13.02.2009 · Muss das Kino wegen des koproduzierenden Fernsehens in Deutschland zu viele Kompromisse machen? Ein Gespräch mit Bettina Reitz, Filmchefin des BR und Degeto-Chef Jörn Klamroth, die auch verraten, warum Christine Neubauer in jedem zweiten ARD-Film mitspielt.
Wenn es um Filme in der ARD und um Fernsehen und Kino geht, ist man bei der Filmchefin des Bayerischen Rundfunks, Bettina Reitz, und dem Chef der Produktionsfirma Degeto, Jörn Klamroth, richtig. Klamroth hat das Budget (250 Millionen Euro im Jahr), Bettina Reitz die Expertise. Wir wollen von ihnen wissen, ob das Kino vom Fernsehen wirklich profitiert und warum die ARD so sehr auf Christine Neubauer setzt.
Bei der Berlinale spielt das deutsche Kino eine große Rolle. In den vergangenen Jahren ging es auf und ab. Ein Kritikpunkt lautet, der deutsche Kinofilm werde durch die Koproduktionsgelder des Fernsehens auf immer und ewig zu künstlerischen Kompromissen genötigt.
Bettina Reitz: Der Vorwurf läuft ins Leere. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass eine Stärkung des künstlerischen Werks eher von uns ausgeht als vom Kinomarkt selbst. Wir bereiten etwa gerade einen Film vor, bei dem der Verleih auf eine zeitliche Begrenzung von unter zwei Stunden drängt, während wir sagen, die Länge ist egal. Bei „Das Leben der Anderen“ mit zweieinhalb Stunden Länge hat das ja auch wunderbar funktioniert.
Jörn Klamroth: Wir wollen uns nicht exkulpieren. Die Kritik markiert eine Haltung, die wir kennen - diese Aversion gegen das Fernsehen, der kleine Schirm, das Prinzip Schnitt/Gegenschnitt. Das hängte sich zuletzt auf an der Diskussion, die Marcel Reich-Ranicki und ihr Kollege Peter Körte (Wer rettet den deutschen Film vorm deutschen Fernsehen?) angeregt haben. Doch ist es falsch, wie bei Reich-Ranicki von einer Veranstaltung wie dem Deutschen Fernsehpreis auf das gesamte Programm der Sender zu schließen. Wer die Qualität unserer Programme an sich in Frage stellt, verschließt sich den Tatsachen.
Reitz: Ich würde weiter gehen und behaupten, dass es gerade in den Sendern viele Menschen gibt, die sich für das Kino stark engagieren. Der Bayerische Rundfunk hat durch zahlreiche Preise besondere Aufmerksamkeit bekommen - aber viele unserer Produktionen wären unter anderem ohne die Zusammenarbeit mit der Degeto, in großer künstlerischer Selbstverständlichkeit, gar nicht möglich. Solange es uns gibt, wird das Kino gefördert. Solange das Kino uns braucht und solange es der Kinomarkt selbst noch nicht schafft, ohne Senderbeteiligung zu produzieren, wird es so weitergehen.
Also doch: das Kino am Fernsehtropf.
Klamroth: Wenn man die Entwicklung nur einmal zehn Jahre zurückverfolgt, wird man sehen, dass der deutsche Film am Kinomarkt seine jetzige Bedeutung nur erlangt hat, weil das Fernsehen mitzieht und wir mit Kontinuität gemeinsame Interessen verfolgen.
Reitz: Wir finanzieren bei Kinoproduktionen zwischen 20 und 30 Prozent der Herstellungskosten. Das ist so die Größenordnung. „Hanami“, „Nordwand“, „Im Winter ein Jahr“, auch der neue Film von Michael Haneke - das sind alles Produktionen von BR und Degeto. Oder denken Sie an das Engagement der ARD für den Film „Der Baader-Meinhof-Komplex“. Ohne Unterstützung der Fernsehpartner, federführend des NDR, aber auch des BR, WDR und der Degeto, wäre der Film nicht zu stemmen gewesen. Das nötige Budget stellen Sie in Deutschland ohne ARD oder ZDF schwerlich auf die Beine. Und die Zusammenarbeit funktioniert, auf allen Ebenen. Das ist manchmal nur ein Anruf in Frankfurt bei der Degeto.
Und der reiche Onkel aus Amerika zückt den Scheck. Wie ist das Procedere, wenn einer einen Film machen will?
Klamroth: Wir sind natürlich nicht einfach der reiche Onkel aus Amerika. Wir haben einen relativ großen Etat, mit dem aber viel geleistet werden muss, unerschöpflich ist er nicht. Wir setzen Prioritäten. Die inhaltliche Bewertung leisten die Landesrundfunkanstalten. Ich muss nur den Etat verantworten. Wir haben 250 Millionen Euro im Jahr, aber dafür ist sehr viel abzuliefern. Viele Filme am Donnerstag, Freitag, Eventproduktionen.
Was kostet ein Degeto-Fernsehfilm?
Klamroth: 1,5 Millionen. Relativ viel ist für uns schon 1,6 Millionen, 1,7 Millionen Euro. Das klingt teuer, aber diese Filme sind Buyout-Produktionen und haben ein enormes Verwertungspotential innerhalb der ARD. Das rechnet sich. Wir haben mal ausgerechnet, dass eine Degeto-Minute auf alle Programme bezogen die Rundfunkanstalten 300 Euro kostet. Das sind also vertretbare Investitionen.
Reitz: Nur zum Vergleich: Ein „Tatort“ kostet heute in der ARD zwischen 1,3 und 1,6 Millionen Euro brutto.
Auf welche Koproduktionen ist denn die Degeto stolz?
Klamroth: Ich bin stolz auf den Film „Henri IV“. Ein herausragendes Produkt, das auf High Definition gedreht wurde, produziert von WDR, BR und SWR. Da ist das Geld mehr als gut angelegt. Die „Buddenbrooks“ finde ich nicht so schnarchig, wie oft gesagt wird. Das ist eine tolle Produktion, die das Geld genauso verdient hat wie „Die Päpstin“ oder „Der Baader-Meinhof-Komplex“. Dieser Film wäre nicht zustande gekommen, wenn wir uns nicht von Anfang an engagiert hätten. Da hängen bestimmt zwei Millionen Euro von uns drin.
Reitz: Von BR-Seite noch einmal eine Million Euro. Der aktuelle Film von Caroline Link ist auch eine gemeinsame Anstrengung. „Im Winter ein Jahr“ oder „Wüstenblume“ von Sherry Horman sind für uns wichtige Projekte.
Was sagt Ihnen der Begriff „Degetoisierung“?
Klamroth: Das ist ein Kampfbegriff. Wir wissen zwar, dass es uns nicht gelingen wird, andere davon zu überzeugen, es differenzierter zu bewerten. Aber ich habe überhaupt keinen Anlass, die Zuschauer, die unsere Gebührenzahler sind, in den Regen zu stellen und zu sagen, ihr müsst jetzt andere Sachen gucken, die ihr vielleicht gar nicht wollt. Wir engagieren uns in so einem ausdifferenzierten Maß für verschiedene Projekte, dass wir kein schlechtes Gewissen haben müssen. Was wir in der Degeto machen, sind Unterhaltungsfilme, die um keinen Deut schlechter sind als „Grün ist die Heide“ oder anderes, was die Zuschauer früher, in der Vorfernsehzeit, im Kino gesehen haben.
Reitz: Der Begriff hat sich durchgesetzt. Aber die meisten, die ihn benutzen, werden nicht jeden Film am Freitagabend kennen. Die Qualität der Filme ist manchmal überraschend gut, besser, als die Titel erwarten lassen.
Ist Ihnen aufgefallen, dass in jedem zweiten Film Christine Neubauer spielt?
Klamroth: Das ist maßlos übertrieben. Es ist vollkommen legitim, dass wir Publikumslieblinge kreieren, weil das einen großen Teil unserer Attraktivität ausmacht und sich von den Mittwochsfilmen der ARD abhebt. So wie bei anderen Gottschalk oder Jauch bis zu viermal die Woche läuft, können die Leute bei uns im Ersten Christine Neubauer sehen. Ich finde das in Ordnung. Die Vertrautheit ist eine wichtige Komponente im Programm. Ich finde das naheliegend.
Reitz: Ich hätte ein Problem damit, wenn durch die Filme am Freitag unsere Mittwochsfilme leiden würden, indem das Erste die Freitagstonalität auch für den Mittwoch einfordert. Aber das ist nicht der Fall. Wir haben da schon seit ein paar Jahren einen ganz starken Lauf. Lauter gute Filme, auf die wir stolz sind.
Sie haben einen Film mit dem als schwierig geltenden Michael Haneke vor.
Klamroth: Michael Haneke ist ein großer Künstler, einer der wenigen deutschsprachigen Regisseure, die eine originäre Handschrift pflegen und über internationales Renommee verfügen. Nennen Sie mir Künstler, die nicht schwierig sind. Ich finde das wunderbar. Mir kann es nicht wahnsinnig genug zugehen. Wenn wir so etwas ermöglichen können, dann haben wir einen Superjob gemacht. Dann haben wir die Gelder, die uns anvertraut wurden, richtig ausgegeben.
Bleibt nur die Frage, ob oder wann die ARD so etwas ausstrahlt.
Reitz: Zu Recht wurde uns vorgeworfen, dass wir uns mit der Plazierung nichts mehr trauen. Dass die ARD „Sommer vorm Balkon“ und „Das Leben der Anderen“ um 20.15 Uhr gezeigt hat, sind Schritte in die richtige Richtung. Wenn wir den deutschen Film fördern, können wir ihn nicht auf einem schlechten Sendeplatz bringen. Aber in der ARD ist das nicht einfach. Denken Sie nur an die Diskussion um den Platz der „Tagesthemen“, wenn Filme Überlänge haben.
Also lieber Christine Neubauer oder Christiane Hörbiger.
Reitz: „Der Besuch der alten Dame“ hat zu Christiane Hörbigers siebzigstem Geburtstag wunderbar funktioniert. Wir versuchen gemeinsam, einen großen Film mit Rosemarie Fendel zu stemmen. Darin drückt sich die Anerkennung für eine Lebensleistung aus.
Klamroth: Damit die Wahrnehmung nicht so eindimensional wird: Wenn es die Degeto nicht gäbe, gäbe es auch eine außergewöhnliche Krimiserie wie demnächst „Im Angesicht des Verbrechens“ von Dominik Graf nicht. Die hängt neben den Sendern der ARD von unserem Engagement ab. Es ist großartig, dass wir eine solche Serie, die für die ARD sicherlich extrem ist, am späteren Freitag ausstrahlen. Das entsteht mit höchster, auch finanzieller Anstrengung. Das muss man auch mal erwähnen.