach richten“).
Seriositätsfetischismus
Dabei war die Frage ausnahmsweise gar nicht so dumm: Warum sind Nachrichten eigentlich wichtig? Sollte man unter den Bedingungen einer sich radikal verändernden Mediengesellschaft die patinabesetzte These von ihrer gesellschaftlichen Unverzichtbarkeit nicht wenigstens mal wieder überprüfen? Muss man, in Zeiten allgegenwärtiger Informationen, nicht noch mal nachrechnen, ob sich ihr Wert nicht auch daran bemisst, ob ihre Vermittlung gut gemacht ist? In einem Punkt nämlich scheinen sich die verantwortungsbewussten Retter der Nachrichten mit den unsentimentalen Sanierern einig zu sein: Nachrichten und Unterhaltung sind unvereinbar. Die anderswo längst gründlich demontierte Opposition zwischen E- und U-Kultur wird ausgerechnet im Fernsehen noch immer sorgfältig balsamiert. Solange aber Nachrichten per definitionem das Gegenteil von Unterhaltung sind; solange ihre Aufbereitung sich nicht um Kriterien wie Spannung, Stil und Haltung scheren soll; solange es also gar keinen Spaß machen darf, gut informiert zu werden: so lange bleibt es sicher schwer, ein Publikum zu begeistern.
Der Seriositätsfetischismus des Nachrichtenjournalismus verwandelt noch die abenteuerlichsten Geschichten in monotone Vorträge. „Nachrichten“, schrieb der Medienwissenschaftler John Fiske einmal, „haben, zumindest potentiell, alle Elemente der Popularität schon eingebaut; sie kämpfen dagegen, um einer Ideologie der Professionalität zu entsprechen.“ Fiskes Analyse stammt aus dem Jahr 1989. Noch immer liest sie sich wie eine Beschreibung aktueller Zustände. Um relevant zu sein, meint Fiske, muss sich vor allem die Form der Nachrichten ändern - weshalb ihre Popularisierung eben nicht einfach bedeutet, den Gegenstand der Berichterstattung von der Politik zur Prominenz zu verlagern. Notwendig wären vielmehr Elemente wie Lebendigkeit, Offenheit, Widersprüchlichkeit, welche das Engagement und auch den Widerspruch der Zuschauer hervorrufen.
Wie Nachrichten auch aussehen können
Man muss ja nicht gleich an die Exzesse denken, zu denen das führen könnte, an den Krawall etwa, den der amerikanische Sender Fox für Nachrichten hält. Es würde aber auch nicht schaden, wenn es im Fernsehen gelegentlich mal ums Ganze ginge; wenn auch mal jemand eine Meinung hat, die etwas origineller ist, als, nur zum Beispiel, die Formbriefe, die die „Tagesthemen“ für Kommentare halten. An der distanzierenden Pose neutraler Faktenvermittlung, die dazu dienen soll, die Faktizität der Wirklichkeit zu behaupten, von der man berichtet, ändern auch digitale Studios und lächelnde Moderatoren nichts; noch immer steckt in einem Großteil der Fernsehnachrichten jener unerschütterliche „Ansager“, der, wie bei „Monty Python“, noch während seiner eigenen Entführung tapfer weiter vom Blatt abliest.
Wer eine Ahnung davon bekommen möchte, wie Nachrichten aussehen könnten, die eben nicht die Kraft der Wirklichkeit im trägen Jargon der Ernsthaftigkeit ersticken, der sollte sich einmal ansehen, wie derzeit etwa der amerikanische Nachrichtensender CNN aus Haiti berichtet. Ein halbes Dutzend seiner Starreporter hat der Sender nach Port-au-Prince geschickt, und sicher gibt es moralisch eine Menge einzuwenden gegen die Art und Weise, wie sie durch die Trümmer stolzieren, als wären diese das Set einer Reality-Show. Ganz ungeniert läuft da Anderson Cooper, der Anchorman des Senders, hinter dem Sarg einer Frau her und schildert, wie hilflos die Angehörigen nach einem freien Grab auf dem Friedhof suchen; da berichtet der Reporter Ivan Watson live von der Bergung eines elfjährigen Mädchens und kommentiert dessen schmerzvolle Schreie; und Sanjay Gupta, der sogenannte Chief Medical Correspondent von CNN, operiert gleich selbst ein 15 Tage altes Baby mit einer Wunde am Kopf, angeblich weil er angesichts des Leids erkannt hat, dass er zuallererst ein Arzt ist - was ihn freilich nicht daran hindert, die Kamera laufen zu lassen.
Eine bekannte Warnung
Man muss den Reportern für diese Inszenierungen keine Preise verleihen: Hinter all dem Zynismus aber wird deutlich, wie wenig sich CNN darauf verlässt, dass der Horror der Katastrophe von ganz allein die Empathie der Zuschauer hervorruft. Statt wie andere Sender allein auf den Betroffenheitsreflex zu bauen, den die vermeintlich objektiven Bilder und Fakten auslösen, macht CNN aus der Wirklichkeit Geschichten - und zwar solche, deren Ende noch nicht feststeht. Es gibt kaum etwas Spannenderes. Es ist kein Zufall, dass der Sender vor die drastischen Bilder mittlerweile die aus dem Kino bekannte Warnung setzt: „Graphic Images: Viewer Discretion Advised!“
„Die Nachrichten“, schreibt Fiske, „sollten, wie eine Seifenoper, ihre verschiedenen Erzählstränge offen lassen, nicht auflösen. Statt zu sagen, ,Folgendes ist heute passiert', sollten sie sagen, ,wir befinden uns gerade mitten in folgenden Ereignissen'.“ Wer das für eine Ästhetisierung der Wirklichkeit hält, der hat schon recht: Er übersieht nur, dass es sich um nichts anderes handelt, wenn die Ereignisse in die abgeschliffenen Formen einer vermeintlich seriösen Nachrichtensprache gepresst werden. Authentischer sind diese Formen höchstens dann, wenn sich die Akteure in der Wirklichkeit an ihnen orientieren, wie etwa jene Politikdarsteller, die längst die blutleere Sprache der Nachrichten zu ihrer eigenen gemacht haben. Deshalb ist es womöglich nicht nur lebendiger, sondern auch ehrlicher, wenn sich die Inszenierung der Wirklichkeit in den Dienst der Spannung stellt, statt weiterhin in den der Illusion von Objektivität.
Harald Staun Jahrgang 1970, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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