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Mario Adorf zum Achtzigsten Unser Großer

08.09.2010 ·  Mario Adorf ist so etwas wie die graue Eminenz des deutschen Films: Er hat mehr als 120 Film- und Fernsehrollen gespielt und ist einer der wenigen von der deutschen Filmbranche hervorgebrachten Weltstars. Mit jetzt 80 Jahren sagt er aber: „Die Show muss mal zu Ende sein“.

Von Verena Lueken
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Wer ihm entgehen möchte, hat keine Chance. Auch ohne dass ein runder Geburtstag ansteht, vergeht im deutschen Fernsehen kaum ein Tag, ohne dass wir ihn irgendwo zu sehen bekämen - in der Aufzeichnung einer Theateraufführung, in einer Serie, in der Wiederholung einer Serie, einem Fernsehfilm, der Wiederholung eines Fernsehfilms, einem Kinofilm, der im Fernsehen ausgewertet wird, oder der Wiederholung desselben, einer Show, die er als Gast beehrt.

Natürlich können wir ihn auch hören. „Adorf liest Schiller“, Adorf bringt seine eigens zusammengestellte Hörbuch-“Master Edition“ heraus, Adorf singt bei einer Gala für irgendeinen guten Zweck, Adorf leiht Walen seine Stimme, wie früher in seiner Karriere bereits Fred, dem Esel, und dem Weihnachtsmann, Jetzt, da Mario Adorf achtzig wird, jetzt, da er als einer der ersten neben Marlene Dietrich einen Stern auf dem „Walk of Fame“ auf der Potsdamer Straße in Berlin und von der Universität Mainz, an der er einmal studiert hat, die Ehrendoktorwürde verliehen bekommt (eine rare Würdigung, die er in der gesamten Universitätsgeschichte einzig mit Giscard d'Estaing teilen muss), in diesen Tagen also gehört das deutsche Fernsehen, vielleicht ganz Deutschland, wie es sieht und hört, ganz und gar dem in Zürich geboren Sohn aus einem deutsch-italienischen Elternhaus.

Er ist ein Großer, das sollen wir gleich sehen

Und tatsächlich hat er ja auch alles gespielt. Er begann, wie das so geht, vor nunmehr sechsundfünfzig Jahren, fast ganz unten, als Unteroffizier nämlich, in der Fernsehserie 08/15, spielte dann Landstreicher, Kohlenschlepper, Mafiosi, trunkene Dichter, Zirkusbesitzer, Kommissare, Unternehmer, Verleger, Waffenhändler und Staatsanwälte, und auch sein militärischer Rollenrang verbesserte sich. Zehn Jahre nach 08/15 gab ihm Sam Peckinpah immerhin schon die Rolle eines Sergeanten (in „Major Dundee“). Und natürlich spielte er all die großen Männer: Hagen in den „Nibelungen“, Don Camillo, Benito Mussolini, Papst Urbano VIII. und den großen Bellheim.

Unser Großer: Mario Adorf zum Achtzigsten

Jede Einstellung, jede Bühne betritt er mit der Wucht einer Naturgewalt und fegt alles aus dem Bild oder von den Brettern, was sich da sonst noch zu behaupten versucht. Er ist ein Großer, das sollen wir gleich sehen, und selten hat er uns so enttäuscht wie als Onkel in „Klassenverhältnisse“, der Verfilmung des „Amerika“-Romans von Kafka durch Danièle Huillet und Jean-Marie Straub. Der minimalistische Zugriff, die Abstraktion waren seine Sache ganz offensichtlich nicht. Immer wieder hebt er da an zu seinem großen Spiel, um sich dann wie ertappt zurückzunehmen und die Energie im Zusammentippen seiner Zeigefingerspitzen auslaufen zu lassen.

Dürfte man von all seinen physiognomischen Eigenheiten nur eine einzige beschreiben, es wären die buschigen Augenbrauen, die einem Bürstenmacher Freude bereiten würden, und die er sich angewöhnt hat, nach oben zu ziehen, als brauchte er sie, um die schweren Lider von den Augen zu heben. Aber wir dürfen ja mehr, also auch von seinem kantig breiten Schädel und den wulstigen Lippen sprechen, von seiner massigen Statur, aus der dann manchmal ein ganz überraschend leises Spiel kommt, mit kleinen Gesten, Blicken in allen Facetten von Arroganz, Brutalität und Ironie und manchmal, auch das, von Verletzlichkeit.

Die schillernd dunkle Seite des Mario Adorf

Er war - damit begann sein Aufstieg nach den ersten Rollen auch im internationalen Film - eine typische Schurkengestalt, die er nicht nur bei „Winnetou“, sondern auch im Spaghetti-Western der Siebziger zuverlässig böse verkörperte. Als dann in Deutschland die Blütezeit des Neuen Deutschen Films begann, war er dabei - mit Edgar Reitz drehte er „Die Reise nach Wien“, mit Reinhard Hauff den „Hauptdarsteller“, mit Volker Schlöndorff sowie Margarethe von Trotta) die „Verlorene Ehre der Katharina Blum“ und, ebenfalls mit Schlöndorf, die „Blechtrommel“, wobei er zwischendurch noch die Zeit fand, für Michael Verhoeven mit Heinz Rühmann das „Gefundene Fressen“ zu teilen.

Seine beste Rolle aber ist immer noch die des Klebstoff-Fabrikanten Heinrich Haffenloher in „Kir Royal“, die ja seit den achtziger Jahren eine der besten Serien des deutschen Fernsehens ist. Wie er da dem Schimmerlos erklärt, wie er ihn kaufen wird, mit einer Villa, einem Ferrari, Säcken von Geld und Diamanten, das ist in seiner Großkotzigkeit, dem bösartigen Durchblick, der Selbstüberschätzung und lauernden Intelligenz die schillernd dunkle Seite des Mario Adorf. Am Mittwoch wird er Achtzig.

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Jahrgang 1955, stellvertretende Leiterin des Feuilleton.

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