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Im Fernsehen: Schimanski Lasst alle Hoffnung fahren

 ·  Die Solidarität vergangener Tage ist verflogen. Aus Duisburg ist die Hölle geworden. Die Leute sind überschuldet, überarbeitet und schmoren in Zukunftsangst. Mittendrin ermittelt Schimanski, der fassungslos den Niedergang seines Ruhrpotts beobachtet.

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Trotz allen Vorab-Tamtams: In diesem Schimanski spielt nicht Götz George die Hauptrolle. Auch nicht Hannes Jaenicke, der ihm als testosterongesteuerter Kotzbrocken eines korrupten Polizisten schauspielerisch ebenbürtig ist. Die Hauptrolle in diesem Film hat das Milieu: Die Duisburger Industrieruinen-Romantik ist so verschwunden wie - anfangs - die Schimanski-Jacke. Stattdessen hat uns nach wenigen Minuten das überall gleiche Leben des unteren Mittelstands im Griff. Nicht jenes, von dem unsere Politiker in Sonntagsreden als Kern der Gesellschaft schwadronieren, derweil sie ihn realiter mit immer neuen Steuern, Kürzungen und Zahlungspflichten strangulieren. Auch das Ideal der Gewerkschaften, die den Mittelstand zum Salz der Erde verklären, bleibt außen vor. Stattdessen zeichnen Drehbuchautor Jürgen Werner und Regisseur Thomas Jauch bedrückend den Zustand derer, die in unserer neuen Ellenbogengesellschaft zwischen „denen da oben“ und „denen da unten“ zerdrückt werden.

Alles ordentlich und sauber - die Hasenstall-Wohnungen, Sitzgruppen und furnierten Schrankwände in den uniformen Betonklötzen, die Polizeiwache, zu der Schimanski vor seiner Pensionierung gehörte, der Pommes-Stand, sogar die (teilweise noch) rauchenden Schlote und die „Erotikshops“. In der Eckkneipe strahlt Wirtin Sonja Hoppe im gestreiften Pulli und teilt auch mal einen Knuff aus, wenn ihre Stammkunden, die Polizisten aus Schimanskis altem Revier, wieder mal einen zu viel gekippt haben. Doch wenn sie (eine diskrete packende Charakterstudie Ulrike Krieners) zur grauen Hülle verdorrt, nachdem sich nebenan ihr Sohn Oliver erschossen hat (Jan Pohl nutzt zwei Minuten für eine erschütternden Szene zwischen heulender Todesangst und verzweifelter Entschlossenheit), ist das Milieu bei sich angelangt.

Lächerliches Zutrauen in die Menschen

Eine Welt des „jeder gegen jeden“. In ihr wird nicht geredet. Oder wenn, dann um mit Worten zuzuschlagen. „Vergiss es!“ Mit dieser furchtbaren Wendung, die wir täglich hören, hat der zusehends verunsicherte Polizeianfänger Oliver Hoppe Fragen seiner Mutter abgeschmettert. Wie er sperren sich alle Beteiligten gegen Kontakt, sei er bedrohlich oder vertrauensvoll. Selbst Marie Claire (Denise Virieux), Schimanskis kratzbürstige belgische Geliebte, knallt ihm die Tür so brutal vor der Nase zu, als sei sie zur Musterfrau dieses eisigen Ruhrpotts mutiert. Und Hänschen (Chiem van Houweninge), der übrig gebliebene niederländische Ex-Kollege aus besseren Zeiten, bezahlt sein unbeirrbares, jetzt lächerlich wirkendes Zutrauen in die Menschlichkeit fast mit dem Tod.

„Ich liebe das Leben“: Als galliger Kommentar - „das geht vorüber sicherlich“ - untermalt der Evergreen von Vicky Leandros diese Brutkastenatmosphäre unterdrückter Wut und aggressiver Hoffnungslosigkeit. Sie bestimmt den Umgang der Polizisten miteinander und ihr brutales Vorgehen gegen junge Kleindealer und Zuhälter, die am Großmarkt genauso junge, aus Rumänien hierher verschleppte Prostituierte überwachen. Dass Oliver Hoppe sich in eine von ihnen verliebt hat, sie freikaufen wollte und, so der zeitweilige Verdacht, sie wegen Verrats und sich selbst wegen Drogenhandels, in den er sich verwickelte, erschossen hat, lässt seine Kollegen nur mit den Achseln zucken. Denn sie, was sie in den Verdacht rückt, gleichfalls zu dealen, haben in ihren familiären Kleinhöllen, schmorend zwischen Überschuldung, Überarbeitung und Zukunftsangst, nörgelnden Ehefrauen und renitenten No-future-Kids, Gefühle längst abgetötet.

Dauerpubertierend in Richtung Hesse-Steppe

So gleichen sie der Gegenseite. Dem Dealer und Luden Miroslav Tasci zum Beispiel (Arnel Taci hält ihn bravourös von allen Comedy- und Hiphop-Klischees entfernt), der sich selbst illusionslos als „kleines Licht“ bezeichnet, seine Chance im Drogen- und Mädchenhandel mittelständischen Formats sucht, möglicherweise den Grundstock seiner Alterssicherung bei der Lehman-Pleite verloren hat - und, ohne mit der Wimper zu zucken, einem seiner Mädels die Kehle durchschneiden würde. Letztlich unterscheidet ihn nur sein Dialekt von Hannes Jaenickes zynischem Streifenpolizisten Günther Patzak, dem man nach wenigen Minuten jede Gemeinheit zutraut. So wie die kindlich wirkende Prostituierte Irina (Anja Antonowicz) in ihrem berechnenden und feigen Verhalten Ebenbild der jungen Polizistin Petra Koppen ist, die immer den Mund hält und wegschaut, wenn es darauf ankommt.

Mitten im heillosen Gewirr aus Halbwelt und normaler, in beide Richtungen ermittelnd, steht Horst Schimanski, den Götz George mit imponierender Disziplin fassungslos und ungewohnt wortkarg den Niedergang seiner Welt beobachten lässt. So gebrochen und ratlos hat man den notorischen Bullen noch nie gesehen: Zehn Jahre lang, zwischen 1981 und 1991, tobte er wie ein Berserker gegen das Böse, sendungsbewusst noch dann, wenn er den übelsten Sumpf und den schlimmsten Dreck unter weißen Westen aufgedeckt hatte. Nach sieben Jahren Pause gab er den alternden Unverbesserlichen, in Maßen desillusioniert, aber immer noch gut für einen überraschend derben Fluch oder einen geistreichen Sarkasmus. Dass man nun manchmal leichten Überdruss empfand, lag nicht generell am Habitus des einsamen Wolfs, aber daran, dass dieser dauerpubertierend in Richtung Hesse-Steppe und zu oft am Heute vorbeischielte.

In Erinnerung bleibt der leere Blick

Vielleicht ging einem aber auch nur das ewige Draufgängertum auf die Nerven, diese Stuntman-Fitness eines Endfünfzigers, dann Mittsechzigers. Sei's drum, dass vielleicht der demographische Wandel diesmal am Drehbuch mitgeschrieben hat - dieser Schimanski, der bei den (sparsamer eingesetzten) Prügeleien und Autojagden überlegt, wo und wie er zuschlagen kann, ohne die Knochen zu gefährden, dieser mitunter gebrochene Mann, der vergeblich Trost in alten Ritualen sucht und gelernt hat, sich zu beherrschen - dieser dünnhäutigere Schimanski weckt neues Interesse. Zu ihm passt es, dass er verlegen vor die Geliebte tritt, ein „Gib mir noch 'ne Chance“ stottert, was sie lakonisch mit einem „Gib mir 'nen Kuss“ erwidert; zwei Halbsätze, die bezeugen, dass auch in diesem stummen Heute noch Gefühle durchdringen - zumindest, wenn man von gestern ist.

Resignation heißt nicht Spannungsverlust. Im Gegenteil: Anfangs glaubt man dem Ausruf eines Polizisten, Schimanski sei zum Amokläufer geworden. Und am Ende, wenn eine Frau - es ist nicht die durchgedrehte Prostituierte - einen Revolver auf den Hilflosen richtet, steigt die Pulszahl. Sogar für Humor bleibt Raum - eine grotesk karierte Holzfällerjacke, die Schimanski zum gerupften Plüschteddy macht, sein Kommentar, wenn er, die Notwehr von Frauen anwendend, einen jüngeren Gegner in den Unterleib tritt.

In Erinnerung aber bleibt der leere Blick, mit dem anfangs und am Schluss Götz Georges Schimanski, selbst schwer angeschlagen, sein verblutendes Gegenüber ansieht und doch nicht sieht. So könnte ein gealterter Massenmörder um sich blicken oder ein Polizist, dem am Ende des Lebens alle Illusionen abhandengekommen sind. Womit man wieder beim Milieu wäre.

Schimanski: Schuld und Sühne läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

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