Frau Holofernes, Sie moderieren die Reihe „Summer of Girls“, in der es um Musikerinnen geht, die überwiegend erwachsen sind. Warum nennt Arte sie trotzdem Mädchen?
Das hat mich anfangs auch etwas gestört. Aber dieses „Summer of...“ ist nun mal Teil der Klammer, die es jedes Jahr gibt bei Arte, wie „... the Sixties“. „Girls“ klingt wohl etwas flüssiger als „Summer of Women“, was mir inhaltlich lieber gewesen wäre. Deshalb habe ich, um damit nicht ständig Bauchschmerzen zu haben, in meinen Moderationen, so oft es geht, Girls durch Frauen ersetzt.
Achten Sie da insgesamt auf die Sprache und hängen zum Beispiel „innen“ an?
Ich bin sehr empfindlich, was Sprache angeht, aber weniger im Sinne von Political Correctness als in einem ästhetischen, semantischen Sinne. „Girls“ in Zusammenhang mit Erwachsenen ist eben falsch, so wie es bei „Germany's Next Topmodels“ meist den Tatsachen widerspricht.
Wie reagieren Sie, wenn man Sie als Girl bezeichnet?
Mit lautem Protest! Aber auch, weil „Girl“ so wahnsinnig Nineties ist. Damals glaubten ja selbst Feministinnen, dass es okay sei, Frauen als Girls zu bezeichnen, solange es mit fünf „r“ geschrieben wird oder schlimmer: mit „ies“ am Ende. Girl ist völlig over. Um auch mal ein paar Anglizismen einzustreuen.
Bezeichnen Sie sich als Feministin?
Ich fühle mich einer feministischen Tradition verbunden, nenne mich deshalb aber nicht Feministin. Das klänge, als sei es das Einzige, was mich definiert, wie ein Beruf. Wobei es viele gibt, die das beruflich ausüben, und denen bin ich sehr dankbar.
Sie meinen die zweite Generation, Typ Alice Schwarzer. Gehören Sie mit 34 eher zu den entspannteren Lipstick-Feministinnen?
Ich liege dazwischen. Das Wichtigste ist, dass Frauen nicht denken, Feminismus betreffe sie nicht. Gerade in meinem Metier ist das Geschlecht alles andere als egal, die Oberfläche konstituiert uns darin mehr als alles andere. Das zeigt sich besonders in dem Moment, wo Musikerinnen, die sich bis dato für unfassbar emanzipiert, sogar befreit gehalten haben, zurückfallen in alte Verhaltensmuster. Und das passiert gerne...
Wenn man alt wird?
... genau, vor allem im Pop. Ansonsten: wenn Kinder dazukommen.
Bei Ihnen auch?
Ja, Kinder zu kriegen macht unsichtbare Grenzen sichtbar. Und zeigt, wie unterschiedlich Männer und Frauen ihr Elternsein gespiegelt kriegen. Mein Mann und ich sind in der Erziehung so gleichberechtigt wie überhaupt möglich. Trotzdem fällt auf, dass Pola...
Ihr Mann und Schlagzeuger.
... permanent Schulterklopfen für identische Erziehungsarbeiten erntet, die mir entsprechend von meinem Arbeitskonto abgezogen werden, als würde ich mich davor drücken. Wenn ich ein Interview gebe und nebenan schreit unser Baby an Polas Schulter, werde ich oft gefragt, wie ich mich dabei fühle; eine Frage, die ihm sicher nie gestellt wird. Da schwingt viel Rabenmutterdenken mit, jedenfalls kein Anflug von Anerkennung eines stinknormalen Zustandes zweier moderner Menschen, die sich arbeitsteilig um den Nachwuchs kümmern. Jedes Gespräch mit Fremden über mein Leben beginnt damit, wie besonders es sei.
Ein Grund mehr zu fragen, wie emanzipiert die Popmusik als Ganzes ist.
Künstlerinnen, aber auch Künstler, die vor allem Oberfläche sind, gab es ja immer.
Nehmen wir Lady Gaga, die ausschließlich Oberfläche ist, den Verwertungsmechanismen des Weiblichen in einer Männerwelt wie dem Pop also wieder so Genüge leistet wie zuletzt die hypersexualisierten Sängerinnen der Disco-Ära.
Solange Oberfläche kreativ und selbstbestimmt ist, finde ich das großartig. Aber Frauen lernen eben eher als Männer genau dann ihre Grenzen kennen, wenn sie über die Oberfläche hinauszugehen versuchen. Das würde auch Lady Gaga schnell zu spüren bekommen. Frauen, die, egal in welchem Medium, über Inhalte funk-tionieren wollen und im Zuge darauf scheißen, wie sie aussehen, sind in der Regel zum Scheitern verurteilt. Wenn ich für eine Talkshow stundenlang in der Maske sitze, denke ich mir oft: Das entspricht doch gar nicht meinem Beruf, für den ich ja in die Show eingeladen wurde. Das Verhältnis von Oberfläche zu Inhalt ist bei Frauen im Fernsehen weit mehr verrutscht als bei Männern.
Wo ist der Ausweg?
Ich könnte die Einzige sein, die sich diesem Mechanismus verweigert, aber die Entscheidung, in diesem Kontext natürlich aussehen zu wollen, entspricht der, beschissen auszusehen. Denn unter den Hochglanzfassaden der anderen Gäste entspräche ungeschminkte Normalität in der hochauflösenden Digitalbildsprache von heute totaler Verwilderung.
Sie verweigern sich also nicht?
Im Rahmen des Möglichen doch. Wenn ich für eine Sendung meine Berliner Lieblingsorte zeigen soll, setze ich schon durch, dass ich nicht an jedem davon ein anderes Kleid anhabe und Inhalte im Vordergrund stehen. Dafür musste ich erst einmal lernen, anderen Schwierigkeiten machen zu können.
Was Sie sich über den Erfolg erarbeitet haben?
Auch, aber mehr durch Dienstalter. Und innere Freiheit. Ein Grundproblem echter Gleichbe-rechtigung ist ja der Wunsch, alle glücklich machen, nett sein, gut aussehen zu wollen. Dieses Bedürfnis aufzugeben ist gerade für Frauen ein immens großer Schritt.
Kennen Sie den Begriff des Femizissmus?
Nee.
Die britische Journalistin Charlotte Raven beschreibt damit, dass Frauen sich ausziehen und hübsch machen wie immer, das aber als toughen Weg zum Erfolg deklarieren.
Und der Prüfstein dafür ist das Altern. Selbst Madonna, die ihre ganze Existenz auf optischen Kriterien aufgebaut hat, muss ihre Jugend zwingend konservieren, sonst funktioniert sie nicht. Ich kann ja nachvollziehen, dass Frauen aus Sexualität Macht gewinnen wollen, das machen Männer ja auf ihre Weise auch, aber es ist ein zeitlich begrenztes Machtinstrument.
Hätten Wir sind Helden den gleichen Erfolg, wenn die schöne Sängerin mit dem blonden Haar nicht an der Bühnenkante stehen, sondern hinterm Schlagzeug sitzen würde?
Lieb von Ihnen, danke. Aber es gibt auch sehr erfolgreiche Männerbands, die ihren Erfolg aus Oberfläche beziehen. Kapitalistischer Pop funktioniert mit attraktiven Merkmalen nun mal besser. Es gibt zwar Ausnahmen wie Beth Ditto, aber so ein dickes Feigenblatt hat sich Pop schon immer gehalten. Das ist ein Ablenkungsmanöver, so toll ich Beth finde. Ein Problem hat Pop mit Frauen, die ganz normal aussehen. Dasselbe gilt für die Modeindustrie.
Sind Sie normal?
In gewisser Weise, aber man betrachtet mich nicht so. Vier Wochen nach der Geburt meines Sohnes war ich mal auf der Aftershowparty vom „Echo“, also zu einem Zeitpunkt, wo Heidi Klum längst wieder Unterwäsche präsentiert. Ich dagegen hatte so ein Sackkleid an, in dem man schlicht gar nichts von mir sehen konnte - auch nicht die 15 Kilo Mehrgewicht. Da fragte mich ein Journalist allen Ernstes, wie ich es geschafft hätte, schon wieder so schlank zu sein. Ich hab gesagt: Komm mit aufs Klo, ich zeig' dir meinen Kängurubauch - und dass er genau von dem bitte schreiben soll. Ich möchte auf keinen Fall an diesem Mythos beteiligt sein, Frauen müssten nach der Geburt aussehen, als hätte ihr Kind im Blumentopf gekeimt oder es wäre ihnen aus der Nase gezogen worden.
Und, hat er's geschrieben?
Nein! Ich hab's gegoogelt. Das zeigt, wie groß der Wille zum Klischee ist, zum übermenschlichen Ideal. Ich definiere mich mehrheitlich über das, was ich tue, nicht über das, was ich darstelle; aber zu erleben, wie schlecht ich mich dann doch fühle, wenn ich zwischendurch aussehe, als hätte ich zwei Kinder gekriegt, das hat mich wirklich erschreckt. Kein Wunder, dass es inzwischen so was wie postnatale Anorexie gibt.
Warum hat Arte Sie denn zur Moderatorin vom „Summer of Girls“ gemacht? Wegen Ihrer Kompetenz oder doch eher wegen der Optik?
Ich hoffe, weil sie fanden, dass ich für ein etwas interessanteres Frauenbild stehe als viele, die sonst so moderieren. Weil Arte ein so toller Sender ist, habe ich mich umso mehr gefragt, ob die eigentlich wussten, wen sie sich da eingeladen haben, oder ob da nur jemand dachte: die ist doch so jung und... peppig.
Ist Arte Ihre neue Liebe?
Eine alte. Mein Mann und ich haben uns nach langer Zeit wieder einen Fernseher gekauft, um Arte sehen zu können. Themenabende hab' ich schon als Teenager gesehen, und Hintergründe der Musik erfährt man längst nur noch da. Etwa, wer hinter den unbekannten Frauen berühmter Songs steht - wer ist eigentlich Angie? Suzanne?
Entwickelt sich da auch eine neue Liebe zum Fernsehen?
Es hat mich eher darin bestätigt, kein Fernsehen machen zu wollen. Wenn ich was anderes machen wollen würde als diesen schwerfälligen Musikzirkus, in dem jeder Schritt immens viel Anschubenergie braucht, werde ich mir gewiss nicht das Fernsehen aussuchen, das noch viel schwerfälliger ist, wo noch mehr Oberfläche regiert. Da wird schon eine neue Klappe nötig, wenn bloß ein Haar absteht. So toll ich gutes Fernsehen finde - für mich taugt höchstens ein Internetformat ohne viel Aufwand, eher was Anarchisches, Rohes also.
Zur Vermittlung von Botschaften taugt das Fernsehen mit seiner Reichweite besser...
Man kann es sich durchaus zunutze machen, aber da reicht es mir, ab und zu in interessante Talkshows eingeladen zu werden, zu „3 nach 9“ oder „Zimmer frei“, was man ja leider nur einmal machen darf - wie viele schöne Sachen. Wenn man irgendwann mit allen guten Sendungen durch ist, bleiben irgendwann nur noch bescheuerte Mainstreamformate übrig.
Apropos bescheuerte Mainstreamformate: Werden Sie sich je in der „Bild“ äußern, oder ist diese Tür auf ewig geschlossen?
Nie, Ehrenwort! Das Medium ist die Botschaft, und in bestimmten Kontexten kann man auch den sinnvollsten Inhalt nie sinnvoll kommunizieren.
Doppelmoral?
Steffen Baum (steffenRT)
- 04.07.2011, 13:14 Uhr
Das zeigt, wie groß der Wille zum Klischee ist...
Hans Glück (hansglueck)
- 04.07.2011, 14:47 Uhr
Macht durch Sexualität und Blablabla
Rolf Helbig (rodot)
- 04.07.2011, 17:13 Uhr
Weiter so, Judith!
Albert Weinstein (aweinstein)
- 04.07.2011, 18:37 Uhr