„Es ist Dienstag, 18. Januar 2000, 8.30 Uhr - nach mehr als dreißig Jahren endet eine Männerfreundschaft.“ So schnörkellos beschreiben Jean-Christoph Caron und Stephan Lamby das Finale eines Dramas, das am Beginn ihres Dreiteilers steht, der den kurzen Titel „Duelle“ trägt. Drei Showdowns von zeitgeschichtlicher Bedeutung schildern sie, der erste, meint der Grünen-Politiker Christian Ströbele, habe „shakespearesche Züge“ getragen. Wer den Film sieht und sich an die Ereignisse erinnert, wird ihm recht geben. Es geht um Helmut Kohl und um Wolfgang Schäuble. Um den Kanzler der Einheit und Parteiherrscher der CDU und seinen treuen Hofmeister und verhinderten Kronprinzen, es geht um vermeintlichen Verrat und um eine Freundschaft, die zerbrach - endgültig, wie wir den Worten von Wolfgang Schäuble entnehmen.
Mit Helmut Kohl können die Autoren über die Geschichte heute nicht mehr sprechen, doch ein Interview aus dem Jahr 2003 vermittelt seine Sicht der Dinge: Er ist bemüht, das Zerwürfnis, das mit dem Parteispendenskandal seinen Höhepunkt fand, zu den Akten zu legen. Von Intrigen will er nichts wissen. Dem heutigen Finanzminister geht es anders. Auch wenn er und fast alle anderen, die zu Wort kommen - Rita Süssmuth, die ehemalige CDU-Schatzmeisterin Brigitte Baumeister, Heiner Geißler, Rudolf Seiters, Jürgen Rüttgers - stets den Respekt vor der Lebensleistung des ehemaligen Bundeskanzlers zum Ausdruck bringen, schildern sie den Machtkampf in der Partei schonungslos. So schonungslos, wie es Politiker wohl nur können, wenn sie ein Kapitel für abgeschlossen halten und sich selbst jenseits aktueller politischer Kämpfe wähnen.
Ein unmenschlicher Preis, den niemand zahlen wollte
Sie schildern die Geschichte der Bundesrepublik von den siebziger Jahren bis zur Jahrtausendwende aus einer Perspektive, in der das Persönliche und das Politische so nahe beieinander liegen, dass eine Unterscheidung nicht mehr möglich scheint. Alles ist möglich, alles wird Taktik, nichts scheint mehr sicher, nicht die für unverbrüchlich gehaltene Treue, nicht die Männerfreundschaft, nicht das familiäre, ja „brüderliche“ Verhältnis zwischen Kohl und Schäuble, ja nicht einmal mehr die persönliche Anteilnahme Kohls an Schäubles Schicksal, als dieser nur knapp ein Attentat überlebte. Das hört man zumindest aus den Worten von Thomas Schäuble, dem Bruder des Ministers, heraus. Helmut Kohl wiederum zeigt sich fassungslos über den „Hass“, den er zu spüren bekommen habe.
Das ist Shakespeare, wie Ströbele sagt. Das ist ein bitteres Fazit auch noch ein Jahrzehnt später. Das ist ein unmenschlicher Preis, den niemand zahlen wollte. Das ist ein Kampf um die Macht, ein „Duell“, das keinen Sieger, sondern nur Verlierer kennt - die verlorene Wahl im Jahr 1998 spielt dabei nicht einmal die entscheidende Rolle. Jean-Christoph Caron und Stephan Lamby schildern die Geschichte dieser beiden Männer ungemein konzise und packend, sie verdichten die Volten, die ihr Kampf für- und mit- und dann gegeneinander nahm, zu einem Lehrfilm. Am Schluss geben die Filmemacher erst Kohl das Wort, der im vergangenen Jahr noch einmal öffentlich mit Schäuble Frieden machen wollte, und dann Schäuble, der Kohl Respekt zollt, bevor er sagt: „Ich will nichts mehr mit ihm zu tun haben.“