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Martin Scorseses Fernsehserie „Boardwalk Empire“ Mitleid mit dem Alkoholbaron

27.09.2010 ·  Erfolgreich startete der amerikanische Fernsehsender HBO die neue Serie „Boardwalk Empire“. Martin Scorsese führt Regie in diesem Epos der Prohibition, das die Geburtsstunde der organisierten Kriminalität einläutete. Sieben Millionen Amerikaner schalteten ein.

Von Nina Rehfeld
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Martin Scorsese hat das Fernsehen entdeckt. Mit „Boardwalk Empire“ hat der siebenundsechzigjährige Regisseur für HBO eine Serie über die Prohibitionsära in Amerika produziert, die Jahre zwischen 1920 und 1933, als das Alkoholverbot die Geburtsstunde der organisierten Kriminalität einläutete.

Das Stück startete am 19. September im amerikanischen Bezahlfernsehen mit über sieben Millionen Zuschauern – beeindruckend genug, dass der Sender die Serie umgehend um eine zweite Staffel verlängerte.

Es ist ein Stück über „die dunkle Seite des amerikanischen Traums“, wie Scorsese sagt, und es folgt damit in den Spuren von „Deadwood“, jenem Western aus der Feder von David Milch, der die amerikanische Frontier als Ort nackter Profitgier zeichnete und die düsteren Facetten des amerikanischen Gründungsmythos freilegte. Blaupause für „Boardwalk Empire“ war Nelson Johnsons gleichnamiger Geschichtsabriss von 2002, der im Detail dem Aufstieg von Atlantic City, New Jersey, vom vornehmen Seebad zum Schmelztiegel von organisierter Kriminalität und politischer Korruption nachgeht.

Der Erste Weltkrieg ist vorbei

Der Drehbuchautor Terence Winter, der bereits den Mafiabossen der „Sopranos“ alltägliche Kümmernisse und menschliche Nöte auf den Leib schrieb, schuf hier gemeinsam mit Scorsese eine Art Vorgeschichte zu den „Sopranos“. „Sie handelten vom Ende der organisierten Kriminalität“, sagt Winter, „,Boardwalk Empire‘ dreht sich um ihren Beginn.“ Die Serie setzt Ende 1919 an. Der Erste Weltkrieg ist vorbei, Aufbruchstimmung mischt sich mit perverser Lust an Anomalien – Liliputaner-Boxkämpfe und die Zurschaustellung von Frühgeborenen schmücken die titelgebende Seepromenade. Als der Volstead Act die Prohibition mit dem Verbot alkoholischer Getränke wirksam macht, erblüht in den Casinos rund um das Seebad ein enorm profitables Geschäft mit dem verbotenen Stoff, das seine Protagonisten zu den politisch einflussreichsten Persönlichkeiten der Vereinigten Staaten macht.

Eigentlich hatte sich Winter statt in die Zwanziger zunächst in eine andere, in Johnsons Buch beschriebene Ära von Atlantic City vertieft – die 1950er. „Es gab da einen Typ namens Skinny D’Amato“, sagt Winter, „ein einflussreicher Nachtclubbesitzer, der Jerry Lewis und Dean Martin einander vorstellte und mit Frank Sinatra auf Du war.“ Doch der wirkte ein bisschen zu sehr wie Tony Sopranos Vater – man war ja bereits aufs Neue in der Gangsterwelt von New Jersey. „Die Zwanziger dagegen waren zeitlich weit genug entfernt, um eine ganz andere Welt entwerfen zu können.“ Statt um Tony Soprano oder Skinny D’Amato entwickelte Winter seine Saga also um den legendären Alkoholbaron Enoch „Nucky“ Johnson.

Johnson, in der Serie Nucky Thompson genannt, hatte seine Macht in Atlantic City am Ende der zwanziger Jahre so weit ausgebaut, dass die mächtigsten Mafiabosse aus allen Landesteilen zu einer Konvention zusammenkamen, um ihre politischen Beziehungen zu befrieden und die kriminellen Geschäfte für die sich abzeichnende Post-Prohibitionsära zu planen.

Seine Güte ist allseits beliebt

HBO, mutmaßt Winter, hätte ihm angesichts des „Soprano“-Erfolgs wohl freie Hand bei der Wahl eines neuen Projekts gewährt. „Aber als sie mir dieses Buch in die Hand drückten und erwähnten, dass Martin Scorsese Teil des Projekts ist, gab es keine weiteren Fragen für mich.“ Scorseses „Taxi Driver“ hatte Winter einst zu seinem Beruf inspiriert. Natürlich war er auch deshalb furchtbar nervös im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit dem Regisseur. „Aber Martin Scorsese ist alles, was ich mir von ihm erhofft habe – warmherzig, komisch und ungeheuer offen für die Ideen anderer Leute.“

Da HBOs letzte Gangsterserie erst vor drei Jahren auslief, legte der Sender offenbar Wert darauf, die Assoziation mit den „Sopranos“ zu vermeiden, und leider nicht immer zugunsten von „Boardwalk Empire“. Ein bisschen weniger Willen zum Kostümschinken hätte dem Stück gutgetan, und obwohl der Sender fünf Millionen Dollar in ein hundert Meter langes Strandpromenaden-Set in Brooklyn investierte und sich den Pilotfilm, den Scorsese persönlich inszenierte, zwanzig Millionen kosten ließ, geriet die Ausstattung manchmal allzu aufdringlich. Denn die Figuren, die Terence Winter zeichnet, benötigen keinerlei ausstatterische Erhöhung.

Da ist der Casinobesitzer Nucky Thompson (Steve Buscemi), der gleich zu Beginn einen sarkastischen Toast auf die „wunderbar ignoranten Idioten in Washington“ ausbringt, jene Politiker, die mit der Durchsetzung der Prohibition die Grundlage für ein immens profitables Geschäft legten. Nucky ist ein Gentleman mit guten Verbindungen in die Politik – er selbst ist Schatzmeister, sein Bruder Sheriff der Stadt – und mehr weitsichtigem Grips als die meisten seinesgleichen. Und sein persönlicher Moralkodex geht, ganz wie beim Standartenträger der Popkultur-Gangster, Mario Puzos „Godfather“, weit über die kleinkarierte Gutmenschen-Beflissenheit der Alkohol-Gegner hinaus – seine Güte ist allseits beliebt.

„Nach zwei Jahren Krieg taugt man zu nichts anderem“

Da ist die irische Einwanderin Margaret Schroeder (Kelly Macdonald), hinter deren scheuer Erscheinung sich eine harte Kämpferin verbirgt. Sie bittet Nucky um einen Job, um die Familie auch ohne das von ihrem Mann Hans versoffene Einkommen durchbringen zu können. Als Hans sie wenig später im Suff derart verprügelt, dass sie das Kind verliert, mit dem sie schwanger ist, lässt Nucky ihn umbringen – auch zur eigenen Vorteilsnahme, wie sich zeigt.

Da ist der junge Jimmy Darmody (Michael Pitt), der sein Princeton-Studium abbrach, um in den Krieg zu ziehen. Nach seiner Rückkehr hofft er, das schnelle Geld in der Halbwelt um Nucky zu machen. „Nach zwei Jahren Krieg taugt man zu nichts anderem“, sagt er zu seiner Frau, die eigentlich auf seine Rückkehr an die Uni gehofft hatte. Doch Jimmy will mehr, als Nucky ihm zugesteht. Und da ist der Agent Nelson van Alden (Michael Shannon), Angestellter der Steuerbehörde und Spezialagent in Sachen Prohibition, der Nuckys Operationen beenden will und dazu sowohl Margaret als auch Jimmy umwirbt.

Man will Steve Buscemi, bekannt als Darsteller schräger Typen in den Filmen der Cohen Brothers, die Hauptrolle des Nucky Thompson zunächst nicht zutrauen – die hohe, dünne Stimme, der dürre Körper, die komische Visage mit den vorstehenden Augen und den schiefen Zähnen assoziieren übermächtig den trotteligen Freak aus „The Big Lebowski“ oder „Fargo“. Und Terence Winter gesteht, dass er, gemessen am echten Nucky, eigentlich einen Mann von der Statur James Gandolfinis hätte casten müssen. „Das stand natürlich außer Frage“, sagt er über seinen „Soprano“-Star, „also haben wir bewusst gegen den Strich besetzt.“ Winter selbst schlug Buscemi vor, der ja ebenfalls ein „Soprano“-Veteran ist – dreizehn Folgen lang spielte er Tonys gewalttätigen Cousin Tony Blundetto, und in „Boardwalk Empire“ füllt er die Rolle des charmanten, machtbewussten Profiteurs mit überraschender Leichtigkeit.

Die einfachen, kämpferischen Frauen am Rande

Fast will man Mitleid mit Nucky haben, wenn er sich unter dem Druck der Geschehnisse – Jimmy lässt die Einschüchterung konkurrierender Gangster in ein blutiges, politisch prekäres Massaker abgleiten – mit zerquältem Gesicht auf seinen Schreibtisch stützt. Doch dann findet er seine Contenance wieder und bemächtigt sich der Dinge mit kalter Präzision. Bei der Bereinigung der politischen Lage schlägt er zwei Fliegen mit einer Klappe, und als Jimmy die verlangten 3000 Dollar Wiedergutmachung auf den Tisch legt, verzockt Nucky sie vor dessen Augen in einer einzigen, abschätzigen Geste am Spieltisch. Und das ist bloß der Anfang der Beziehung zwischen dem Gangster und dem Aufsteiger. In Nebenrollen sind der blutjunge Al Capone (Stephen Graham) und der aufstrebende Lucky Luciano (Vincent Piazza) zu sehen, der sich klug mit dem mächtigen New Yorker Gangsterboss und Zockergenie Arnold Rothstein (Michael Stuhlbarg) zusammentut.

Martin Scorsese ist fasziniert von den mythischen Figuren des amerikanischen Traums – Profiteuren, Hasardeuren und kleinen Lichtern, die von ihren Biographien in den Strudel der großen Machtkämpfe gezogen werden. Diese Faszination bestimmt fast jede Einstellung, und seine Liebe zu den einfachen, kämpferischen Frauen am Rande, von denen einige zu glamourösen Diven an der Seite der Gangster avancieren, ist so offenbar wie in „Casino“. Terence Winter brachte seinerseits sein Interesse am Privatleben großer Kriminalfiguren zu wirksamer Geltung. Dennoch sieht er in der Serie mehr als eine historisch zurückversetzte Version der „Sopranos“. „Wir bewegen uns hier in einer weit größeren Arena, zwischen Atlantic City, New York und Chicago, und es gibt ein viel stärkeres politisches Element“, sagt Winter. „Nucky ist Politiker, und sein Arm reicht, wie wir sehen werden, bis ins Weiße Haus.“

Menschen verändern sich nicht

Aber in „Boardwalk Empire“ reiben sich die beiden Antriebskräfte der amerikanischen Gesellschaft – der unbedingte Wille zur Selbst- und Weltverbesserung und das Profitprinzip, das daraus enormes Kapital zu schlagen weiß. Damals wie heute, sagt Terence Winter, bestimmt das Big Business die Politik. „Die Räuberbarone haben in einer Welt, in der sich alles ums Geld dreht, immer schon alles kontrolliert – die Gründe, in den Krieg zu ziehen, wie auch die Gründe, bestimmte Substanzen zu verbieten. Sie können hundert, fünfhundert oder auch fünftausend Jahre zurückblicken“, so Winter, „Menschen verändern sich nicht.“

Martin Scorsese, der bereits in den sechziger und siebziger Jahren mit langen filmischen Formaten experimentierte und Gefallen an den erzählerischen Möglichkeiten der Serie fand, will seinem Ausflug ins Fernsehen womöglich weitere Projekte folgen lassen. „Ist ja toll“, sagte er nach der Fertigstellung des Pilot-Episode, „endlich kann ich mal sehen, was mit den Figuren geschieht, nachdem der Film zu Ende ist.“

Boardwalk Empire wird in Deutschland vom kommenden Frühjahr an auf dem Abosender TNT Serie ausgestrahlt.

Quelle: F.A.Z.
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