01.11.2009 · Johannes B. Kerner bekommt eine neue Show bei Sat.1. Doch er bleibt der Alte. Vom ZDF ist er ohne Groll geschieden. Im Interview spricht er über sein neues Format und darüber, wie Guido Bolten ihn mit Ausschnitten aus alten „ran“-Sendungen herumkriegte.
Von Michael HanfeldJohannes B. Kerner bekommt eine neue Show bei Sat.1. Doch er bleibt der Alte. Vom ZDF ist er ohne Groll geschieden. Im Interview spricht er über sein neues Format und darüber, wie Guido Bolten ihn mit Ausschnitten aus alten „ran“-Sendungen herumkriegte.
Hatten Sie eigentlich jemals Flucht- oder Ausstiegsgedanken?
Fluchtgedanken nicht, Ausstiegsgedanken ja. Zur Flucht habe ich keinen Anlass, ich muss vor niemandem wegrennen. Ausstiegsgedanken hatte ich, zuletzt Anfang des Jahres.
Das kann man sich kaum vorstellen, an Ihnen führt im deutschen Fernsehen kein Weg vorbei. Ein Leben neben dem Fernsehen für Kerner – undenkbar.
Ich nenne es das Leben nach dem Abspann. Das gibt es bei mir jeden Tag. Aber als die Gespräche mit dem ZDF in die Sackgasse führten, gab es für mich – mit der Familie besprochen – eine klare Option aufzuhören.
Auseinander ging es, weil Ihnen das ZDF weniger Sendungen angeboten hat, als Sie wünschten. Das ist das Gegenteil von Aussteigenwollen.
Ich hatte hundertfünf Sendungen pro Jahr, der ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut hat mir erst siebzig angeboten, später noch mal leicht nachgelegt. Das hätte zur Folge gehabt, dass ich mich von einem Teil meiner Kollegen hätte trennen müssen. Das war für mich keine Option. Ich habe das auch nicht verstanden: Wir waren immer erfolgreicher, das letzte Jahr war im Markt das beste. Ich habe mir gedacht: Die lassen sich von Gründen und Hintergründen treiben, die sie mir nicht nennen. Dann kam die Option von Sat.1, und die habe ich gezogen.
Stimmt es, dass der Sat.1-Geschäftsführer Guido Bolten Sie, nachdem Sie die 0:4-Niederlage der Bayern in Barcelona im Stadion verfolgt hatten, in einem Hotelfoyer mit alten Ausschnitten aus „ran“-Sendungen herumkriegte?
Nicht im Foyer. Zimmer 812.
Da wurden Sie sentimental.
Was heißt sentimental? Guido Bolten hat das nicht schlecht gemacht. Ich bin in Barcelona im Hotel erschienen, und es war ganz unglaublich – ein Hotel, von dessen Halle aus sie jede einzelne Zimmertür sehen können. Und dann war es auch noch das Mannschaftshotel der Bayern. Ich sah Luca Toni auf dem Flur stehen, ein paar Meter weiter Franck Ribéry – also der denkbar schlechteste Ort, um sich zu einem vertraulichen Gespräch zu treffen. Guido Bolten hat aber tatsächlich alte „ran“-Bilder gezeigt und gefragt: Wäre das was?
Mit alten „ran“-Clips hat er Sie nach zwölf ZDF-Jahren überzeugt?
Das war der Einstieg, er hat mir erläutert, was er mit dem Sender vorhat und welche Rolle ich spielen könnte. Das war ein substantieller Vortrag, Andreas Bartl, der Holdingchef der deutschen Sender von Pro Sieben Sat.1, war auch dabei.
Stichwort „ran“: Wieso bekommen alle, die dabei waren, einen verklärten Blick, wenn sie darauf angesprochen werden?
Es ist eine gute Erinnerung. Und bedenken Sie, wer alles dabei war: Reinhold Beckmann, Jörg Wontorra, Monica Lierhaus, Steffen Simon, kurze Zeit Jörg Pilawa. Als ich zu „ran“ kam, war ich siebenundzwanzig Jahre alt, es war die erste Station, die mir einen großen Bekanntheitsgrad brachte. Die „ran“-Redaktion war eine verschworene Gemeinschaft. Wir haben Redaktionssitzungen gehalten, die jeden Rahmen gesprengt haben. Wir waren besessen von der Idee, etwas anders und besser zu machen. Die Marke „ran“ und die Art und Weise, in der dort über Fußball berichtet wurde, ist der Maßstab bis heute. Das ist sicher Reinhold Beckmanns große Lebensleistung im Fernsehen: die Erfindung von „ran“.
Zum ZDF: Wer glich sich wem an? Der Sender Ihnen oder umgekehrt?
Ich bin sicher, dass ich mich dem ZDF angeglichen habe. Ich habe mich eingeordnet, vielleicht an einer Stelle, die es vorher nicht gab. Aber ich habe mich eingeordnet.
Nicht im Ernst. Nach zwölf Jahren sprechen alle von der „Kernerisierung“ des ZDF.
Doch, das war und ist ja nicht „mein“ Sender. Ich habe versucht, dort mein Wesen und Unwesen zu treiben, und das hat oftmals ganz gut geklappt.
Als das ZDF Markus Lanz holte, dürfte Ihnen etwas geschwant haben.
Markus Lanz habe ich dem ZDF übrigens lange zuvor schon vorgeschlagen.
Und seine Sendung produziert. Das hätten Sie vielleicht besser nicht getan.
Das habe ich nie bereut, ich habe zu Markus Lanz ein einwandfreies Verhältnis. Mit der Trennung vom ZDF hat er nichts zu tun.
Sie begegnen Ihren Gästen mit erschlagender Freundlichkeit. Kann es sein, dass Sie keine Konflikte wollen? Bei Kerner sind alle mit sich und der Welt im Reinen.
Wenn der Gedanke sein sollte: Der traut sich nicht, der kann den Konflikt nicht aushalten – das stimmt nicht. Ich kann Konflikte ganz gut aushalten. Mir ist es lieber, wenn es auf eine bestimmte Art harmonisch zugeht, aber ich kann mich auch streiten. Und ich habe mich auch im Fernsehen gestritten, allerdings nicht so oft, das stimmt. Vielleicht weiß ich mich ja einfach zu benehmen. Wobei man auch fragen muss: Was ist das Ergebnis, wo kommt mehr heraus?
Beim Thema Konflikt fällt mir Eva Herman ein. Warum haben Sie die aus Ihrer Sendung verwiesen?
Das war eine Notlösung. Vermutlich nicht die beste Idee, aber in dem Moment eine Notlösung – weil sonst die anderen gegangen wären. Senta Berger war schon halb im Aufstehen. Vielleicht habe ich falsch reagiert, besonders höflich war es nicht Eva Herman gegenüber – es war Nothilfe. Wir hatten vorher schon aneinander vorbeigeredet.
Wie wichtig ist die Anbindung an die Boulevardpresse, etwa an „Bild“?
Diese Anbindung gibt es nicht.
Wenn ich an die tränenüberströmte Verona Feldbusch denke, die über Dieter Bohlen spricht, fällt mir anderes ein.
Wir decken ein breites Themenspektrum ab, an welcher Stelle das in welcher Zeitung auftaucht, ist für mich nicht entscheidend. Es gibt ein professionelles Miteinander, sonst nichts.
Ihre Sat.1-Show soll sich von dem unterscheiden, was Sie bislang aufboten. Ich kann mir kaum vorstellen, dass Kerner anderes macht als – „Kerner“.
Lassen Sie sich überraschen. Wir gestalten eine sehr serviceorientierte Sendung, die Zuschauer sollen daraus mit mehr Information herausgehen. Die Sendung wird weniger von prominenten Gästen leben, mehr von den Themen und den passenden Protagonisten. Wir bewegen uns in einem Fahrwasser, das wir kennen. Sat.1 hat uns nicht gebeten, Dokumentationen über die Raumfahrt zu machen, sondern das, was wir können. Das wollen wir modernisieren, zeitgemäß, prägnant, schneller, filmischer, mit ausführlichen Reportagen. Die Affären um Entlassungen wegen einer gestohlenen Frikadelle, Maultasche, Pfandbons oder Ähnlichem ist am Montag eine Geschichte für uns. Dazu wollen wir mit echtem Nutzwert berichten, bis zu Fragen, ob man von seinem Computer im Büro aus bei Ebay mitsteigern darf und Ähnlichem.
Klingt wie: Kerner macht „Stern TV“.
Sie sind aber ein Fuchs. „Stern TV“ ist eine Sendung, die vom beliebtesten Deutschen moderiert wird, den die Menschen sofort zum Bundespräsidenten wählen würden. Seit zwanzig Jahren ist diese Marke eingeführt – diese großen Schuhe möchte ich nicht vor die Tür gestellt bekommen.
Sie sind auch eine Marke. Und die wandert jetzt vom ZDF zu Sat.1.
Das soll man nicht überschätzen. Ich weiß gar nicht, ob alle Sat.1-Zuschauer mit mir etwas verbinden oder ob meine Zuschauer beim ZDF alle automatisch zu Sat.1 wechseln. Wir müssen uns das Publikum erarbeiten, am besten durch gute Sendungen. Das vereinfacht die Sache ungemein. Gute Sendungen sind langfristig noch nie gefloppt. Sat.1 stellt sich ein eher weibliches Publikum im Alter zwischen dreißig und neunundfünfzig Jahren vor, das ist eine neue Zielgruppe, die sehr interessant ist. Aber ich denke nicht in Marktforschungsrastern. Ich denke nicht darüber nach, ob ich etwas mehr Orange in die Deko nehmen muss, damit die Sendung eine weiblichere Komponente bekommt. Bei solchen Überlegungen kriege ich Fußpilz.
Das ZDF bot Ihnen weniger Sendungen als bislang, bei Sat.1 haben Sie eine pro Woche, den Fußball und den Fußball im Internet – reicht das?
Ja, danke der Nachfrage – das reicht. „Liga Total“ ist ein schönes und überschaubares Engagement, das sind fünfzehn Einsätze pro Jahr. Die Champions League bei Sat.1 sind zwölf bis siebzehn Einsätze.
Sie vermissen nichts? Nationalmannschaft, Olympische Spiele?
Ganz ehrlich: Ich war mit meinen Kindern in Moskau beim Spiel der Nationalmannschaft. Da saßen wir auf der Tribüne, die derjenigen mit den Reporterkabinen gegenüberliegt, und das war – seltsam. Länderspiele von der Tribüne aus kenne ich fast gar nicht mehr. Spiele der Nationalmannschaft waren für mich immer Feiertag, und zwar – im Studio. Die Olympischen Spiele ebenfalls.
Was treibt Sie an, wenn Sie vor die Kamera gehen? Sind Sie das, was man im Schauspiel eine Rampensau nennt?
Eine Rampensau bin ich nicht. Ich posiere nicht und stelle nicht dar, erzähle keine Witze, ich mache meinen Job. Ich bin auch kein „Star“, ich arbeite gerne im Team, ich mag Kollegialität und dass die höchste Belastung am Ende des Arbeitstages steht – in der Sendung am späten Abend oder in der Nacht und sich dann alles auflöst. Ein bisschen „Sudden Death“. Aber im Sport geht es wie auch im Fernsehen nicht um Leben und Tod. Man überlebt und tritt wieder an.