16.10.2009 · Geistesgegenwart in einer Schrecksekunde: Als Nikolaus Brender den Bundeskanzler „Herrn Schröder“ nannte, setzte er ein Zeichen für die Staatsferne des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Die Laudatio von Frank Schirrmacher zur Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises an den ZDF-Chefredakteur.
Von Frank SchirrmacherIn einem soeben auf der Buchmesse erschienenen Buch wird ein wichtiges Kriterium der Verhaltensbiologie erläutert: Wie lange, so die entscheidende Frage, dauert es, bis ein Organismus auf einen überraschenden äußeren Reiz sinnvoll reagiert? Das hängt oft gar nicht von dem Lebewesen ab, sondern von dem Medium, in dem es sich bewegt. Es gibt ganze Listen von Reaktionszeiten, bei Tieren der Luft geht es oft sehr schnell, was einleuchtend ist, weil sie sonst abstürzen würden. Lebewesen der Tiefe, vor allem solche, die im Schlamm des Meeresbodens existieren, können sich mehr Zeit lassen. Es soll angeblich eine bestimmte Art von Schwämmen geben, bei denen die Zeitspanne zwischen äußerem Reiz und innerer Reaktion acht Jahre betragen kann.
Das gilt, in leicht abgewandelter Form, auch für die Biotope unseres journalistischen Gewerbes. Zwischen einer eintreffenden Information – dem äußeren Reiz – und der Reaktion darauf hatte der Printjournalist in der Vergangenheit eine Mindestreaktionszeit von vierundzwanzig Stunden, selbst in Internetzeiten hat er noch gut und gerne eine halbe Stunde. Führt er ein Interview, können zwischen Frage und Antwort, je nach Gesprächspartner und Redigierstatus, nach Überarbeitung, Rückfrage, Entschärfung, Wochen liegen. Anders bei den Kollegen vom Fernsehen. Sie leben im Äther. Und in den entscheidenden, den großen Live-Momenten des Mediums, die wir Zuschauer ersehnen und um die alles kreist, geht es um Millisekunden. Sie entscheiden darüber, ob wir die Vogelperspektive einnehmen können oder abstürzen – und vor dieser Herausforderung des Fernsehjournalismus habe ich großen Respekt.
Was wir nicht vergessen werden
Wo es geschieht, vergisst man es nie wieder. Ein solcher Moment war Hajo Friedrichs’ Tagesthemen-Moderation am Abend des 9. November 1989, oder besser: Es war ein Satz, den damals in dieser Eindeutigkeit und zu diesem Zeitpunkt völliger Verwirrung kein Politiker zu sagen wagte und der, wie wir heute wissen, wie ein Fanal auf viele Zuschauer in der DDR wirkte. Er lautete: „Das Tor in der Mauer steht weit offen.“
Ein anderes Ereignis, das wir nicht vergessen werden, war der Abend des 18. September 2005. Und hier war es Nikolaus Brender, der innerhalb von Sekundenbruchteilen auf eine Situation reagierte, die im Nachhinein skurril wirkte – aber nur deshalb, weil Brender sie dazu machte, indem er so reagierte, wie er reagierte.
Als es geschah, gefror nicht wenigen Zuschauern das Blut in den Adern. Es war ein Moment von solcher Intensität, dass später ein ehemaliger und übrigens äußerst nüchterner Bundesverfassungsrichter bekannte, er habe vor dem Fernseher gesessen und gedacht: „Wie gut, dass wir eine Verfassung haben.“
Der Schlagabtausch zwischen Bundeskanzler Gerhard Schröder und dem Chefredakteur des ZDF verdient es, in Lesebücher übernommen zu werden. Es ist ein Musterbeispiel von Delegitimation im Namen der kritischen Öffentlichkeit. Der Moment, da Brender, als zöge er ein Fazit, zu einem enthemmten Kanzler sagte: „Herr Schröder, ich nenne Sie jetzt nicht mehr Herr Bundeskanzler, sondern Herr Schröder“, war vor den Augen eines Millionenpublikums die Übertragung der mittelalterlichen Lehre von den „Zwei Körpern des Königs“ in die Medienwelt des einundzwanzigsten Jahrhunderts.
Der König, der Kanzler, der Ministerpräsident sind Amt und Funktion, aber sie sind auch Menschen, sterbliche Wesen. Diese Unterscheidung zu kennen und am Leben zu halten ist, wie wir seit Ernst Kantorowicz’ großartiger Studie zu den zwei Körpern des Herrschers wissen, das innerste Wesen des modernen demokratischen Staates. Wer es verinnerlicht, käme nie auf den Gedanken, zu behaupten, dass Politiker die Grundlage der Demokratie sind. Sie sind es nur so, wie wir es alle sind: als Bürger des Staates.
Plötzlich war die Vogelperspektive möglich
Brender machte, ohne Beleidigung, ohne Respektlosigkeit, nur durch diese im entscheidenden Moment formulierte Anrede „Herr Schröder“ klar, dass er nicht mehr mit einem Verfassungsorgan, sondern mit einem Herrn Schröder aus Hannover redete. Vierundzwanzig Stunden später wäre mir das alles vielleicht auch eingefallen. Aber in diesem Moment angesichts einer wie paralysiert wirkenden Herausforderin so reagiert zu haben, das veränderte schon Minuten danach die Wahrnehmung: Plötzlich war die Vogelperspektive möglich.
Nikolaus Brender ist Nikolaus Brender und kein Symbol. Es hieße seine journalistische Bedeutung und die Bedeutung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises zu relativieren, wenn man die glückliche Wahl der Jury lediglich als Reflex auf aktuelle machtpolitische Tatbestände interpretieren würde. Aber wie die Dinge liegen, kann man von ihnen nicht schweigen. Denn Brenders Auftritt war eine Manifestation von Überparteilichkeit.
Hier hat einer keine linke oder rechte Politik gemacht, sondern puren Journalismus praktiziert. Anders als bei anderen Fällen, in denen das öffentlich-rechtliche Fernsehen unter den Druck der Politik gerät, wurde hier der Zuschauer zum Zeugen journalistischer Autonomie. Es lag vor aller Augen, und jeder konnte sich seine Meinung bilden. Anders als bei dem Vorgang, der sich in den letzten Monaten abgespielt hat und der geeignet ist, den Sender, in dem Nikolaus Brender arbeitet, nachhaltig zu beschädigen.
Ich will nicht von der Reaktionsverzögerung bei Tiefseeschwämmen reden. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass die ganze Wucht dieses erstaunlichen Vorgangs der Demontage eines Chefredakteurs auch damit zu erklären ist, dass einzelne der beteiligten Politiker über Jahre hinweg, vielleicht sogar seit der Bundestagswahl von 2002, genug Frustration über angeblich schlechte Behandlung aufgesogen haben, um jetzt die Stunde der Reaktion gekommen zu sehen. Gewiss haben andere aufrichtige Motive, man weiß, wie solche Informationskaskaden entstehen, ein Wort gibt das andere, ein Versprechen jagt das nächste, all das gehört in den Funktionszusammenhang öffentlicher Systeme. Es überrascht nicht, es hat wahrscheinlich sogar einen Sinn. Was aber überrascht, ist, dass man bereit ist, den Weg weiter zu gehen, auch wenn damit die Staatsferne des öffentlich-rechtlichen Systems zumindest partiell in Frage gestellt wird.
Die Politik hat schon gewonnen
Ich baue hier auf die Klugheit der Politik. Sie wird nicht den Fehler begehen, eine Machtprobe zwischen Journalismus und Politik zu sehen. Denn es ist keine Machtprobe. Die Politik hat, wenn sie will, bereits gewonnen. Das ist jedermann klar. Also hat sie Zeit, darüber nachzudenken, ob sie wirklich gewollt hat, was sie bekommen wird. Es reicht einfach nicht, sich die Empörung der Journalisten mit den im politischen Milieu beliebten Bild von den Krähen zu erklären, die sich nicht gegenseitig die Augen aushacken. Wir hacken sehr viel auch untereinander, und das wird sich in Zeiten der Internetkonkurrenz noch verstärken.
Kluge Politik, auf die ich vertraue, wird verstehen, dass es hier um etwas fundamental Anderes geht. Ich glaube sofort, dass es den Beteiligten, wie sie selbst immer wieder betonen, nicht darum geht, eine Person ihrer Partei zu etablieren. Es geht um die Gefahr, wenn man so will, eines Eingriffs in die DNA eines Senders. Ich rede nicht von Märtyrern, und ich glaube keine Sekunde, dass Redakteure des öffentlich-rechtlichen Fernsehens sich trotz der drohenden Beschädigung eines verantwortungsbewussten Intendanten das Rückgrat brechen lassen. Aber es geht darum, ob die Öffentlichkeit glauben kann, dass der Journalist, der einen Politiker interviewt, noch frei ist, wenn es der gleiche Politiker ist, der soeben demonstriert hat, dass er unmittelbare Macht über den Geist eines Senders hat. Wo fängt das an, wo endet es? Politiker können das nicht wollen, denn wie bei allen Eingriffen ins Erbgut reproduzieren sich die Folgen ins Unendliche: Soll es so enden, dass Journalisten sich bei Politikern, die sie kritisch begleiten sollen, über ihre Vorgesetzten beschweren? Wer im Zusammenhang mit den Vorgängen im ZDF mit Politikern redete, konnte zuweilen den Eindruck haben, er rede mit professionellen Medienkritikern.
Da war anscheinend sachlich – von Stefan Niggemeier widerlegt – von Quoten die Rede und vor allem von den jungen Zuschauern. Ich habe Respekt davor, wenn ein fast siebzigjähriger Ex-Ministerpräsident sich um die jugendlichen Zuschauer sorgt. Aber wir können die Sorge zurückgeben. Wen sieht man denn zu neunzig Prozent in einer zwanzigminutigen Nachrichtensendung? Und wo drängt die Jugend in die Parteien? Das Problem der Entkoppelung der Jugend geht uns alle an, die Zeitungen ebenso sehr wie die Parteien und das seriöse Fernsehen – und wir alle müssen eine Antwort darauf finden. Und wenn wir eines sagen können, dann ist die Jugend im Internetzeitalter vor allem durch eine Sache aktivierbar, alarmierbar und entschlossen: dort, wo sie den Eindruck hat, dass der Staat Informationsangebote überwachen, kontrollieren oder beeinflussen will. Es kann nicht im Interesse kluger Politiker liegen, ein Exempel zu statuieren, das – Brenders Elefantenrunde ist ein Klassiker bei Youtube – zwingend zu einer weiteren Entfremdung der Jugend vom Fernsehen führen wird.
Nichts leichter als Quote
Nikolaus Brender hat diese Fragen zum Thema gemacht. Von ihm stammt der Satz: „Nichts leichter als Quote“, wo es um die Nachrichtensendungen des Fernsehens geht. Das gilt, mit Verlaub, auch für Zeitungen. Wir können durch das Internet sehr genau feststellen, welche Themen Quote bringen und welche nicht. Ich bin überzeugt, die Politik wird klug handeln. Es wird kein Gesichtsverlust sein, wenn sie dem Intendanten des ZDF zutraut, dass er weiß, was er tut, sondern ein Akt der Souveränität – allerdings einer, auf den wir als Bürger ein Anrecht haben.
Die neuen Informationstechnologien zwingen zu einer Revision eingespielter Routinen. Dazu gehört, worauf der Verfassungsrichter Dieter Grimm hingewiesen hat, dass Ministerpräsidenten nicht in den Verwaltungsräten sitzen. Angesichts der Medienkonkurrenz ist es darüber hinaus für jeden Printjournalisten unvorstellbar, dass Redakteure oder Moderatoren des öffentlich-rechtlichen Systems vor Gremien zitiert werden, in denen die Politiker, die sie interviewen oder über die sie berichten, über ihr berufliches Schicksal entscheiden.
Ich halte es, obgleich mir die juristische Konstruktion des Verwaltungsrats bewusst ist, für ungut, dass amtierende Ministerpräsidenten die Verträge bestimmter Fernseh-Mitarbeiter zur Absegnung erhalten. Nichts gegen Kontrolle, aber muss diese Kontrolle aus dem Bereich der politischen Exekutive kommen? Sie muss es nicht, sie sollte es nicht. Es ist nicht gut, wenn mächtige Politiker Journalisten, die sich gegen Eingriffe in ihre Sender wehren, mit der unverhüllten Drohung traktieren, „sie hätten sich damit keinen Gefallen getan“. Es geht ausnahmsweise nicht darum, dass irgendjemand irgendeinem einen Gefallen tut, auch nicht bei diesem Preis.
Was Fernsehjournalismus vermag
Es geht, ganz unpathetisch gesprochen, wirklich um die Demarkationslinie zwischen Journalismus und politischer Macht. Es war Otto Graf Lambsdorff, der in einem Leserbrief an die Frankfurter Allgemeine Zeitung auf das schlechthin Widersinnige der sogenannten „Causa Brender“ hingewiesen hat. Es ist an der Zeit, dass die kleineren Parteien, FDP und Grüne, vor dem Bundesverfassungsgericht klären, wie weit der Arm der Parteien in die öffentlich-rechtlichen Systeme reichen darf.
Das ist wichtig auch für die Zeitungen. Denn ob sie Leser finden, hängt auch davon ab, ob das Fernsehen in der Lage ist, neue Generationen politisch zu wecken und zu interessieren. In den nächsten Jahren wird sich entscheiden, ob bei aller Diversifikation der Medien noch verbindliche Orte der Informationsvermittlung existieren, auf die sich die Mehrheit der Gesellschaft einigen kann: Dazu zählen die Nachrichtensendungen der öffentlich-rechtlichen Sender ebenso wie die überregionalen Zeitungen.
Nikolaus Brender hat gezeigt, was Fernsehjournalismus in entscheidenden Augenblicken vermag. Staatsferne ist das Gebot, weil nur durch journalistische Distanz jene Nähe zu unserem Gemeinwesen entstehen kann, die mehr ist als Parteipolitik. Die Gremien haben eine große Chance. Sie mögen akzeptieren, dass es in dieser Debatte keinen doppelten Boden, keine verschwiegenen Absichten, keine Clubsolidarität, keine Gefälligkeiten gibt. Es ist das Gefühl, dass hier eine elementare Grenze überschritten wird. Das Signal, das wir von Seiten der Politik in diesen schweren Zeiten brauchen, ist nicht Abwehr, Verbarrikadierung, Wagenburg. Es ist ein ganz einfaches, ein Satz von Hanns Joachim Friedrichs: „Das Tor in der Mauer steht weit offen.“