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Im Gespräch: Kenneth Branagh Sind Sie ein alter Schwede, Mister Branagh?

Der besessene Mann, brillant im Beruf, hilflos zu Hause - Kenneth Branagh spielt jetzt den Kommissar Wallander. Im Gespräch mit der F.A.Z. verrät Branagh, wo er seine Texte übt, und erklärt, warum in Schweden ein wunderschöner Traum ermordet wurde.

© ARD Degeto/Yellow Bird/Left Bank Vergrößern Der besessene Mann: Kenneth Branagh spielt Wallander

Ein Hotel, Beuteltee, neun Uhr morgens. Kenneth Branagh redet trotzdem sofort drauflos. Manchmal geht mit ihm der Mime durch, dann spreizt er die Vokale. Keine Spur also vom maulfaulen Kommissar Wallander, den er jetzt spielt.

Tobias Rüther Folgen:    

Mr. Branagh, woran denken Briten, wenn sie an Schweden denken?

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Da gibt es zwei oder drei Dinge. Erstens ABBA: Popmusik, wunderschöne, blonde Menschen, Spaß und Nonkonformismus. Für Briten sind Schweden entweder Popsänger oder Aupairs. Als ich zu Hause erzählt habe, dass ich in Schweden arbeiten werde, haben mich Freunde gefragt: Gibt es da nicht die höchste Selbstmordrate in Europa? Das ist das zweite. Ich weiß aber gar nicht, ob das stimmt. Und das dritte ist das Gefühl von einem Land, das nicht unbedingt in Aufruhr, aber doch in Sorge um sich selbst lebt.

Wallander © ARD Degeto/Yellow Bird/Left Bank Vergrößern „Die Wüste, die hier die See ist”: Branagh als Wallander in Ystad

Die Deutschen sind verliebt in die Schweden. Fast in jeder Woche kann man eine Schmonzette im Fernsehen sehen, die in roten Holzhäusern am Vätternsee spielt, von Sorgen keine Spur.

Wirklich? Bei uns sieht man Schweden als einen Ort, wo ein glamouröses, utopisches Projekt ausprobiert wurde, mit hohen Steuern und einem umfassenden Wohlfahrtsstaat. Aber dieser Traum wurde getrübt, wenn Sie an das Attentat auf Olof Palme denken und an die wirtschaftlichen und sozialen Probleme. Schweden ist für uns das Land, in dem ein wunderschöner Traum ermordet wurde.

Machen die schönen Seiten Schwedens die dunklen Seiten am Ende sogar noch dunkler?

Ja. Unser Interesse an schwedischen Krimis kommt zum Teil daher, dass wir das Gefühl haben, diese Bücher seien wie Selbstgespräche darüber, wie sich der schwedische Traum in einen Albtraum verwandeln konnte. Also, ich würde sagen: Der Brite denkt an ABBA, Selbstmord und den zerstörten Traum.

Aber es laufen bei Ihnen keine Holzhausschnulzen im Fernsehen wie bei uns?

Als ich in Ystad gedreht habe, waren die meisten Touristen Deutsche. Die sind in einem kleinen Zug herumgefahren. Vielleicht sitzen da in diesem Sommer lauter Briten drin.

Sie spielen jetzt den schwedischen Kommissar Wallander. Die ersten drei Folgen sind in Großbritannien und in Amerika erfolgreich gelaufen, in zwei Wochen zeigt sie das deutsche Fernsehen. Es gab schon zwei Vorgänger auf Ihrem Posten. Sie spielen Wallander allerdings etwas weicher, irgendwie humaner.

Das stimmt. Gestern Nacht habe ich auf meinem Laptop die Drehbücher der nächsten drei Folgen gelesen. Nach ungefähr fünfzehn Minuten saß ich so da (zieht die Schulter ein und fällt in sich zusammen). Nach zwanzig Minuten hatte ich keinen Hals mehr. Ich konnte nicht anders, ich habe mich sofort in ihn verwandelt. Ich habe eine große Sympathie für ihn, wahrscheinlich wie viele andere Leser auch. Er ist extrem gut im Beruf, ein origineller Kopf mit einem großen Spürsinn und Einfühlungsvermögen - aber er kann die gleiche Sensibilität nicht für sein eigenes Leben aufbringen. Ich weiß, das ist typisch für einen Kriminalbeamten: der besessene Mann, brilliant im Beruf, hilflos zu Hause. Aber Wallander ist eine besondere Version davon. Ein Jedermann. Bemerkenswert, ohne eitel zu sein.

Sie lassen ihn ständig sagen: „In was für einer Welt leben wir eigentlich?“ Das macht sein Erfinder Henning Mankell übrigens auch.

Wallander scheint sich die Verbrechen sehr zu Herzen zu nehmen. Als ob er den Schmerz von jedem Verbrechen, von jedem Mord, von jeder Gefühllosigkeit am eigenen Leib spüren würde. Ich habe mich mit Polizisten im gleichen Alter wie Wallander in Ystad unterhalten, die sagten: Was in diesem Beruf wichtig und gleichzeitig schwer ist, ist abzuschalten. Du musst raus aus dem Revier. Du musst aufpassen, dass die Überstunden nicht überhand nehmen. Wallander fällt das nicht leicht, er kann sich nicht vom Job lösen, er nimmt ihn mit nach Hause. Er kann sich nicht so von ihm isolieren, dass es gesund für ihn wäre. Man muss ja eine Balance halten zwischen den Problemen auf der Welt - Afrika, Armut, Klima, die Finanzkrise - und dem eigenen Leben. Wallander scheinen die Probleme anderer Leute aber zu überwältigen. Das hat mich interessiert. Und dass er denkt, etwas tun zu können. Ich glaube, er hat ein Pflichtbewusstsein.

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Veröffentlicht: 17.05.2009, 21:01 Uhr

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