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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Köhlers Abschied in der ARD Ja, doch: Er ist gefasst

16.06.2010 ·  Die ARD hat den Großen Zapfenstreich live übertragen. Es war eine würdige Veranstaltung. Wir wissen zwar immer noch nicht, warum Horst Köhler von seinem Amt zurückgetreten ist. Dafür kennen wir jetzt den Text des „St. Louis Blues“. Das ist doch was.

Von Michael Hanfeld
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Wir haben keinen König, wir haben keinen Kaiser, wir haben einen Bundespräsidenten. Und der ist, wie der ARD-Chefredakteur Ulrich Deppendorf sagt, „sehr gefasst“ an diesem Abend in Berlin, beim Großen Zapfenstreich, mit dem die Bundeswehr ihn und er sich von seinem Volk verabschiedet.

350 Soldaten marschieren auf, dazu siebzig Musiker in Uniform. „Aus der Truppe heraus“, sagt der Oberstleutnant Peter Altmannsperger, sei an Horst Köhler der Wunsch herangetragen worden, ihn mit dem Großen Zapfenstreich aus seinem Amt zu verabschieden. Diesem Wunsch habe der Bundespräsident entsprochen. Und so marschieren sie denn, gewandet in die Uniformen der drei Teilstreitkräfte, Fackelträger vorneweg und hintendran. Die Bundeskanzlerin ist da, samt Ehemann. Was man sehr selten sehe, wie Ulrich Deppendorf weiß. Während er das sagt, ist der Altbundespräsident Richard von Weizsäcker im Bild. Dann kommt sein Amtsnachfolger, etwas ungelenk, flankiert vom Verteidigungsminister und dem Präsidenten des Bunderats, der den Präsidenten in den nächsten Wochen vertreten wird. Es kann losgehen.

Kein Bauch, kein Bart, keine Brille

Die drei stellen sich auf, vor ihnen der Kommandeur - nicht Chef, wie der kommentierende Oberstleutnant den ARD-Chefredakteur verbessert - des Wachbataillons. Er macht Meldung. „Das sieht sehr akkurat aus“, sagt Ulrich Deppendorf, dem aufgefallen ist, wie exakt ausgerichtet die Fackelträger ihre Brennstäbe tragen. „Das ist akkurat“, sagt der Oberstleutnant. Er hat recht. Das ist akkurat. Manche der Soldaten sind erst seit dem 1. April dabei, sagt der Oberstleutnant und macht keinen Scherz. „Respekt“, sagt der Hauptstadtjournalist. „Semper talis“ laute der Wahlspruch des Wachbataillons, sagt der Offizier, was bedeute: immer gleich. Und was heißen solle: immer gleich - gut.

Bei den US Marines heißt es, wenn wir es richtig nachgelesen haben, „semper fidelis“ - immer treu. Das wäre am heutigen Abend auch passend. Oder auch wieder nicht. Von wegen Treue und so. Schließlich geht dieser Bundespräsident von heute auf morgen. Aber akkurat sieht das wirklich aus, die Aufführung der Soldaten - ihr Gardemaß liegt zwischen 1,78 und 1,96 Meter, sie sind gemustert worden mit der Tauglichkeitsstufe 1x, was bedeutet: kein Bauch, kein Bart, keine Brille. All das erzählt der Oberstleutnant im Hintergrund, den wir nun nicht mehr sehen, aber hören, genau wie Ulrich Deppendorf. Akkurat sieht das aus. Und würdig. Und trotzdem wie ein Staatsbegräbnis, nicht wie eine Verabschiedung. Aber vielleicht denken wir das auch nur, weil Ulrich Deppendorf gerade wieder gesagt hat, wie „gefasst“ die Stimmung sei.

Wir sind auch gefasst. Wir sind auf alles gefasst. Denn wir wissen immer noch nicht, warum der Bundespräsident jetzt gerade vor dem Schloss Bellevue steht und blinzelt und nicht drinnen sitzt und seinen Amtsgeschäften nachgeht. Ein wunderschönes Bild, sagt Ulrich Deppendorf und meint den nachtblauen Himmel.

Ein Mann geht nach nirgendwo

Die Wunschstücke Horst Köhlers werden gespielt. Es beginnt mit dem Yorkschen Marsch und endet mit dem St. Louis Blues March. Aus dessen Text (siehe Kasten) wird an diesem Abend viel herausgelesen und in ihn hineingedeutet. Im Ersten bleiben sie (entweder Tom Buhrow von den „Tagesthemen“, oder war es doch schon wieder Deppendorf? Sorry!), gleich beim ersten Satz hängen: „I hate to see that evening sun go down.“ Im ZDF-„heute journal“ hebt Claus Kleber auf das Ende der zweiten Strophe ab. Da ist die Rede von jemandem, der seine Sachen packen und abhauen will. Wobei es sich allerdings, wenn wir richtig liegen, um eine Frau handelt, der eine andere („that St. Louis woman with her diamond rings“)den Mann ausgespannt hat. Später geht es um den geliebten Mann, der nirgendwo hinginge, wenn es diese andere Frau nicht gäbe.

Welche andere Frau? Und heißt das, Horst Köhler geht nach nirgendwo? Dorthin, wovon der Schlagersänger Christian Anders 1972 sang („Es geht ein Zug nach …“)? Oder bleibt er und geht nirgends hin? Der Bundespräsident jedenfalls geht auf jeden Fall und ist dann mal weg. Blues hin, St. Louis her. Wohin Köhler wohl nachher geht? „Er muss eine neues Leben für sich finden“, wird Ulrich Deppendorf am Ende der Zeremonie sagen, bei der vom Bundespräsidenten wenig zu sehen ist. Dafür glänzen die Helme, bevor sie abgenommen werden zum Gebet.

Er hat sich verdient gemacht, er war unbequem, er ist erleichtert

Verdient gemacht habe sich Horst Köhler um das Land, Politik und einen Teil der Wirtschaft habe er kritisiert. „Er war unbequem“ und habe sich im politischen Berlin nicht nur Freunde gemacht. Was wohl vorgegangen sei in Horst Köhler an diesem Abend? „Ich glaube, er ist erleichtert“, sagt Ulrich Deppendorf. Und noch einmal: „Wir haben einen sehr gefassten Bundespräsidenten erlebt.“

Das Wachbataillon zieht ab, der Große Zapfenstreich ist vorüber. Auf das Jahr 1596 geht er zurück, seit 1812 ist er mehr oder weniger unverändert. Ein militärisches Zeremoniell, an das man sich gewöhnen kann, besonders martialisch fällt es nicht aus. Wie auch? Schließlich wird die Truppe zur guten Nacht gebeten. Würde der Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg auch sein Amt niederlegen, könnten wir uns bald wieder zum Zapfenstreich treffen. Ob den das Erste dann auch live überträgt?

Horst Köhler ist also gefasst. Und wir sind es auch. Dabei ist er uns noch eine Erklärung schuldig. „Semper paratus“ (immer bereit) oder „Semper aliquid haeret“, wie der Lateiner sagt: Irgendwas bleibt immer hängen. Wir sind, wie gesagt, auf alles gefasst.

St. Louis Blues March

I hate to see that evening sun go down
I hate to see that evening sun go down
`Cause my lovin`baby, done left this town

If I feel tomorrow, like I feel today
If I feel tomorrow, like I feel today
I`m gonna pack my trunk and make my getaway

Oh, that St. Louis woman, with her diamond rings
She pulls my man around by her apron strings
And if it was`nt for powder and her store-bought hair
Oh, that man of mine wouldn`t go nowhere

I got those St. Louis blues, just as blue as I can be
Oh, my man`s got a heart like a rock cast in the sea
Or else he wouldn´t have gone so far from me

I love my man like a schoolboy loves his pie
Like a Kentucky colonel loves his rocker and rye
I`ll love my man until the day I die, Lord, Lord

I got the St. Louis blues, just as blue as I can be, Lord, Lord
That man`s got a heart like a rock cast in the sea
Or else he wouldn`t have gone so far from me

I got those St. Louis blues, I got the blues
I got the blues, I got the blues
My nan`s got a heart like a rock cast in the sea
Or else he wouldn`t have gone so far from me, Lord, Lord

(Der Text und die Komposition stammen von William Christopher Handy.)

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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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