12.07.2011 · In Kürze beginnt seine neue Fernsehshow „Ich liebe Deutschland“. Im F.A.S.-Interview spricht der Entertainer Jürgen von der Lippe über den verunglückten Show-Titel, seine Affinität zu Partyspielen und den Ärger über herausgeschnittene Pointen.
Vermutlich bin ich nicht der Erste, der Ihnen wegen des Titels der Show „Ich liebe Deutschland“ mit Gustav Heinemann kommt, oder?
Wegen seines Satzes „Ich liebe nicht den Staat. Ich liebe meine Frau“? Sie sind der erste Journalist, aber meine Autoren kamen schon drauf.
Was sagen Sie zu Ihrer Verteidigung?
Dass ich das dem Sender auch gesagt habe. Und der Sender aber sagte, der Titel „Ich liebe Frau von der Lippe“ ist ungeeignet.
Wie ist Ihr Verhältnis zu Deutschland?
Mein Verhältnis zu Deutschland ist entspannt, mein Verhältnis zu dem Titel ist nicht ganz so entspannt. Ich habe natürlich auch geschluckt – das ist altersbedingt. Meine Generation ist da natürlich immer noch nicht unverkrampft. Das wird sich auch nicht mehr ändern. Ich reagiere panisch, wann immer ich in den Verdacht geraten könnte, nationalistische Strömungen zu unterstützen.
Das ist aber vermutlich noch nicht so oft vorgekommen.
Nein. Und man muss einfach sagen, dass mittlerweile eine Generation da ist, die diese Vorbehalte und diese Bürde nicht mehr hat. Und 2006, das Sommermärchen, ich muss sagen, das hat auch in mir etwas ausgelöst, das ich nicht für möglich gehalten hätte. Ich war damals in meiner Stamm-Musikkneipe, die hatten Public Viewing gemacht, ein Nachmittagsspiel, ich weiß nicht mehr gegen wen. Wir hatten ein paar Bierchen und gingen dann zu Fuß nach Hause. Die hatten so kleine Fähnchen auf den Tisch gestellt, die hatten wir mitgenommen. Und dann kamen diese beflaggten Autos nach dem gewonnenen Spiel, es hörte nicht auf, und jeder grölte. Und die Leute haben mich auch erkannt, und ich war so froh, dass ich wenigstens mit dem kleinen Fähnchen zurückwinken konnte. Gut, ich hatte einen im Schuh, aber mir hat das wirklich Spaß gemacht.
In der holländischen Version der Sendung sitzt das Publikum in den Farben der Nationalflagge da – das funktioniert in Deutschland eher nicht, oder?
Ich glaube nicht. Als ich die Sendung im Original gesehen habe, wollte ich es erst gar nicht machen. Ich habe gesagt, das ist mir zu sehr auf die Zwölf und zu krawallig. Und die singen so eine Hymne – so was will ich alles nicht. Es hieß dann: Nein, das musst du alles nicht. Das Ganze wird ein bisschen sachlicher sein, wir haben ja Marc Bator und Sonya Kraus, was ich einen sehr reizvollen Gegensatz finde. Mich hat die Vielfalt der Aufgaben gereizt. Das ist kein normales Quiz, es ist Show, es geht zum Teil in den Bereich der Partyspiele – dazu habe ich ja schon immer eine große Affinität gehabt. Es gibt Zungenbrecher, Buchstabieren oder Stille Post. Es wird viel Musik sein, die Studioband spielt Titel an, die zu erraten sind. Ich glaube, das wird richtig viel Spaß machen. Und Deutschland ist nun mal das Thema.
Wie haben Sie sich vorbereitet?
Ich bin ja ein bisschen geistesgestört und habe meine sämtlichen Lexika des nutzlosen Wissens auf Sachen durchsucht, die mit Deutschland zu tun haben. Was hatten zum Beispiel Flipper und Jay Goppingen gemeinsam?
Nie gehört.
Das sind beides Namen für Jürgen Klinsmann. Flipper hieß er bei Bayern, weil er Probleme mit der Ballannahme hatte, weil der Ball immer so unkontrolliert wegsprang, und als Jay Goppingen hatte er sein Comeback als Mittelstürmer in Amerika.
In der Pressebeschreibung steht das schöne Wort „Bildungsparty“.
Das ist, glaube ich, von mir. Ich bin ein Freund von Bildung, einfach in dem Sinne, dass es die Lebensqualität erhöht und nicht der Abgrenzung dient. Es ist eine Einladung an jedermann. Und Party soll dem Begriff Bildung die Strenge und Schärfe nehmen.
An „Geld oder Liebe“ waren fast das Schönste auch Ihre langen Monologe voller spezieller Fakten, gern unterbrochen mit dem Satz „aber das wissen Sie ja alles“.
Ich will ja keine Mythen zerstören, aber diese urlangen Ansagen für die Music-Acts, für die mich jeder Musikschaffende angebetet hat, die mussten eine Umbaupause überbrücken. Wir hatten keine Drehbühne.
Schauen Sie mit Wehmut zurück?
Man neigt zur Wehmut. Weil das einfach schön war, und in der Rückschau verklärt sich alles. Aber ich würde jetzt nicht den Fehler machen zu sagen: Das müsste es wieder geben. Das kommt auch nicht mehr an. So wie Loriot, den ich verehre, aber ich kann das nicht mehr genießen. Das ist mir zu langsam. Das kann man heute so nicht mehr machen. Wir haben uns an ein gewisses Tempo gewöhnt, ich kann deshalb auch keinen „Tatort“ mehr gucken, weil ich so viel amerikanisches Kino gesehen habe.
Sind Sie überhaupt Fernsehgucker?
Ich bin nicht der typische Zuschauer. Ich zappe nicht, ich gucke ins Programm – das machen ja die Menschen sonst offensichtlich nicht. Und dann nehme ich mir das meist auf. Ich gucke sowieso nicht in Echtzeit. Aber klar guckt man zum Beispiel Harald Schmidt, das war sehr sehenswert, die letzte Folge mit Hochhuth.
Wobei Schmidt doch schon lange keine Lust mehr hatte.
Aber das kann ich nachvollziehen – schon dieses Rumgeschubse mit den Sendeplätzen. Das ist eine Art der Missachtung, die sich ein Mann wie Schmidt nicht gefallen lässt.
Sie haben es mit „Was liest Du“ erlebt.
Ja, da hatten wir am Schluss auch nicht mehr den sehr guten Sendeplatz. Ich verstehe nach wie vor nicht die Entscheidung, das abzusetzen.
Es kann nicht am Geld gelegen haben.
Die Sendung kostet einen Bruchteil von allem, was sonst veranstaltet wird. Und dass die Quote schlecht war, lasse ich mir auch nicht einreden. Und ich finde, die Sendung muss man sich leisten. Die Verkäufe waren sagenhaft, nicht bei jedem Buch natürlich, aber viele aus der Literaturbranche sagten, die Sendung hätte ähnlich funktioniert wie Elke Heidenreichs Buchsendung. Im Forum waren immer Einträge von Leuten, die sagen, dass sie sonst nicht lesen, aber begeistert waren über unsere Tipps. Das ist ja eigentlich, warum man so was macht. Jetzt genieße ich, dass ich mich nicht mehr so viel vorbereiten und hundert Bücher anlesen muss, was mir schon manchmal auf den Keks gegangen ist.
Woran liegt es, dass Künstler so oft sagen, dass Ihnen Wertschätzung vom Sender fehlt?
Man darf nicht vergessen: Wenn man sagt „Der WDR“ oder „Sat.1“ stimmt das ja gar nicht. Das sind ja Personen. Wenn der Unterhaltungschef, der etwas installiert hat, weg ist, kommt ein anderer, der damit nicht so viel anfangen kann, dann ist es vorbei. Das empfindet dann natürlich der Protagonist als defizitär. Und ein Neuanfang ist natürlich wie eine frische Liebe. Also, die Jungs bei Sat.1 sind jetzt wirklich sehr, sehr nett zu mir. Ich habe mich nie hofiert gefühlt beim WDR. Und irgendwann ist man auch mal für den Sender gleichgültig. Man kann es mit einer Beziehung vergleichen.
Kriegen Sie viele Anfragen fürs Fernsehen?
Es kommt viel, aber es interessiert mich alles nicht. Und was ich gerne machen möchte, damit laufe ich dann gegen die Wand, weil es in den Nischenbereich geht. Ich habe doch alles schon gemacht. Die Liste dessen, was ich mir noch vorstellen könnte, was mir Spaß machen würde im Fernsehen und gleichzeitig auch ein paar Zuschauer interessiert, die wird kürzer.
Sind Sie denn eigentlich mit sich und der Rezeption im Reinen? Oder leiden Sie wie Gottschalk, dass Sie sich von der Kritik nicht genug gewürdigt fühlen?
Mittlerweile bin ich schon gut bekränzt. Und ich habe eigentlich auch mit der Rezeption kein Problem. Aber ich lasse mir auch nicht jede Kritik geben. Wenn mich jemand von Kaliber anpisst, dann genieße ich das. Ich habe eine Formulierung aus einer Kritik auswendig gelernt, da war ich noch in kleinen Clubs. Und es war ein Rezensent, richtiger alter Feuilletonist, der von der Musik kam, und er schrieb über mich: „Gelegentlich aufgleißende Momente von Esprit benutzte er statt zu satirischen Barrikadenkämpfen zu gigantomanischen Latrinensprengungen.“ Da hab’ ich gesagt: Chapeau.
Er hat auch recht, oder?
Ich glaube, er hat nicht durchgängig recht. Die Formulierung ist großartig, aber sie trifft nur auf Teile zu. Ich weiß nicht, warum ich immer nur auf die Zote festgelegt werde. Ich arbeite selbstverständlich auch mit Zoten. Ich halte sie für ein legitimes Mittel. Und mein Angebot ist die Verbindung von Gelehrsamkeit und Obszönität. Das kann man goutieren oder auch nicht.
Haben Sie denn Freiräume bei Sat.1? Kann in einer solchen Sendung wie „Ich liebe Deutschland“ ein magischer Moment entstehen?
Der magische Moment wird im Zweifelsfall rausgeschnitten. Weil die Zeit es nicht zulässt. Und man kann ja nur am Moderator schneiden, weil die Punkte der Spiele gezählt werden. Das hat mich immer geärgert, egal wo, wenn mir eine Pointe rausgeschnitten wurde.
Warum läuft so was nicht als Live-Sendung? Das wäre doch auch die Chance, die das Fernsehen hat, sich von anderen Medien abzusetzen. Das macht aber nur Raab.
Der Raab ist die letzte Lichtgestalt im Fernsehen. Wenn der mal Schluss macht, dann wird vermutlich diese Art, Fernsehen zu machen, tot sein. Es liegt aber auch daran, dass die Sender ihr Show-Personal aus Leuten generieren, die Magazinsendungen machen. Ich bin ja durch die Comedybühne fürs Fernsehen interessant geworden. Wenn ich suchen würde, würde ich immer dahin gehen.
Aber Sie haben noch Lust auf Fernsehen.
Es reizt mich noch. Ich bin Sportsmann. Dazu ist es eine zu schöne Aufgabe, wenn es denn Spaß verspricht, und das macht es.
Ja, schade...
Josef Tura (skaramoosh)
- 12.07.2011, 22:28 Uhr
Trash-TV
Mercedez Rodriguez (Mercedez_Rodriguez)
- 12.07.2011, 23:31 Uhr
Abgesehen
Peter Meier (pemei)
- 13.07.2011, 01:32 Uhr
gute Nacht Deutschland
H.-Wolfram Lehnert (krokodil1005)
- 13.07.2011, 08:41 Uhr
Daumen hoch !
Michael Germer (MGermer)
- 13.07.2011, 10:04 Uhr