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Lettermans Bekenntnis Der Witz des Abends

04.10.2009 ·  Woche für Woche überzog David Letterman in seiner Fernsehshow Prominente mit Häme - nun steht er wegen sexueller Fehltritte selbst am Pranger. Diesmal wird es ihn einige Mühe kosten, die Angelegenheit mit der oft erprobten Selbstironie abzufangen.

Von Jordan Mejias, New York
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Auf ihn, den Witzemacher, hageln jetzt die Witze herab. David Letterman, der Talkshowstar, der immer zu den Ersten gehörte, die den Kübel Häme über Politiker und Entertainer auf sexuellen Abwegen leerten, muss nun selbst erfahren, wie sich das Leben unter der kalten öffentlichen Dusche anfühlt. Es wird ihm nichts anderes übrigbleiben, als sich an den drastischen Stimmungsumschwung zu gewöhnen. Sogar Jay Leno und Conan O’Brien haben es sich nicht entgehen lassen, auf Kosten des Kollegen und Konkurrenten mit wohlfeilen Lachern zu punkten. Für Dave, allabendlich bei Millionen seiner Landsleute zu Gast, war das vielleicht noch ungemütlicher als die Wucht der voraussehbaren Attacken, die von all jenen kommen, die er einst attackierte, mit steigender Streitlust auch auf dem politischen Schlachtfeld. Diesmal wird es ihn einige Mühe kosten, die Sache mit der oft erprobten Selbstironie abzufangen.

Sein Geständnis vor laufender Kamera, aber auf dem sicheren Terrain seiner eigenen Sendung, der „Late Show“, lief auf ein großes Lavieren im Vagen hinaus. Formal bewegte er sich im Rahmen der von ihm seit Jahrzehnten gepflegten Wurstigkeit, mit der er, noch in bester Stimmung irgendwie missgelaunt, offenlässt, wo der Ernst des Lebens in Jux und Frohsinn übergeht. Und inhaltlich war nicht auszumachen, ob er als Opfer oder Täter um unser aller Verständnis bat. Täter, da ließ er keinen Zweifel, war er, als er mit weiblichen Angestellten seiner Produktionsfirma Worldwide Pants Affären begann oder, wie er entweder herzerfrischend offen oder zynisch verbiestert sagte, Sex hatte. Zum Opfer wurde er, als er deswegen erpresst wurde. Noch ist nicht klar, wie die Öffentlichkeit ihn sieht. Sollte sie in ihm vor allem den Täter erkennen, wäre das mehr als heikel, in womöglich zweifacher Hinsicht.

Die Moral bestimmt die Geschäftsbilanz

Als Täter, der sich außerehelich vergnügt und dabei gegen keine staatlichen Gesetze verstößt, hat er sich eigentlich nur seiner Frau und Familie gegenüber zu verantworten. Wir, die Öffentlichkeit, könnten und sollten diskret wegschauen. Naturgemäß tun wir das nicht, so wie es auch Letterman nie tat, als er schlüpfrige Verhaltensweisen im Prominentenkreis als dankbare Lachnummern in seine Monologe einbaute. Sein Privatleben, das er wie besessen hütete, indem er gelegentlich ein paar vermeintliche Splitter davon in seine Sendung mitbrachte und sie gleich wieder unter Witzen versteckte, muss er nun, ob er will oder nicht, uns und unserer Sensationslust preisgeben. Weigert er sich, übernehmen wir die Aufgabe. Dass er ein Unterhalter und kein Politiker ist, spielt dabei keine Rolle. Beim einen wie beim anderen schlägt sich die Moral im Wahlergebnis nieder. Nur ist jeden Abend Wahl zwischen der „Late Show“ und der „Tonight Show“. So bestimmt die Moral auch die Geschäftsbilanz, jedoch auf nicht immer berechenbare Weise.

Sollte Letterman in der kommenden Woche seine Sendung wie gewohnt bestreiten, dürften ihm traumhafte Einschaltquoten sicher sein. Aber wie das, was viele Amerikaner als moralische Verfehlung ansehen, sich auf lange Sicht auswirkt, wird auch davon abhängen, wie sich der Skandal, der im Augenblick die amerikanischen Medien beherrscht und den Fall Polanski locker ins Abseits gedrängt hat, weiterentwickelt. Der Anwalt des mutmaßlichen Erpressers hat schon weitere Überraschungen in Aussicht gestellt und vor vorschnellen Urteilen gewarnt. Letterman dagegen wollte schon mit seiner auch als Reuebekenntnis funktionierenden Erpressungsenthüllung einen Schlussstrich ziehen und, wie er versicherte, über dieses „spezielle Thema“ nicht mehr viel sagen. Das dürfte der größte Witz des Abends gewesen sein.

Die Betriebsregeln bei CBS

Vielleicht nicht heikler für seinen Ruf, aber juristisch gefährlicher könnte die Möglichkeit einer zweiten Täterschaft werden. CBS, die Fernsehgesellschaft, die Lettermans Produktionsfirma die Sendezeit zur Verfügung stellt, muss prüfen, ob Arbeitsgesetze verletzt wurden und der Tatbestand der sexuellen Belästigung oder gar des Machtmissbrauchs gegenüber Untergebenen vorliegt. Einige amerikanische Unternehmen sind da empfindlicher als die Gesetze des Landes. Es gibt Firmen, die jegliche amouröse Beziehung zwischen Vorgesetzten und Untergebenen untersagen und beim Verstoß gegen die Betriebsregeln gar nicht erst zu entscheiden brauchen, wer Opfer und wer Täter war.

In David Mamets Schauspiel „Oleanna“, das am Broadway gerade wieder auf dem Spielplan steht, geht es, in bezeichnender Vieldeutigkeit, um sexuellen Missbrauch und die Anschuldigung dazu, also um den Missbrauch der Missbrauchsbezichtigung zwischen einem Professor und einer Studentin. Nach einer Reihe von Aufführungen sollen Zuschauer die Bühne betreten, die in eine ähnliche Lage verwickelt waren oder sich befähigt fühlen, darüber Auskunft zu geben. David Letterman wird sich sicherlich nicht dazu entschließen, im Golden Theater, nur einen kleinen Spaziergang entfernt vom Ed Sullivan Theater, in der seine Show produziert wird, von seinen Erfahrungen zu berichten.

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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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