02.10.2009 · Oliver Pocher muss sich nicht überwinden, um so zu sein, wie er auf der Bühne ist. Und doch kann er ganz anders. An ihm scheiden sich die Geister, von denen sein einstiger Komoderator verlassen scheint. Pocher über seine neue Talkshow bei Sat.1 und die Zeit mit Harald Schmidt.
Oliver Pocher muss sich nicht überwinden, um so zu sein, wie er auf der Bühne ist. Und doch kann er ganz anders. An ihm scheiden sich die Geister, von denen sein einstiger Komoderator verlassen scheint.
Ich habe Sie bei Reinhold Beckmanns Benefizturnier „Tag der Helden“ im Tor gesehen. Da machten Sie eine ganz gute Figur. Sie haben zwei oder drei Chancen in Olli-Kahn-Manier entschärft. Sie könnten noch umschulen.
Einen scharfen Ball habe ich auf jeden Fall gehalten. Wir haben ja eine Torwart-Diskussion in der deutschen Nationalmannschaft, die habe ich mit diesem Spiel, glaube ich, weiter angefacht.
Sie hatten - buchstäblich - die Abwehr im Griff, die nicht sehr sattelfest war.
Das ist richtig. Das war auch nötig, das letzte Tor muss ich mir aber mit ankreiden lassen.
In Ihrer neuen Show sind Sie Libero, allein auf weiter Flur. Oder setzen Sie auch da auf eine Mannschaft?
Ich habe eine schlagkräftige Truppe, allerdings nicht vor, sondern hinter der Kamera. Ich sehe mich weiterhin im Sturm.
Welches Spielsystem dürfen wir erwarten? In den Werbetrailern freuen Sie sich auf Ihre „Late-Night-Show“ wie auf ein Neugeborenes. Nun ist Late Night aber ganz und gar nichts Neues.
Wir werden das Fernseh-Rad auch nicht neu erfinden. Aber wir wissen, wie eine „Late Night“ funktioniert. Sie funktioniert über die Persönlichkeit des Gastgebers. Der muss das Publikum interessieren und das, was er mit seinen Gästen im Gespräch herausholt. Das sollte unterhaltsam sein. Ich glaube, dass ich genug Persönlichkeit mitbringe, damit das klappt.
Welchen Oliver Pocher sehen wir denn? Den Pocher aus seinem Comedy-Programm „Gefährliches Halbwissen“ oder den, der bei Harald Schmidt als Komoderator saß?
Ich denke, hinten raus zur Sendung war eher Harald Schmidt der Komoderator der Sendung. Jetzt geht es weiter, ich stehe wieder alleine da und werde alles, was über die Woche gesehen erwähnenswert erscheint, verarbeiten. Ich werde weiter meine Einspieler drehen. Das Wichtigste ist nach wie vor: die Leute zu unterhalten. Das ist meine Aufgabe.
Was nehmen Sie zur Unterhaltung her? Promi Klatsch und Tratsch oder vielleicht auch mal die Politik?
In der Woche nach der Bundestagswahl wird diese schon eine Rolle spielen. Sie gibt allerdings aus Comedian- oder Kabarettistensicht so viel nicht her: Es gibt keinen Gerhard Schröder, der in der „Berliner Runde“ meinte, dass er gewonnen hätte, die SPD räumt ihre Niederlage ein, alle anderen sagen, sie haben gewonnen, und das haben sie ja auch. So unspektakulär, wie der Wahlkampf war, ist auch die Wahl verlaufen. Die Politik ist aber generell nicht mein Haupteinsatzgebiet. Ich bin Unterhalter. Und ich denke, das Privatfernsehen und Sat.1 haben gesehen, dass die Politik nach 22.15 Uhr bei ihrem Publikum nicht ankommt.
Dass Sie bei Sat.1 gelandet sind, war ziemlich überraschend. Was gab dafür den Ausschlag?
Es lag am Komplettpaket. Sat.1 gab mir die Möglichkeit, eine große Anzahl an Sendungen zu gestalten, nach meinen Vorstellungen auf einem interessanten Sendeplatz. Bei Sat.1 sind die Erwartungen hoch. Ich sehe den Sender als Schalke 04 der Fernsehbranche - man möchte gerne Meister werden. Das Potential ist da, es muss aber zusammengeführt werden. Die Aufgabe stelle ich mir einfach mal.
Wie oft laufen Sie mit Ihrer Show auf?
Es sind 36 Shows geplant, zwölf davon in diesem Jahr. Dann gibt es ein „Best of“ der „Oliver Pocher Show“, und im nächsten Jahr geht es weiter, mit einer Unterbrechung zu Ostern bis zum Tag vor dem Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft.
Ursprünglich waren Sie bei Sat.1 mit einer anderen Idee vorstellig geworden. Das war die Fußball-Casting-Show in diesem Sommer.
Genau. Die Kollegen von McFit hatten mir erzählt, dass sie das Spiel gegen den FC Bayern für eine Million Euro ersteigert haben. Sie fragten mich, ob ich mir vorstellen könnte, dabei mitzuwirken. Ich dachte mir, daraus müsste man mehr machen als ein Spiel - das ist ein Fernsehformat. Wir haben uns ein Wochenende lang hingesetzt und eine Präsentation entworfen. Das war die Idee für Pro Sieben Sat.1. Dem Chef der deutschen Sendergruppe, Andreas Bartl, habe ich den Vorschlag unterbreitet, mit mir als Produzent. Eine Woche später kam der Anruf, es folgte ein Treffen mit dem Sat.1-Geschäftsführer Guido Bolten. Dabei habe ich gemerkt, dass sie das Format auch interessierte, sie aber viel mehr wissen wollten, wie es bei mir generell läuft. Andreas Bartl konnte mir alles anbieten, was ich mir vorgestellt hatte. Dann habe ich gesagt: Kinners, kommt in die Puschen, sonst macht es jemand anders. Dann ging es sehr zügig.
Und dann hat sich der ARD-Programmdirektor Volker Herres als schlechter Verlierer gezeigt.
Das ist etwas unglücklich gelaufen. Ich habe fairerweise meinen anderen Verhandlungspartnern abgesagt, wir hatten noch Gespräche mit RTL und der ARD. Ich war ja in einem vertragslosen Zustand, habe mit allen gesprochen und den anderen Sendern abgesagt, bevor es an die Presse ging. Gerade bei der ARD hatte ich sehr gute Verhandlungspartner, die von meinem Schritt nicht aus der Zeitung erfahren sollten. Volker Herres hat aber die Gelegenheit genutzt, um als Erster zu sagen: Pocher geht zu Sat.1. Das war etwas - unschön.
Kann es sein, dass der Privatmann, Produzent und Verhandler Pocher das Gegenteil des Oliver Pocher ist, der auf der Bühne steht? Höflich, korrekt, tugendhaft?
Das schreibe ich jetzt mit. Ich weiß es nicht, aber es gibt natürlich Unterschiede. Ich habe eine kaufmännische Ausbildung genossen und bin hinter den Kulissen ein fairer Partner. Ich spiele mit offenen Karten. Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, dass ich mit mehreren Sendern spreche. Ich bin jetzt bei Pro Sieben Sat.1, möchte aber auch nicht meinen, dass die Tür zur ARD auf ewig geschlossen ist. Wer weiß schon, was in drei Jahren ist?
Bei der ARD müssen Sie allerdings stets haufenweise Gremienleute überzeugen.
Nicht unbedingt, man muss bei der ARD die richtigen zwei, drei Menschen hinter sich haben. Wenn es anders läuft, dann bekommt man allerdings selbst einen Günther Jauch kaputtgeredet, wie wir gesehen haben.
Ihr achtzehnmonatiger Zivildienst bei der ARD mit Harald Schmidt - das waren ja keine Herrenjahre. Waren es Lehrjahre, denen Sie heute etwas Positives abgewinnen? Am Ende wurde es auch vor der Kamera ungemütlich.
Das war eigentlich nur die letzte Sendung, in der es zur Sache ging. Aber so etwas macht einen nur noch härter. Es war eine - sagen wir es so - interessante Zeit. Den Schlussstrich hatte ich mir schon anders vorgestellt: Der Produzent verkündete das Ende, das lief nicht über die Protagonisten. Zumindest war ich nicht eingeweiht. Da wurde nicht sauber gespielt. Aber das hat mich beruflich nicht aus der Bahn geworfen. Ich bin dankbar für die Chance, die ich bei der ARD hatte. Der Mythos Harald Schmidt zerbröselt aber auch langsam.
Haben Sie seine letzte Show gesehen? Um wieder ins Gespräch zu kommen, ist er mittlerweile bereit, eine „Blechtrommel“- Nachspielszene mit Ihrer einstigen Lebensgefährtin Monica Ivancan aufzuführen, in der er ihr Brausepulver aus dem Nabel leckte. Wie interpretieren Sie das?
Die Interpretation überlasse ich anderen. Ich habe die Sendung leider nie gesehen. Da Harald Schmidt sich nur noch mit der hohen Politik beschäftigt und auf den Boulevard ganz verzichtet, gucke ich das nicht.
Wenn ich Ihre Comedy sehe und wie direkt, brachial, dreist Sie auf Leute zugehen, immer genau das sagen, was sich manche vielleicht denken, aber nie ausdrücken würden, weil es die Peinlichkeit auf die Spitze treibt, frage ich mich: Kostet Sie das nicht Überwindung?
Das kostet mich keine Überwindung. Das steckt in mir drin. Damit bestreite ich auch einen großen Teil meines Bühnenprogramms, indem ich direkt auf die Leute zugehe - eins zu eins. Da haben sich schon spektakuläre Dinge ergeben. Ich denke, ich habe ein sehr gutes Gespür für Menschen.
Sie können damit leben, dass Ihr Polarisieren Leute dazu bringt, Sie persönlich für genauso dreist und derb zu halten, wie Sie sich auf der Bühne geben?
Das sind zwei Paar Schuhe. Die Leute, die in mein Programm kommen, erleben mich auch anders. Ein Großteil dessen, was ich da mache, würde Titelseiten von Boulevardzeitungen füllen. Aber das ist Teil der Show. Die Leute, die in meine Show kommen, wissen, dass sie deren Teil werden können. Und ich lebe das ja auch selber vor, ich spare mich - auch mit meinem Privatleben - nicht aus.
Johannes B. Kerner, Ihr erster Gast heute Abend, muss sich also auf einiges gefasst machen. Shakira auch?
Sagen wir einmal so: Es werden andere Interviews sein, als sie Johannes B. Kerner mit seinen Gästen führt. Das ist wohl wahr. Eingeladen habe ich Leute, die im Augenblick besonders interessant sind, von der nationalen und internationalen Bühne. Kerner hat am Vorabend seine letzte Show beim ZDF präsentiert und feiert bei uns seinen Einstand bei Sat.1. Und mit Shakira habe ich einen absoluten Weltstar in der Show.
Ein Fan von Harald Schmidt...
Andreas Suhr (andreassuhr)
- 02.10.2009, 13:17 Uhr
Immerhin hat der Schmidt einen Mythos
Anna Schuster (Anna_Schuster)
- 02.10.2009, 13:21 Uhr
Das Niveau zebröselt auch, aber leider wesentlich schneller
Karsten Bender (Kasmo)
- 02.10.2009, 13:45 Uhr
LateNight-Talker Pocher?
Claus Behrens (chipin)
- 02.10.2009, 13:47 Uhr
Gespür?...Wie ein Holzhammer!
Dieter Kahlmann (DKEH)
- 02.10.2009, 14:58 Uhr