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Im Gespräch: Harald Schmidt und Fred Kogel „Es wird alles verheizt, alles“

08.09.2011 ·  The Show must go on? Harald Schmidt und sein Produzent Fred Kogel erklären den Wechsel zu Sat.1 und verraten, warum die Late Night das wirksame Gegenprogramm zum Talkshow-Boom ist.

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Das Duell der Saison steht an: Günther Jauch am 11. September, Harald Schmidt zwei Tage später. Muss der AAA-Moderator eine Bonitätsherabstufung fürchten?

Harald Schmidt: Nein, nein. Günther wird natürlich ein großes Thema für uns werden, aber wir gehen da ergebnisoffen ran. Wir sind ja befreundet.

Eng?

Schmidt: Wir haben keinen Kontakt. Aber wir segeln im selben Ozean.

Direkt gegenprogrammiert ist Ihre Show gegen die beiden Damen im Talk-Gespann der ARD: Dienstag Maischberger, Mittwoch Will. Heißt das Genderkrieg an der Fernbedienung?

Schmidt: Stimmt. Ist mir noch gar nicht aufgefallen. Zu Sandy habe ich ja einen guten Draht. Und Anne, die hat einfach weichere Themen als wir.

Also Genderkrieg. Was meinen Sie, Herr Kogel?

Fred Kogel: Wir sind ein ganz anderes Genre, wir sind Late Night. Das hat eigene Gesetze. Nach zwanzig Jahren traue ich mir ein Urteil zu: Late Night kann in Deutschland nur Harald Schmidt. Ich habe lange versucht, Talente zu finden für die Late Late Night, in der man neue Namen aufbaut. Vergeblich.

Late Late Night: Da ist man doch fast mit 23.15 Uhr.

Schmidt: Das war immer unsere Uhrzeit bei Sat.1.

Kogel: Die ideale Uhrzeit. Je später, desto besser.

Schmidt: Die Amis kommen 23.30 Uhr.

Sie scheinen vor Energie zu sprühen. Wo ist die oft monierte Amtsmüdigkeit?

Schmidt: Die gibt es nicht. Die gab es übrigens nie. Man kommt nur bei einer wöchentlichen Sendung gar nicht richtig in Gang.

Die neue Show ist - die alte Show?

Schmidt: Absolut. Gleiches Studio, gleiches Team. Mit der Zeit wird es wohl auch wieder einen Sidekick geben, das lässt sich jedoch nicht forcieren.

Hier wäre doch schon einer.

Schmidt: Fred Kogel als Sidekick? Hm, das ist gar nicht so falsch gedacht. Aber es müsste wohl eher eine Kunstfigur sein. Letterman hatte mal kurz seinen Produzenten da sitzen, kurz darauf haben sie sich getrennt. Kogel hat eher - jetzt hab ich's! - die Position des Mitherausgebers.

Kogel: Außerdem hätte ich null Interesse. Die Aufgabenteilung ist so schon genau richtig. Ich verantworte das Organisatorische. Es bleibt übrigens nicht alles gleich: Das Studio wird optisch frischer. Neu sind auch die Musikeinlagen: Live-Acts in jeder Sendung, einmal im Monat auch klassische Musik.

Oha, und der Sender?

Schmidt: Der redet uns da nicht rein.

Aber die Quoten?

Kogel: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir kaum Quote verlieren durch welche Musik auch immer, wenn sie nur glaubwürdig präsentiert wird.

Nach der Pocher-Ära gab es steile Ansagen: mehr Kroetz, mehr Sloterdijk, mehr Jon Stewart. Wie ist das jetzt, mehr „Anna und die Liebe“?

Schmidt: Wie? Nein. Das ist ja so: Man wird gefragt, und dann sagt man halt Jon Stewart. Das hat schon damals nicht richtig gestimmt. Letzten Endes orientieren wir uns nur daran, was wir in irgendeiner Weise gut finden. Da kann zwar mal jemand nur aus reinen Cross-Promotion-Gründen sitzen, aber dann wird das signalisiert, ohne verbalisiert zu werden.

Das war jetzt schon wieder Ironie?

Kogel: In der ARD war das Kommentieren tagesaktuellen Geschehens mit Ausschnitten aus Fernsehnachrichten à la Jon Stewart schon ein bisschen wichtiger. Bei Sat.1 stehen die von Harald live produzierten Gags und Studioaktionen im Vordergrund. Es gibt auch weiterhin Filmschnipsel, aber zentral sind die Elemente Stand-up, Tisch, Musik, Gast.

Politiker meiden Sie weiterhin?

Schmidt: Die meisten Politiker sind für uns ergiebiger in anderen Talkshows. Wir würdigen sie aus dem Off. Bei uns kommen die raus mit einer Brille mit roten Ohren dran, um zu zeigen, wie locker sie sind. Dann fällt der Satz: „Jetzt mal ernsthaft . . .“, und Sie können mitbeten, was der sagt. Das bringt nichts. Die sind dermaßen routiniert.

Kogel: Man muss sich um diese Uhrzeit herausnehmen, Künstler und Gäste zu bringen, die man sonst nirgendwo sieht.

Der erste Gast, Hape Kerkeling, ist eher wenig überraschend.

Schmidt: Hape ist eine sichere Bank, richtig. Ein Ausnahme-Entertainer. Ich finde toll, dass er kommt. Das hat er nicht mehr nötig. Per Zufall ergibt sich jetzt noch die „Wetten dass..?“-Thematik, was für mich gar nicht das Entscheidende ist. Wir haben diese Diskussion aber auch geführt: lieber ein überraschender Gast? Man hätte auch ohne Gast starten können.

Oder mit jemandem wie Fritz J. Raddatz, dem ehemaligen Chef des „Zeit“-Feuilletons, der gerade achtzig wurde. Das schlösse an den Abschluss in der ARD mit Rolf Hochhuth an.

Schmidt: Ich habe das Tagebuch natürlich gelesen. Das Großartige ist diese permanente Weinerlichkeit: Der sitzt einsam auf Sylt, und der Bundespräsident hat schon wieder keine Karte geschrieben. Durch das Buch sind wir auf die Idee gekommen, Hochhuth einzuladen. Aber das ist eine komplett untergegangene Zeit. Als ich Abiturient war, da entschied das „Zeit“-Feuilleton noch über Karrieren. Raddatz liest sich heute toll, aber das Personal ist einfach nicht mehr aktuell. Ich könnte so ein Buch übrigens auch über die deutsche Fernsehlandschaft schreiben.

Sie sind der Raddatz der Bewegtbildepoche?

Schmidt: Ich bin natürlich viel besser als Raddatz. Aber klar, Raddatz wäre genial für die Sendung, weil er ein Universum in sich ist. Wie würde das laufen? So: Ruf den mal an. Der will Geld oder neue Hemden? Kriegt er, aber dann wollen wir auch mitgehen, wenn er sie machen lässt. Wenn es funktioniert, werden in zwanzig Jahren die Leute noch sagen: Damals mit dem Raddatz, das war klasse.

Man spürt das: Eigentlich wollen Sie ein Feuilleton machen. Nun eben bei Sat.1.

Schmidt: Jetzt kommt es ganz dicke: Late Night ist alles, was der Fall ist. Was immer uns interessiert, findet statt. Das ganze Leben.

Es geht um Authentizität in der künstlichsten aller Welten? Das geht nur als Übersteigerung, als Extremismus des Realen.

Schmidt: Definitiv. Es wird alles verheizt, alles.

Kogel: Unsere einzige Maßgabe ist Aktualität.

Und die Strategie ist Emphase?

Schmidt: Ja. Es wird alles bejubelt. Das ist die Grundhaltung: Toll! Schuldenschnitt? Warum nicht? Transferunion? Schön. Bundesliga. Im Zweifel wichtiger. Es ist auch alles gleich bedeutend, keine Gewichtung. Das ist die hysterische Wirklichkeit: alle fünf Minuten derselbe Beitrag mit neuem Foto auf „Spiegel Online“. Wo das alles hinführt, das ist vielleicht die Frage, aber nicht unsere. Wir sagen: alles supi, noch mehr Apps, noch mehr Online, noch mehr Geräte.

Klingt aber doch nach verkappter Medienkritik. Sind Sie der aufgeplusterten Irrelevanz des hypernervösen Medien-Komplexes tief im Innern nicht doch überdrüssig?

Schmidt: Keineswegs, es ist ein Surfen. Ab und zu drückt die Welle einen unter Wasser, ritzt man sich den Arsch am Kiesel auf (auch der F.A.Z.-Leser liest es gerne deftig). Aber ich wäre bekloppt, dieser Branche, in der ich mich so komfortabel bewege, überdrüssig zu sein. Ich dachte ja schon einmal, ich wär's.

Können Sie beide sich ein Leben ohne den anderen noch vorstellen?

Schmidt: Ohne Fred Kogel hätte meine Late-Night-Karriere nie begonnen, und ohne ihn wäre sie auch schon wieder zu Ende. Vereinfacht gesagt, halte ich neunzig Prozent der Branche für schwachsinnig, und Fred sorgt dafür, dass das nicht nach außen dringt, oder kittet das Porzellan. Ich kann natürlich den Job nur machen, indem ich mich nicht bremse. Ich fahre einfach Vollgas, wenn da einer sitzt, wird der von der Bahn geschubst

Kogel: Ganz so dramatisch ist es nicht. Für mich ist das Entscheidende: Mit Harald hast du jemanden, mit dem man es gemeinsam richtig krachen lassen kann. Denn - das habe ich von Bernd Eichinger gelernt - der Tod liegt im Mittelmaß. Wir werden nichts Halbgares mehr machen. Die Möglichkeit dazu muss man schon in den Vertragsverhandlungen rausholen.

Da sollen Sie ein Fuchs sein. Wie laufen denn diese Verhandlungen? In dunklen Hinterzimmern? In Bordellen?

Schmidt: Ha! Die Bordelle sind ja voll mit Sportreportern, da finden Sie ja keinen Tisch mehr.

Kogel: Wenn man genau weiß, was man hat und will, dann gibt es da nicht viele Diskussionen. Wir haben ein klar definiertes Format. Seit fünfzehn Jahren liegt unser Publikum zwischen ein und zwei Millionen. Ich möchte jetzt nicht wie Jauch ein neues Format erfinden müssen.

Die ARD hat Sie nicht zu halten versucht?

Kogel: Vielleicht denkt ARD-Programmdirektor Volker Herres inzwischen schon, wir hätten die Show täglich machen sollen, denn unsere Quoten waren in beiden Zielgruppen besser als die Talkshows der vergangenen Woche.

Rückkehr ausgeschlossen?

Schmidt: Ausgeschlossen! Wir haben ja wirklich keinen Fehler ausgelassen, aber auch keinen doppelt gemacht. Ich werde auch den Late-Night-Platz nicht mehr verlassen: Wenn das vorbei ist, dann ist es aus mit dem Fernsehen, denn alles andere hatte ich schon.

Late Night hat in Deutschland der absolutistische Medienfürst Leo Kirch durchgesetzt. Fehlen heute solche Figuren und gibt es deshalb wenig Neues?

Schmidt: Kirch hat damals, an diesem legendären Nachmittag, zwei Fragen gestellt: Wie oft können Sie es machen? Wann können Sie anfangen?

Kogel: Late Night hätte tatsächlich scheitern können. Wir haben damals mit seiner Unterstützung daran festgehalten, obwohl die Springer-Presse uns im zweiten Jahr für tot erklärt hat. Diese Figuren gibt es nicht mehr, aber es gibt andere Figuren. Letztlich bekommen Sie jedes Programm nur so gewuppt: Einer muss sich hinstellen und die Entscheidung tragen. Heute tritt die eigene Meinung oft zurück hinter Marktforschungen, Sendungen verschwinden sofort wieder.

Schmidt: Ein großer Teil des Etats für Gottschalk hat nur den Grund, dass einige ARD-Bosse jetzt auf ein Foto mit Tommy wollen.

Herr Kogel, für eine ganz andere Untat müssen Sie sich noch rechtfertigen: Warum haben Sie als Manager Til Schweigers Deutschland nicht vor dem infantilsten Filmtitel aller Zeiten bewahrt?

Kogel: „Kokowääh“? Wenn man den Film kennt . . .

Wenn der Satz schon so beginnt!

Kogel: Ich sage einfach: Vier Millionen Kinozuschauer können nicht irren. Das ist mehr, als manche Fernsehsendung hat.

Das Gespräch führte Oliver Jungen.

Die Harald Schmidt Show beginnt am kommenden Dienstag bei Sat.1. Sie läuft dienstags und mittwochs um 23.15 Uhr.

Quelle: F.A.Z.
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