01.08.2011 · Monatelang hat sich der Dokumentarist Mano Khalil in einer Schweizer Kleingartenkolonie umgesehen. Entstanden ist danach ein so elegischer wie wunderbarer Film. Er zeigt auch, dass unter kleinen Leuten Mulitikulturalität gelingen kann.
Von Simon HopfGanz unidyllisch geht es los: Giuseppe Assante, der Präsident der Schrebergartenkolonie Bümpliz-Bottigenmoos in der Nähe von Bern, sieht sich auf der Hauptversammlung einem Aufstand gegenüber. Einige Mitglieder meutern dagegen, dass er im Winter den Strom für die 148 Parzellen abstellen will. Der in Italien geborene Kleingartenchef verweist auf Artikel 6.1 der Satzung, was ihm wenig hilft: „Du bist ein Berlusconi, ein Mussolini“, ruft einer in den Saal. Assante verfällt kurz in ein wütendes Italienisch, scheint dann zu resignieren und fragt seine Nachbarin: „Marguerite, willst du dazu noch was sagen?“. „Ja, ähm“, sagt sie ins Handmikrofon, „im Anschluss spielen wir Lotto. Es gibt schöne Preise zu gewinnen! Bleibt doch zum Spiel.“
Menschen aus 28 Nationen sind auf den Parzellen der Kolonie vertreten: eine multikulturelle Gesellschaft im Mikrokosmos Schrebergarten. Dieser Ort, das wird in der Dokumentation von Mano Khalil rasch klar, ist von allerlei Regeln (“Hier darf kein Müll entsorgt werden“) und bürokratischen Vorschriften - Grenze der Bauhöhe: 2,20 Meter - geprägt. Präsident Assante, von Beruf Friseur, trägt einen akkurat gepflegten Vollbart, hat eine Halbglatze, sieht ein bisschen wie Pavarotti und ein bisschen wie Umberto Eco aus. In Anzug und Krawatte verwaltet er seinen Gartenstaat. Leichte Skurrilität umgibt ihn. Und die Probleme? Da sind die Kroaten und die Serben, die immer zu laut feiern und nun auch noch einen großen Grill für ihre Spanferkel wollen. Zunächst ein Fall für die Baubehörde in Bern. Einige Parzellen weiter haben die Urschweizer Brüder Hans und Ernst Wirth ihr Holzlager fünfzig Zentimeter höher als erlaubt gebaut. Der normale Alltagsärger eben.
Ein Rückzug aus der beängstigenden Moderne
Khalil registriert ihn, konzentriert sich aber vor allem auf Porträts von Menschen, die auf ihren kleinen Parzellen jenes Glück empfinden, das ihnen außerhalb der Kolonie meist verwehrt bleibt. Ein aus Polen stammendes älteres Ehepaar erzählt etwa von der Flucht nach der Verhängung des Kriegsrechts im Jahr 1981, von familiären Katastrophen und schwerer Krankheit. Der Ort ihrer großen Freiheit ist eine kleine Gartenfläche mit Hütte, die ganze Anlage im Grunde ein in die Fläche gelegtes Hochhaus, der kleingärtnerische Rhythmus von Säen, Pflanzen, Hegen, Pflegen und Ernten ermöglicht einen Rückzug aus der beängstigenden Moderne ringsum. Das beste und einfachste Mittel zur Völkerverständigung ist bei alledem - das Bier.
Inzwischen ist der Grill genehmigt, aber es gibt neuen Kummer. Die türkisch- muslimischen Mitglieder von Bümpliz-Bottigenmoos weigern sich, ihr Lamm auf demselben Spieß zu braten wie Kroaten und Serben ihr Spanferkel. „Präsident Bush hat seine Kanonen, aber ich habe meine Nerven“, sagt Assante staatsmännisch. Jetzt kommt ihm auch noch ein Kurde pampig. Aber weil der sich rasch entschuldigt, grüßt man sich auch wieder.
Folie für ein multikulturelles Experiment
Mano Khalil wertet nicht, er sammelt Szenen - und gibt so seinen Protagonisten über gut neunzig, nie langweilende Minuten hinweg eine Bühne. Die Schreberkolonie, dieser Kleinbürger-Ort scheinbarer Spießigkeit, wird darüber zur Folie für ein multikulturelles Experiment. Ja, es ist schwierig, aber ja, es geht: Das ist die Botschaft. Am Ende ist der leitmotivische Grill fertiggestellt, Spanferkel brät und gart neben Lamm, gemeinsam wird gefeiert und musiziert. „Ideal wäre es, wenn die ganze Welt wie dieser Garten wäre“, sagt Assante. Aber das, weiß er, „ist eine Utopie“. Ausgestrahlt wird die deutsch untertitelte Dokumentation übrigens zum Schweizer Nationalfeiertag am 1. August. Auch das passt.