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Im Fernsehen: „Sherlock“ Er steht an der Front der Wissensgesellschaft

24.07.2011 ·  Diesen Detektiv und seinen Sidekick wollen wir unbedingt sehen: Das Erste übernimmt eine Miniserie der BBC und verpasst Sherlock Holmes und Dr. Watson einen höchst radikalen Modernisierungsschub.

Von Daniel Haas
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Wer braucht eigentlich noch Detektive? Facebook liest unsere Gesichter, Google rechnet unsere Vorlieben aus; nichts, das sich nicht im Netz ermitteln ließe. Wir sind mittlerweile alle Spürnasen mit eigenem Mandat. Die Welt und ihre Bewohner: Stoff für endlose Recherchen. Ein Detektiv also, noch dazu ein Erbe der Viktorianischen Epoche? Einer, der stolz mit den Mitteln der Ratio hantiert, als sei die Aufklärung eine rundum glückliche Veranstaltung gewesen? Will man wirklich noch Sherlock Holmes bei der Arbeit zusehen?

Ja, wenn er ein postmoderner Dandy ist, mit allen Wassern des digitalen Know-hows gewaschen und einem Bonmot-Talent im Format von Oscar Wilde gesegnet, dann schon. Der Holmes, den die ARD in einer exzellenten, von der BBC produzierten Miniserie präsentiert, ist die radikale Aktualisierung des Meisterdetektivs. In dieser Figur laufen die Konfliktlinien der modernen Wissensgesellschaft zusammen. Dieser Mann räsoniert nicht mehr pfeifeschmauchend und von Morphium umdunstet in dunklen Bibliotheken, er rast über die Tasten seines Smartphones oder traktiert sein Laptop wie ein Bebop-Pianist.

Die Instrumente unserer Kommunikationstechnologien spielt er als Virtuose der analytischen Kombinatorik. Dass er sich dazu selbst in Bewegung versetzen muss - er hastet durch London in zahllosen Taxifahrten -, ist der Dramaturgie des Genres geschuldet, es gilt ja, Tatorte zu besichtigen und Verbrechern nachzustellen. Am liebsten aber würde dieser Mann nur denken, sich ganz in zerebrale Energie verwandeln. Ein Monstrum der Vernunft werden, das alles Wissen verschlingt, um es als Erkenntnis wieder abzusondern.

Notgemeinschaft im spätkapitalistischen London

Es ist gut, dass so ein Mann von einer Anstandsfigur begleitet wird, das war schon bei Arthur Conan Doyle so, und es ist im Fall des neuen Holmes noch wichtiger: Dr. Watson, der Sidekick, muss immer da menscheln, wo seinem Chef die Kognition aus dem Ruder läuft. Überraschend allerdings, dass der gute Doktor diesmal ein Kriegsversehrter ist, heimgekehrt von einem Afghanistan-Einsatz und zu arm, um sich eine eigene Bleibe in Londons Innenstadt zu leisten.

Watson ist der WG-Kumpan von Holmes, man bildet zuerst einmal eine Notgemeinschaft im spätkapitalistischen London, wo, Bankenkrise hin, Finanzcrash her, das Pfund den Ton angibt. Dass der Arzt, der an psychosomatischen Störungen leidet (er hinkt) und einen per Therapeuten verordneten Genesungsblog schreiben muss, sich als Hilfskraft des Detektivs verdingt, liegt an seiner Langeweile. „Du wirst nicht verfolgt vom Krieg“, diagnostiziert Holmes, „du vermisst ihn.“ Und was kann es für einen stresssüchtigen Veteranen Besseres geben, als an der Seite eines Masterminds die gefährlichsten Männer der Welt zu jagen?

Vielleicht muss die Frage aber auch anders lauten: Was kann spannender sein, als einem Mann zu assistieren, der die Widersprüche der Moderne verkörpert? Holmes ist die Galionsfigur der instrumentellen Vernunft, aber seine Intelligenz erschöpft sich darin, die Verkommenheit der Gesellschaft auszuloten. Nicht Menschen werden aufgeklärt, sondern Verbrechen.

Der Verbrecher ist ein Spielpartner

Die Fälle sind deshalb konsequent als Puzzlespiele angelegt: In Folge eins ist es eine Serie mysteriöser Selbstmorde, von der die Ermittler herausgefordert werden, in Folge zwei eine Reihe von Morden, die mit einem komplizierten Code in Form von Graffiti angekündigt werden. Im dritten Teil, dem inszenatorischen Glanzstück der Reihe, werden Unschuldige zu lebenden Bomben hochgerüstet. Wenn Holmes nicht in kürzester Zeit bestimmte Verbrechen aufgeklärt, fliegen die unfreiwilligen Attentäter in die Luft.

Schreckliche Versuchsanordnungen, gewiss. Und wütend sind die Polizisten, die Holmes als Exekutivlakaien hinterhecheln. „Er ist ein Freak, bleiben Sie ihm fern“, wird Watson von einer Beamtin gewarnt. „Nur eine Frage der Zeit, bis er selbst der Täter ist.“ Genau darin liegt der Reiz der Serie: Wir wissen, dass die Aufklärung auch die Barbarei ausbrütet. Eine Intelligenzbestie wie Holmes, die der Ekel angesichts mangelnder intellektueller Stimuli überwältigt (und der dann in der Wohnung genervt seinen Revolver abfeuert), könnte also schon bald selbst von jenen Verhältnissen korrumpiert werden, die er so scharfsinnig durchdringt. In Folge drei zeichnet sich das konsequent ab: Holmes begreift den Verbrecher, der London in Atem hält, als Spielpartner. Die eigene, bislang politisch korrekte Anwendung instrumenteller Vernunft ist nur die Kehrseite der destruktiven und nihilistischen Praxis des Mörders.

Dialektik hat Krimierzählungen schon immer gutgetan, und auch der Bildstil einer Genregeschichte profitiert von Ambivalenz. Das London, das „Sherlock Holmes“ entwirft, ist zugleich triste und elegant, glänzend und schattig. Die Helden eilen durch eine oft regenschimmernde Stadt, die Interieurs sind mit Spiegeln und anderen reflektierenden Flächen ausgestattet, zum Beispiel in Büros oder Restaurants. So tauchen die Figuren, verdoppelt oder in Facetten zersplittert, gleich mehrfach auf.

Die Ultima Ratio des Krimis

Das Subjekt, erklärt uns diese Inszenierung, entkommt nicht der Konfrontation mit sich selbst und seinen Fragwürdigkeiten. Und weil dieser urbane Kosmos durchzogen ist von medialen Strukturen, wird Text in die Szenen insertiert. Wenn Holmes blitzschnell SMS-Nachrichten versendet und empfängt, dann lesen wir das als mitten im Bild aufblitzende Botschaft. Keine Zeit für langes Besprechen oder Vorlesen, der Zuschauer muss Multitasking praktizieren wie der Held.

Morphium, wie der originale Holmes, braucht dieser Ermittler nicht mehr. Sein Stoff ist die Beschleunigung an sich. Benedict Cumberbatch gibt diesem Wissensmaniker ein blasiertes, an die Snobs des imperialen Zeitalters erinnerndes Gesicht; seine Stimme, für die es sich das Original auf DVD anzuschauen lohnt, hat das Timbre des Snobs, in das sich die Unruhe des hypernervösen Großstadtnomaden mengt. Watson, gespielt von Martin Freeman, ist der zurückhaltende Domestik, der weiß, dass Herr- und Knechtschaft letztlich nur Fragen der Perspektive sind.

Sein Blick auf die Welt ist geprägt von Lakonik und Milde, sein Modus operandi eine dezente Tapsigkeit, die um die Kantigkeit der Welt ebenso weiß wie um ihr Potential zum Guten. Freeman hat viel Comedy-Erfahrung - er ist einer der Stars der Sitcom „The Office“ -, davon profitiert er als Watson, wenn er peinliche Zeugenbefragungen durchführt oder ein Date mit einer Gerichtsmedizinerin versemmelt. Zusammen ergeben die beiden Temperamente das ideale Gespann für die Inspektion einer flexiblen Gegenwart. Oder, um es im Geiste von Sherlock Holmes zu sagen: Sie sind die Ultima Ratio des Krimis.

Sherlock: Ein Fall von Pink läuft heute, am Sonntag, um 21.45 Uhr im Ersten. Die beiden weiteren Folgen der Miniserie - Der blinde Banker und Das große Spiel - folgen an den kommenden Sonntagen zur selben Zeit.

Quelle: F.A.Z.
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