05.09.2010 · Am heutigen Sonntag läuft der letzte „Tatort“ mit Jörg Schüttauf und Andrea Sawatzki. Ihre Figuren sprengten das Krimi-Genre und die Schauspieler ihre Rollen. Dem Sender blieb nichts anderes übrig, als sie gehen zu lassen. Das Finale ist grausam.
Von Freddy LangerJeder im Team, sagt der Schauspieler Peter Lerchbaumer, habe seine eigene Idee gehabt, wie man den letzten Frankfurter „Tatort“ mit seiner Mannschaft enden lassen sollte. Seine ging etwa so: Ihm, dem grantelnden Chef der Mordkommission, werden solch enge Verstrickungen ins organisierte Verbrechen nachgewiesen, das seinen Kollegen nichts übrig bleibt, als ihn zu verhaften. Die beiden Kriminalhauptkommissare Dellwo und Sänger nehmen ihn in einem der pikfeinen Taunusorte fest, schieben ihn auf den Rücksitz des Wagens und machen sich auf den Weg ins Revier. Ganz langsam kurvt das Auto durchs mittelgebirgische Idyll der Hochhaussilhouette am Horizont entgegen, und als der Wagen gerade hinter einer Hügelkuppe verschwunden ist, tut es einen Knall. Ein Flammenblitz schießt in den strahlend blauen Himmel, gefolgt von der bezaubernd schönen Pilzwolke einer Explosion. Ende einer Dienstfahrt.
Und nicht der schlechteste Schluss für eine „Tatort“-Mannschaft, deren künstlerische Energie sich mehr als einmal während der Dreharbeiten in Frankfurt in kleinen Explosionen entladen hat. Der habe die längere Einstellung, konnte man dort hören. Auch: Die habe die besseren Dialogzeilen. Und einmal hörte man den Regisseur Niki Stein sagen: „Ich formuliere es jetzt einmal ganz fies: Wer mir nicht vertraut, braucht nicht mit mir zu arbeiten.“ Die Schauspieler taten gut daran, ihm zu vertrauen.
Es waren komplizierte, filigrane Figuren
Niki Stein hat das Frankfurter „Tatort“-Team vor knapp zehn Jahren erfunden. Nicht nur weil zuvor der biedere Herr mit der Fliege, Edgar Brinkmann, sechzehn Jahre lang für den Hessischen Rundfunk auf eher zurückhaltende Weise das Böse aus der Welt geschaffen hatte, wurden Niki Steins Beiträge zu einer Revolution. Es lag an seiner raffinierten Erzähltechnik, mit der er kurzerhand die früh formulierten Dogmen des „Tatorts“ über den Haufen warf: Dass Rückblenden und Zeitlupe verboten waren, kümmerte ihn ebenso wenig wie das Gebot, die Geschichte stets aus dem Ansatz der Ermittlung zu erzählen; vielmehr verkordelte er auf grandiose Weise so viele Erzählstränge und Perspektiven miteinander, dass schon das Strickmuster selbst zu einer Bedrohung für manchen Zuschauer wurde. Und es lag an den Charakteren, denen er sehr viel an seelischen Verletzungen zumutete. Drei Folgen genügten, allesamt von Niki Stein inszeniert, schon setzten die Leser einer Fernsehzeitschrift Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf auf Platz eins der Liste mit den beliebtesten „Tatort“-Kommissaren. Dabei waren die beiden alles andere als liebenswert.
Es war ein Paar, das kein Paar sein konnte, nicht etwa, weil sie zu ungleich waren, sondern weil jeder von ihnen zu sehr auf sich konzentriert gewesen ist. Andrea Sawatzki stattete ihre Figur mit extravaganter Unauffälligkeit aus. Mit teurer, dezenter Kleidung und einem verhuschten Wesen, aus dessen scheuem Blick man nicht nur Unsicherheit herauslesen konnte, sondern auch ein Moment von Furcht – nicht zuletzt vor den eigenen Trieben. Jörg Schüttauf spielte den gebrochenen Mann, zerzaust und eigenbrötlerisch, der alle Schicksalsschläge kopfnickend zur Kenntnis nahm und in dessen Rumpeligkeit sich oft genug bloß emotionale Hilflosigkeit ausdrückte. Dazu Peter Lerchbaumer als Leiter der Mordkommission, alkoholselig, haltlos manchmal, mit zerstörtem Privatleben, geringem Interesse an der Ermittlungsarbeit, dafür umso mehr an seiner Mitarbeiterin – bis hin zur Selbstaufgabe und Lächerlichkeit. Es waren komplizierte, filigrane Figuren, schwerer zu benennen als andere Fernsehkommissare, weil sie keine Attitüden als Markenzeichen vor sich her trugen. Ihre Selbstbeherrschung beim Formationstanz und seine unbeherrschte Lust an der Musik der Hard-Rock-Gruppe Led Zeppelin blieben Fußnoten.
Vorsichtshalber ohne Privatleben
Als die Charaktere im Laufe der folgenden Fälle immer mehr an Kontur verloren, Charlotte Sänger mal zickig wurde, mal vordergründig erotisch, versuchte Niki Stein in zwei Folgen der Serie mit „Aufräumarbeiten“, wie er es nennt, die Figuren zurückzuholen ins ursprüngliche Konzept – aber da war es womöglich schon zu spät. Und es waren nicht unbedingt die Drehbücher, denen es nicht gelang, die Kompliziertheit der Charaktere behutsam und plausibel fortzuentwickeln, statt sie ins Ungefähre zu schicken. Es waren vielleicht die Schauspieler selbst, die ihre eigenen Veränderungen mit in die Figuren übertrugen. „Das Problem der festen Rolle ist die Sicherheit, spannend ist es doch nur, wenn man einem Schauspieler zuschaut, der sich am Abgrund bewegt,“ hat Andrea Sawatzki schon nach ihrem dritten „Tatort“ gesagt. Das ist ein hoher Anspruch an eine Sendung, von der sich der Zuschauer im sonntäglichen Ritual letztlich Geborgenheit wünscht.
Wie wenig Schüttauf und Sawatzki an der ikonografischen Bedeutung des „Tatorts“ lag, zeigte sich freilich auch darin, dass sie anderen Dreharbeiten den Vorzug gaben und jeder von ihnen zumindest einen Fall alleine lösen musste, damit der andere Zeit hatte für fremde Drehtermine. Jörg Schüttauf mimte bei solcher Gelegenheit den Mörder in einem Münchener „Tatort“.
Als Zuschauer nahm man es hin, weil es aufgewogen wurde durch eine erzählerische Experimentierfreude, die von der Fernsehspielredaktion des Senders bis an die Grenze des Kunstfilms unterstützt wurde, um bloß nicht in die Gemütlichkeitsfalle zu tappen. Als aber die Spielfreude der Darsteller zusehends nachließ, machte der Hessische Rundfunk vor, was der hessische Ministerpräsident bald darauf nachmachen würde: Er kündigte den Abschied an, bevor er vom Publikum verlangt würde. Die folgenden Debatten um Neubesetzungen, in deren Verlauf Ulrich Tukur, Heiner Lauterbach sowie eine streng geheime Liste mit vierundzwanzig weiteren Möglichkeiten erwähnt wurden, machen es für Joachim Król und Nina Kunzendorf, die man vom nächsten Jahr an als Frankfurter „Tatort“-Team sehen wird, nicht unbedingt leicht. Vorsichtshalber wird den neuen Figuren erst gar kein Privatleben aufgepackt – nicht einmal in den Dialogen. In den Geschichten werde es einzig um die Polizeiarbeit gehen, heißt es beim HR: „Wie im klassischen Krimi.“
Der Nachfolger wird zur Witzfigur
Das ist in der letzten Folge mit dem alten Team erheblich anders. Peter Lerchbaumers Idee wurde nicht aufgegriffen – wenngleich es immerhin beim Showdown auf dem Eisernen Steg zu einem explosiven Ende kommt. Die Geschichte folgt einem sattsam ausgereizten Topos: Ausgerechnet am Tag seiner Pensionierung stürzt der Kriminalist in seinen schwersten Fall. Und weil in dessen Verlauf einige ihm lieb gewordene Menschen ihr Leben lassen, wird es zugleich sein persönlichster. Titus Selge (Regie und Drehbuch) hat aus zwei gegenläufigen Rachefeldzügen ein Katz-und-Maus-Spiel rund um die Figur Peter Lerchbaumers inszeniert, dessen Leben hier gleichsam in Zeitlupe wie ein Kartenhaus zusammenstürzt. Wie ihm die Geliebte hingerichtet wird und er sich allein in Frankfurts düsteren Vierteln auf die Jagd nach dem Mörder macht, dabei reichlich Dienstbefugnisse überschreitend, und wie er von Szene zu Szene grauer wird, zerknitterter, getriebener, macht seine beiden Kollegen fast zu Statisten und seinen Nachfolger bei der Mordkommission – mit Fliege! – zur Witzfigur. Es ist ein düsterer Film, in dem Frankfurt wieder einmal zur Kulisse zwielichtigen bis finsteren Theaters wird. Folgerichtig beginnt die Episode „Am Ende des Tages“ mit einem Sonnenuntergang.
Dass die Dämmerung dem Zuschauer wenige Minuten später als Sonnenaufgang vorgeschwindelt wird, kann man kaum anders lesen, denn als Hinweis darauf, wie schwer es hier jemandem gefallen ist, das Licht auszuschalten. Ist ja auch irgendwie schade, dass sie gehen. Trotz allem.
Freddy Langer Jahrgang 1957, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.
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