Seine Stimme hat man sofort im Ohr. Es ist kein gefälliges, weich gepolstertes Organ, sondern ein scharf geschliffenes Allzweckinstrument, das zum Schmeicheln taugt wie zum Gebrüll, zum Gesang wie zum Befehlen. Diese Stimme kann einen Gegner in Stücke schneiden und ein Publikum in Fesseln legen. Mit ihr hat Matthias Habich Rilke, Storm, Hermann Hesse und Curzio Malaparte gelesen, und man hätte gern gehört, wie er Wilhelm Tell, Orest, den Prinzen von Homburg und den Lear auf der Bühne gesprochen hat, lauter Männer, die auf eigene Faust die Welt einzurenken versuchen. Aber das Theater ist eine Kunst ohne Archiv. Was von Habich bleibt, stiftet der Film.
Die wirklich Großen des Bildschirms und der Leinwand brauchen keine Lehrjahre, sie kommen fertig zur Welt. Das gilt auch für Matthias Habich. Als er anfing, 1973 in Fritz Umgelters meisterlichem Sechsteiler „Die merkwürdige Lebensgeschichte des Friedrich Freiherrn von der Trenck“, war er sofort ein Star. Von der ersten Szene an, in der er einen Königsberger Spießbürger im Degenduell abfertigt, beherrscht sein Trenck das Bild, als Großmaul, Königskadett, Prinzessinnenverführer, Sträfling und tapferer Soldat. Und was Ben Becker in Gernot Rolls Wiederverfilmung der berühmten Abenteuermoritat vor acht Jahren nicht mehr darzustellen vermochte, das hat Habichs Freiherr im kleinen Finger: das Dilemma, kein Junker mehr sein und es doch bleiben zu wollen, die tragische Sehnsucht nach einem Preußentum ohne Ladestock und Peitsche.
Die Kostümrollen hat er hinter sich gelassen
Der „Trenck“-Film, in dem er das Kostüm des achtzehnten Jahrhunderts ebenso lässig trug wie Tom Cruise vor kurzem die Uniform des Grafen Stauffenberg, machte Habicht derart berühmt, dass er zum Objekt der Klatschpresse wurde. Als Reporter in seine Münchner Wohnung einbrachen, floh er nach Paris, wo er seit gut fünfunddreißig Jahren lebt. Aber das ZDF holte ihn bald wieder vor die Kamera, und auch dieser Streich war gut geführt: Nach einer Nebenrolle in dem Vorweihnachts-Vierteiler „Die unfreiwilligen Reisen des Moritz August Benjowski“ spielt Habich den Simplicius in Umgelters „Simplicissimus“-Verfilmung, die den Barockroman von Grimmelshausen auf Bildschirmformat zurechtschnitt, ohne dabei seinen Kern zu zerbrechen. Der grüne Federhut, den Habich als Jäger von Soest für Umgelter trug, war das Gipfelkreuz des deutschen Kostümfernsehens, das seitdem nie wieder eine vergleichbare Konzentration der filmischen Mittel und des schauspielerischen Könnens erreicht hat, wenn man von den späten Epen des Österreichers Axel Corti („Radetzkymarsch“) absieht.
Nach diesen Erfolgen schien Habich auf Uniformrollen abonniert. Auch in Volker Schlöndorffs „Fangschuss“ von 1976 trug er wieder Militärkluft, diesmal das Feldgrau eines wilhelminischen Offiziers; und doch ist sein Part in Schlöndorffs Adaption eines Romans von Marguerite Yourcenar von ganz anderem Kaliber als seine Fernsehauftritte zuvor. Als Freikorpsoffizier, der nach dem Ersten Weltkrieg im Baltikum gegen die Bolschewisten kämpft und sich dabei in eine tödlich endende Dreiecksbeziehung mit einem Jugendfreund und dessen Schwester (die von Margarethe von Trotta gespielt wird) verstrickt, kann Habich zum ersten Mal die Kostümrollen hinter sich lassen. Sein ehrsüchtiger, autistischer und in sich erstarrter Spätpreuße Erich von Lhomond ist wie eine lebendige Illustration der Psychologie des „weißen Terrors“ aus Klaus Theweleits „Männerphantasien“ und zugleich eine unvergessliche Kinofigur.
In der Rolle des Victor Klemperer schrieb er Fernsehgeschichte
„Der Fangschuss“ hätte so der Beginn einer internationalen Karriere werden können, mit der Habich in den Fußstapfen eines Curd Jürgens oder Hardy Krüger gewandelt wäre, zwei deutschen Leinwandhelden, mit denen er nicht nur die blonden Haare und blauen Augen, sondern auch die bezwingende körperliche Präsenz gemein hat.
Aber Habich, der sich selbst als „heimatlosen Flachwurzler“ beschrieben hat, zog es vor, weiter Theater zu spielen und für Regisseure wie Bernhard Sinkel („Der Mädchenkrieg“), Egon Günther („Ursula“), Tom Toelle („Der Schrei der Eule“), Robert van Ackeren (“Die Reinheit des Herzens“) und Thomas Brasch ( „Der Passagier“) vor der Kamera zu stehen. Nur einmal ließ er sich auf eine internationale Großproduktion ein: In Henri Verneuils Kriegsfilm „Die Glorreichen“ spielte er einen deutschen Panzerkommandanten, den Gegenspieler von Jean-Paul Belmondo. Es war eine Erfahrung, deren Wiederholung sich Habich offenbar ebenso ersparen möchte wie jenen einmaligen Ausflug ins Regiefach, der ihm, wie er sagt, eine Seite seines Ichs gezeigt habe, der er lieber nicht mehr begegnen wolle.
Die zweite Fernsehkarriere des Matthias Habich begann vor elf Jahren mit seinem Auftritt als Victor Klemperer in der zwölfteiligen ARD-Serie „Klemperer - Ein Leben in Deutschland“. Die Betulichkeit und inszenatorische Banalität, die man der Serie als Ganzes vorwerfen konnte, waren seiner Figur ebenso fremd wie der Darstellungskunst seiner Partnerin Dagmar Manzel. Habich spielte Klemperers fassungsloses Staunen über die Unmenschlichkeit, die rings um ihn ihr Regime aufrichtet, mit einer schwermütigen Ruhe, die man für Ungerührtheit hätte halten können, wenn sich nicht in beiläufigen Gesten und Blicken der innere Aufruhr unter der Maske verraten hätte. Mit einer ähnlichen Mischung aus Trotz und Gleichmut, nur unter ganz anderen historischen Vorzeichen, hat Habich ein Jahr später den alten Heinrich Cresspahl in Margarethe von Trottas Verfilmung von Uwe Johnsons „Jahrestagen“ verkörpert, einen anderen deutschen Antihelden par excellence. Auch hier war es die Abwesenheit des Aufgeregten, Aufgedrehten, die der Figur die geschichtliche Kontur gab. Laut- und Großredner hat das deutsche Fernsehen ohnehin mehr als genug.
Für die „Unkenrufe“ zurück nach Danzig
Für die Leinwandversion der „Unkenrufe“ von Günter Grass ist Matthias Habich 2005 nach Danzig zurückgekehrt, in die Stadt, aus der er als Fünfjähriger zusammen mit seinen Eltern vertrieben wurde. Aber diesen Film konnte auch Habich nicht retten, ebenso wenig wie Jean-Jacques Annauds Stalingrad-Plotte „Duell - Enemy at the Gates“, in der er den General Paulus spielte. Dafür hat er Fernsehproduktionen wie Nikolaus Leytners „Ein halbes Leben“ und Kinofilmen wie Oliver Hirschbiegels „Untergang“ und Stephen Daldrys „Vorleser“ Glanzlichter aufgesetzt. Habich gehöre zu den wenigen Schauspielern, die den Glanz der Bühne „mit der im Film geforderten Direktheit“ vereinten, hat sein Entdecker Fritz Umgelter einmal erklärt. Das kann man gewiss umständlicher und festlicher sagen. Aber es stimmt. Morgen wird Matthias Habich siebzig Jahre alt.