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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Fernsehen Zum Hunger trat der „weiße Tod“

 ·  Die ARD erinnert zu Weihnachten an ein Schicksalsdatum der Deutschen. Im Winter 1946/47 starben ungezählte Menschen, ein beeindruckendes Dokumentardrama erzählt davon. Zu Wort kommen ausschließlich Zeitzeugen, keine Historiker.

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Erst im Winter 1946/47 war die deutsche Bevölkerung ganz unten angelangt. Zwar hatte es schon 1945 und 1946 gravierende Probleme mit der Ernährungslage in Deutschland gegeben. Sie betrafen nicht zuletzt die Vertriebenen aus dem Osten und die Kriegsgefangenen. Die Potsdamer Konferenz der Siegermächte hatte im Sommer 1945 entschieden, der Lebensstandard der deutschen Bevölkerung sei niedrig zu halten. Hilfslieferungen des Roten Kreuzes an das geschlagene Land wurden von den Alliierten untersagt. Im Winter 1945/46 wiesen die Militärbehörden irische und schweizerische Nahrungsmittelspenden ab, die ausdrücklich für Deutschland bestimmt waren, und empfahlen den humanitären Organisationen, ihre Güter in andere bedürftige Länder Europas zu schicken.

Es war der britische Verleger und Sozialist Victor Gollancz, der nach einem Deutschlandbesuch ein aufrüttelndes Buch herausbrachte: „Leaving them to their fate: the ethics of starvation“ („Ihrem Schicksal überlassen: Die Ethik der Aushungerung“). Feldmarschall Montgomery hielt damals tausend Kalorien pro Tag und Kopf für ausreichend; er erwähnte dabei auch, dass im Konzentrationslager Bergen-Belsen die Ration bei achthundert Kalorien gelegen hatte. Erst 1946 wurden Hilfslieferungen überhaupt wieder zugelassen. Faktisch, so erklärt der Film über den Hungerwinter 1946/47, lag die offizielle Ration in der britischen Zone bei neunhundert Kalorien. 2500 Kalorien gelten als Normalmaß.

Im Volksmund: „Sterbekarte“

Der Film von Alexander Häusser und Gordian Maugg bringt, anders als die sonst bekannten Doku-Dramen zum Krieg und seinen Folgen, ausschließlich die Stimmen von Zeitzeugen; die Historiker fehlen. So ist auch von den mehr oder weniger objektiven Bedingungen der Hungersnot kaum die Rede, also von der Demontage der Industrieanlagen in allen Besatzungszonen und der empfindlichen Besteuerung selbst niedriger Einkommen durch alliierte Verordnungen. Indes kam im Hungerwinter eine natürliche Bedingung verschärfend hinzu: eine Jahrhundertkälte, ausgelöst von einem stabilen russischen Hochdruckgebiet.

Zum Hunger trat der „weiße Tod“ des Frostes. Zwar wurde im Ruhrgebiet immer noch Kohle gefördert, aber sie lag, weil die schlechtgewarteten Lokomotiven schlappmachten, auf Halde. Wie man sich nun dennoch versorgte, mit Holz, geklauten Kohlen (von den wenigen „Kohlenzügen“), mit Brennnesseln für die Suppe, mit Steckrüben, mit Bettelzügen bei den Bauern im Umland der Städte, das berichten im Film Lotte Szelski, Martin Schneider, Inge Kotsch, Edith Einz, Günther Kammeyer (vor allem dieser ist ein begnadeter Erzähler mit großem Gespür für den Ernst der Lage wie für tragikomische Anekdoten) und Wilhelm Müller. Wenn man ihnen zuhört, erfährt man vor allem eines: Hunger, in dem damals herrschenden Ausmaß, ist nicht nur Hunger; er wird irgendwann zum Schmerz, er bedeutet Angst. Der „normale“ Weg, mit der Lebensmittelkarte einzukaufen, führte nicht weit; die Bescheinigung für Rentner hieß im Volksmund „Sterbekarte“. Das Wölfische im Menschen meldet sich in dieser Lage. Man hört von hartherzigen Bauern und von beschämenden Ressentiments der Eingesessenen gegenüber den rund zehn Millionen Vertriebenen aus dem Osten.

Dann kam auch noch der Typhus

Bald hieß das Stibitzen des Notwendigsten „fringsen“; der Kölner Kardinal Frings hatte nämlich in seiner Neujahrspredigt 1947 den Mundraub, soweit er dem Eigenbedarf und dem nackten Überleben diente, von der moralischen Zensur ausdrücklich ausgenommen.

Im Film erfahren wir von zwei Toten: Ein Großvater stirbt an Hunger, das Kind von Lotte Szelski an Lungenentzündung. Während man die Zahl der Toten, die dem Bombenkrieg zum Opfer fielen, ziemlich genau kennt, steht es mit dem Hungerwinter anders. Der Film spricht recht vage von mehreren hunderttausend Verhungerten. Es gab damals eben noch kein Statistisches Bundesamt, und die Ermittlung der wirklichen oder auch nur annähernden Zahl scheint sich bis heute sehr schwierig anzulassen. Der Hunger begünstigte zudem weitere Erkrankungen wie die Tuberkulose - von 46.000 Befallenen in der britischen Zone berichtet der Film - und den Typhus. Martin Schneider, der eines der schrecklichsten Schicksale erlitt, indem seine Mutter, von Russen an einem Tag 37 Mal vergewaltigt, jeden Lebensmut verlor und das Praktische ihren Kindern überließ, hat bis heute Folgeschäden des Hungers zu beklagen. Mit dem beginnenden Kalten Krieg wurde die Versorgung der Deutschen dann zwingend im politischen Kalkül. Aber noch im Mai 1948 demonstrierten im Fränkischen Hausfrauen und Mütter mit der schlichten Aussage, nicht verhungern zu wollen.

Hungerwinter. Überleben nach dem Krieg läuft am Sonntag, 27. Dezember, 21.45 Uhr, im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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